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Arbeitszeit Empörte Faxe

Die Gewerkschaften bewegen sich im Streit um die Arbeitszeit, doch die Basis murrt.
aus DER SPIEGEL 5/1995

Ein paar Rheinland-Pfälzer machten ihrem Ärger Luft, und fast das gesamte Delegiertenvolk auf dem Kongreß der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) stimmte ihrer Resolution zur Kanzlerrunde zu. Adressat des Unmuts war der Mann aus den eigenen Reihen, DGB-Chef Dieter Schulte.

Mit seinem Vorschlag, in die Diskussion über die Lösung der Beschäftigungskrise auch über die Vier-Tage-Woche ohne vollen Lohnausgleich und den Verzicht auf den freien Samstag zu diskutieren, hatte Schulte in der vergangenen Woche die Basis aufgebracht.

»Ich spreche dem DGB-Chef die Berechtigung ab, solche Vorschläge auf den Tisch zu legen«, zürnte der Mainzer HBV-Landesvorsitzende Uwe Klemens, höchst ärgerlich sei es für ihn und seine Leute, mitzubekommen, »was da wieder beim Kanzler läuft«.

Die Aufregung war unbegründet. Ganz harmonisch trafen sich Gewerkschafter und Arbeitgeber am Mittwoch vergangener Woche mit Bundeskanzler Helmut Kohl. Und am Ende konnten sich die Arbeitnehmervertreter sogar als Sieger fühlen. Drei Milliarden Mark will die Bundesregierung für Langzeitarbeitslose ausgeben, mit dem Geld sollen Lohnkostenzuschüsse von bis zu 80 Prozent finanziert werden. Ausgerechnet der liberale Wirtschaftsminister Günter Rexrodt soll Branchendialoge mit Gewerkschaften und Unternehmern moderieren - eine Uralt-Forderung der Arbeitnehmervertreter.

Die neue Harmonie überrascht. Noch vor wenigen Wochen hatten die Arbeitgeber mit harten Worten den Abbau sozialer Leistungen gefordert, nun kommen von allen Seiten versöhnliche Zeichen. DGB-Chef Schulte dachte laut über einen Kurswechsel nach, und erhielt prompt Lob von Arbeitgeberpräsident Klaus Murmann. Und der Kanzler bemühte sich auffällig um die Zuneigung der Arbeitnehmervertreter.

Doch schon bei der nächsten Kanzlerrunde soll Klartext geredet werden - über so heikle Themen wie die Flexibilisierung der Arbeitszeiten und die Lohnnebenkosten.

Noch suchen die Tarifpartner nach dem richtigen Profil für die Zeit nach der Krise. Noch ist unklar, welche ihrer Positionen und Rezepte die Rezession überdauern werden. Kann heute, wo der Aufschwung einsetzt, den Beschäftigten die Vier-Tage-Woche ohne Lohnausgleich zugemutet werden? Die Mehrheit der Deutschen ist jedenfalls dagegen (siehe Grafik).

Hat das Drängen nach regulärer Samstagsarbeit überhaupt eine Chance? Und wer hört noch auf die Arbeitgeberklagen über den Standort Deutschland, wenn ausgerechnet die Exportwirtschaft wieder üppige Zuwachsraten meldet?

Mit seinen Vorschlägen hat Schulte die Funktionäre und Mitglieder in den Gewerkschaften verwirrt. »Bei uns hat es noch keine umfassende Diskussion darüber gegeben«, meint HBV-Mann Klemens. Ohne Not, klagt Opel-Betriebsrat Klaus Franz, würden Positionen geräumt - »und das mitten in der Lohnrunde«.

In vielen Branchen stehen schwierige Tarifverhandlungen an. Die Metaller haben bereits die ersten Warnstreiks angedroht.

In der Stuttgarter Verwaltungsstelle der IG Metall gingen nach Schultes Ankündigung meterweise empörte Faxe aus den Betrieben ein; einen ganzen Tag lang habe er nichts anderes zu tun gehabt, als die aufgewühlten Gemüter von Funktionären und Mitgliedern zu besänftigen, seufzte der Hamburger IG-Metall-Bezirksleiter Frank Teichmüller nach dem Schulte-Schock.

Auch Walter Riester, Vize der Metallergewerkschaft, der anläßlich der laufenden Tarifrunde durch die Bezirke tourt, mußte die um den freien Samstag und Einkommen bangende Basis trösten. Darüber könnten nur die Tarifparteien und nicht die Bonner Runde entscheiden, beschwichtigte er: »Die Angst ist unbegründet.«

Aber sie ist groß. Die Wirtschaftskrise hat von den Arbeitnehmern viel gefordert. Hunderttausende von Arbeitsplätzen gingen verloren; um Schlimmeres zu verhindern, haben die Beschäftigten zum Teil schmerzhafte Opfer gebracht. Die realen Einkommen sind geschrumpft, und immer neue Abgaben fressen tiefe Löcher in die Budgets.

In den Reaktionen auf die Kanzlerrunde spiegelt sich die Zerrissenheit der Gewerkschaften. »Wir sind bereit, über alles zu reden«, sagen dieselben Funktionäre, die in der vergangenen Woche gegen Schultes Vorschläge protestierten. »Es gibt immer mehr Leute in den Gewerkschaften, die bereit sind, alle Tabus wegzuschieben und über alles zu reden«, sagt ein IG-Metaller aus der Frankfurter Zentrale. Aber kaum einer tut es laut.

In den Unternehmen sind viele der umstrittenen Tabus längst gefallen. In den meisten Metallbetrieben wird am Samstag gewartet und repariert, seit wieder neue Aufträge kommen, werden samstags zunehmend Sonderschichten gefahren. Bei BMW in Regensburg sind Vier-Tage-Woche und Samstagsarbeit längst Routine (siehe Seite 83), Mercedes-Arbeiter in Rastatt treten am sechsten Tag sogar ohne Zuschläge an.

Auch die von Schulte avisierte Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich ist schon Praxis. VW ist der prominenteste, aber nicht der einzige Betrieb, in dem die Beschäftigten mit drastischer Arbeitszeitverkürzung ohne vollen Lohnausgleich ihre Jobs sicherten.

Der Metalltarifvertrag gibt den Unternehmen die Möglichkeit, die Arbeitszeiten bis auf 32 Stunden pro Woche zu senken, ohne Lohnausgleich; in der Chemieindustrie können die Unternehmen auf 35 Stunden heruntergehen, ebenfalls ohne Lohnausgleich. Der sieche Bergbau erhielt mit der Vier-Tage-Woche - ohne Lohnausgleich - rund 100 000 Jobs.

Die Realität, die die Gewerkschafter in den vergangenen Jahren geschaffen haben, ist längst vielfältiger als ihre Rhetorik.

Eine generelle Lösung kann die Vier-Tage-Woche jedoch nicht sein. Eine Verkäuferin verdient höchstens 3060 Mark im Monat, ein Montagearbeiter im Norddeutschen hat 3322 Mark brutto, 200 Mark mehr ein Lagerarbeiter im Großhandel. »Was wollen wir unseren Leuten denn zumuten?« fragt eine HBV-Gewerkschafterin. »Und was bekommen sie dafür?«

Wer garantiert, daß die radikale Arbeitszeitverkürzung wirklich neue Arbeitsplätze schafft? Die Erfahrung der Beschäftigten in den Unternehmen ist eine andere: Abgebaut wird weiter.

»Die Vier-Tage-Woche schafft keine neuen Arbeitsplätze«, warnt auch der IG-Metaller Frank Teichmüller. Sie kann allenfalls Jobs sichern - als eine von vielen anderen Möglichkeiten, Arbeit flexibler zu gestalten.

Der Programmierer mit 7000 Mark brutto im Monat hat andere Interessen als der Arbeiter am Band, der Waagenhersteller in Albstadt braucht andere Organisations- und Arbeitszeitformen als der Autokonzern in Köln.

»Wir müssen über Neues reden, aber differenzierter«, sagt Opel-Betriebsrat Franz. »Wir brauchen keine kollektiven Lösungen mehr.« Y

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Arbeitszeit: Emnid- Meinungsumfrage

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