Ende des Lieferstreiks Bauern feiern ihren Triumph

Sie waren gekommen, um Stärke zu zeigen: Mit Treckern, Bannern und Plakaten zogen rund 7000 Milchbauern nach Berlin. Ihre Demonstration wurde zur Siegesfeier - die großen Discounter haben vor den Landwirten kapituliert.

Von


Berlin - Noch haben sie sich in das bisschen Schatten gedrängt, das der angrenzende Tiergarten hergibt. Nur ein paar Tapfere stehen schon in der prallen Sonne, bilden die Vorhut für das, was die "Großdemonstration" der Milchbauern in Berlin werden soll. Mit 350 Traktoren sind sie gekommen, in Zweierreihen stehen die vor dem Brandenburger Tor, bis weit die Straße hinunter hin zur Siegessäule.

Triumph der Bauern: Vor dem Brandenburger Tor feierten sie ihren Erfolg
DDP

Triumph der Bauern: Vor dem Brandenburger Tor feierten sie ihren Erfolg

Der Ort ist nicht zufällig gewählt, die Bauern hatten Grund zu feiern - und zwar in erster Linie sich selbst. Ihr Streik der vergangenen zehn Tage hat gewirkt: Erst ist Lidl eingeknickt, dann Rewe. Schließlich zeigte selbst Aldi Verhandlungsbereitschaft - der Discounter, der die Preise in der Branche vorgibt. Sie alle haben sich dem wütenden Protest, dem Lieferboykott und der Blockade der Molkereien gebeugt und wollen wieder mehr für den Liter Milch zahlen.

"No milk today" in der Endlosschleife

Kein Wunder also, dass fast ausgelassene Freude herrscht am Brandenburger Tor, aus den vielen sonnengegerbten Gesichtern spricht fast ungläubiges Staunen über den eigenen Erfolg. Aus ganz Deutschland sind sie gekommen, viele aus Bayern, aber auch aus dem Norden, selbst Holland, Belgien und die Schweiz haben Vertreter geschickt. 7000 Landwirte sollen es sein. Aus den Boxen dudelt in einer Endlosschleife "No milk today" - mal in der englischen, dann wieder in der deutschen Version. Trotz der Hitze streifen sich viele Bauern weiße Overalls über - "das symbolisiert die Milch", sagen sie.

Und dann geht es los. Auf der Rednertribüne haben sich die Anführer des Aufstands versammelt: Romuald Schaber steht da, der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM), umringt von Kameras und Mikrofonen. Außerdem die anderen Vorstandsmitglieder, der Sprecher Hans Foldenauer. Ganz plötzlich haben sich die Reihen aus dem Schatten gelöst, frenetischer Jubel brandet auf, es wird geklatscht, gejohlt - die vielen Kuhglocken, die die Bauern schwenken, machen einen unglaublichen Krach. "Jetzt geht's los, jetzt geht's los", singen die Demonstranten, minutenlang.

Was folgt, ist eine lange Liste von Rednern, der Tenor ist eindeutig: Wir haben es geschafft, wir sind stark, und wir geben nicht mehr klein bei. "Dieser Streik ist erst der Anfang", beschwört Vorstandsmitglied Walter Peters das Publikum. "Liebe Molkereien, wir sind da und wir werden nicht mehr locker lassen", kündigt die Milchbäuerin Gabriele Stockhoff an. Und der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Friedrich-Wilhem zu Graefe von Baringdorf, glaubt gar: "Zur Zeit ist der liebe Gott Mitglied des BDM."

"Mindestlohn für Kühe"

Immer wieder werden die markigen Reden vom begeisterten Jubel unterbrochen, Plakate werden geschwenkt, auf denen es "Mindestlohn für Kühe" oder "Seehofer nimm' Deinen Hut" heißt. Überhaupt ist man hier nicht gut zu sprechen auf die "Oberen", auf die Politik, aber auch nicht auf den mächtigen Deutschen Bauernverband. Der Grund für die miserablen Bedingungen sei in den eigenen Verbänden zu suchen, empört sich Peters - das Publikum dankt es ihm mit wildem Applaus und Pfiffen.

Denn tatsächlich hat der kleine BDM das geschafft, was der große Deutsche Bauernverband seit Jahrzehnten nicht erreicht hat: Deutschlandweit haben sich Landwirte organisiert, sind auf die Straße gegangen, haben Molkereien blockiert. Milchbauern aus dem Ausland haben sich solidarisiert. Und selbst die Verbraucher haben die rebellierenden Bauern ins Herz geschlossen, die mit der kleinen, schwarz-rot-goldenen Kuh namens Faironika für faire Preise kämpfen. "Der wütende Bauer steht für David, die Molkereien sind Goliath", bringt Bäuerin Stockhoff das Selbstverständnis auf den Punkt.

Renitente Bauern zu lange unterschätzt

Die Milch verarbeitende Industrie hat die renitenten Bauern um BDM-Chef Schaber lange unterschätzt. Zu lange - so dass aus dem geplanten Lieferstopp eine Blockade der Molkereien wurde, dass sich auch Bauern angeschlossen haben, die bisher noch nicht im BDM organisiert waren. Arrogant sei die Reaktion der Molkereien gewesen, heißt es - und unfair obendrein: Von Milchzukäufen im Osten wird erzählt und von Schleichwegen der Milchlaster, die die Bauernhöfe nachts angefahren haben.

Fast mit Triumphgeheul wird Schaber deshalb empfangen, als der schließlich als letzter Redner das Wort ergreift. "Wir haben falsch eingeschätzt, dass die Molkereien so hartnäckig und so erfinderisch sind, wenn es darum geht, sich gegen die Bauern zu stellen", streichelt er noch einmal die Seele seines Publikums. Um dann zu verkünden, was alle erhofft haben: "Es ist genug. Ich bitte Euch, ab heute Abend wieder Milch zu liefern."

Schabers Worte gehen im Jubel unter, erst nach Minuten kann er hinterherschieben, was ihm genauso wichtig ist, wie der Erfolg: "Der Jubel soll die Gegenseite nicht täuschen. Wenn sie versucht, uns in den Verhandlungen aufs Kreuz zu legen, dann sind wir wieder da!" Dann aber, so die unverhohlene Drohung, streiken nicht nur 60 bis 70 Prozent der Bauern. "Dann sind 90 bis 95 Prozent dabei."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.