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Fussball-Stadien Emotional geladen

Gegen den Willen der SPD und mit Hilfe der Opposition wollen die FDP-Politiker Genscher und Mischnick zusätzliche 30 Millionen Mark aus der Bundeskasse für die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 lockermachen.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, Sportchef der sozialliberalen Koalition, hatte noch im vergangenen November Zuversicht gespendet. Der Bund werde sich, so kabelte er dem Deutschen Fußball-Bund, mit 80 Millionen Mark am Ausbau von acht Stadien für die Endrundenspiele der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 beteiligen -- 30 Millionen Mark mehr, als ursprünglich eingeplant war. Genscher versprach damals Hermann Neuberger, dem DFB-Organisator für das große Balifest auf deutschem Platz und Boden: »Sie können in Zukunft von dieser Summe ausgehen.«

Jetzt aber mußte Genschers Sport-Abteilungsleiter Cornelius von Hovora seinen Dienstherrn berichtigen: »Wir haben uns wohl verrechnet. Da ist leider Gottes etwas schiefgegangen.«

Für das »überraschende Ereignis« (Genschers Staatssekretär Wolfram Dorn) hatte der Koalitionspartner gesorgt. Mit Zweidrittelmehrheit lehnte es die sozialdemokratische Bundestagsfraktion ab, über die zugesagten 50 Millionen Mark hinaus weitere Bundes-Millionen für die Arenen abzustellen.

Die Sozialdemokraten mochten nicht einsehen, daß die DFB-Funktionäre acht zum Teil veraltete Großstadien auf Kosten der Steuerzahler gleich in Luxus-Arenen mit jeweils 20 000 überdachten Sitzplätzen und störungsfreien Zugängen für die Ehrengäste verwandeln wollen. Den Parlamentariern erschien die Nachzahlung nicht vonnöten, zumal der Um- und Neubau ohnehin schon 350 Millionen Mark verschlingt -- 150 Millionen mehr als ursprünglich geplant.

Unter der Führung ihres Jungparlamentariers und Mitgliedes des Haushaltsausschusses Peter Säckl ließ sich die Mehrheit der SPD-Fraktion auch nicht von einem vorsorglich vom SPD-Sportexperten und früheren deutschen Zehnkampfmeister Friedel Schirmer mitentworfenen Gemeinschaftsantrag der drei Bundestagsfraktionen schrecken, im Eventualhaushalt 1972 zusätzlich 30 Millionen Mark »für den Aus- und Neubau von Stadien aus Anlaß der Fußball-Weltmeisterschaft 1974« bereitzustellen.

SPD-Fußballfreund Schirmer dagegen war betrübt: »Das ging nicht so sehr gegen die Summe, das war emotional geladen.«

Noch unangenehmer war der SPD-Beschluß für den FDP-Fraktionschef Wolfgang Mischnick, Fußballfan und Dauergast auf der Tribüne des Bundesliga-Klubs Eintracht Frankfurt. Obwohl die Freidemokraten in allen Städten gegen die teuren Stadienbauten gestimmt hatten und in Stuttgart sogar das Volk befragen ließen (nur zehn Prozent der Stimmberechtigten sprachen sich für den Umbau aus), hatte der frühere Frankfurter Stadtverordnete Mischnick Anfang November die Minister Genscher und Schiller aufgefordert, ohne Rücksicht auf die notleidenden Bundesfinanzen »die Mittel des Bundes für den Ausbau der Stadien zu erhöhen«.

Mischnick vermutete, »die politische Bedeutung« der Fußball-Weltmeisterschaft und »ein weltweites publizistisches Echo« rechtfertigten die Bonner Subvention und spekulierte auf Zuspruch der Stadt Frankfurt.

Denn der Magistrat der hochverschuldeten Main-Metropole will nur dann dem Ausbau des antiquierten Waldstadions zustimmen, wenn der Bund weit mehr als die bislang zugesagten 6,25 Millionen Mark spendet. Frankfurts Kämmerer Solch: »Sonst liegt der Ausbau-Plan im Sterben.« Zusammen mit DFB-Neuberger überzeugte Mischnick Parteifreund Genscher von der Bedeutung der

publicityträchtigen Spende.

Zwei Wochen später gab der Bonner Sportminister vor einem interfraktionellen Gesprächskreis die Auflassung: Finanzkollege Schiller habe zugestimmt, das Geld aus dem Eventualhaushalt für die Balitreter bereitzustellen.

Nach dem Scheitern des Mischnick-Planes in der SPD-Fraktion will sich nun die CDU/CSU-Opposition das Wohlwollen und den Beifall des Fußballvolkes holen. CSU -Landesgruppenchef Richard Stücklen, Mitglied des 1. FC Nürnberg, will auf der Basis der Genscher-Zusagen einen Fraktionsantrag der CDU/CSU im Bundestag einbringen. Stücklen hofft, mit diesem Antrag erstmals in dieser Legislaturperiode die Koalitionsfraktionen zu spalten und mit Hilfe von Fußballfans aus SPD und FDP der Union zu einem Abstimmungssieg zu verhelfen.

Der CSU-Abgeordnete Erich Riedl schwärmt schon von neuen parlamentarischen Konturen-. »Barzel und Fraktion, Mischnick und Fraktion sowie einige SPD-Sportler: Da haben wir's ja schon.«

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