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Bahrain: Die Zeit nach dem Öl-Boom

Foto: Gero Breloer/ picture-alliance / dpa/dpaweb

Ende des Rohstoff-Booms Stresstest für die Ölscheichs

Die Reserven schwinden, die Bevölkerung wird unzufrieden - früher als andere Länder muss sich der Inselstaat Bahrain auf die Zeit nach dem Öl-Boom einstellen. Das Konzept der Königsfamilie: weg vom Wohlfahrtsstaat, hin zur Leistungsgesellschaft.

Scheich Mohammed bin Essa bin Khalifas Großvater konnte sich noch erinnern an die Zeit vor dem Öl. Daran, wie um 1910 die Pest in Bahrains Hauptstadt Manama wütete, wie es einem Festmahl gleichkam, wenn Fleisch auf den Esstisch der Familie kam. "Selbst mein Vater hat noch erlebt, dass die Häuser keine Klimaanlagen hatten, dass sie nur durch nasse Lappen gekühlt wurden, die vor die Fenster gehängt wurden."

Die Zeiten, von denen Khalifa in seinem auf frische 18 Grad heruntergekühlten Büro berichtet, sind lange vorbei. Durch Panoramascheiben blickt der Geschäftsführer der "Gesellschaft für die wirtschaftliche Entwicklung Bahrains" auf die seltsam gesichtslose Skyline einer Hauptstadt, wie sie typisch ist für einen modernen Ölstaat: Hochhaustürme, die in den heißen Himmel ragen, Kräne über Kräne, mit denen die nächsten Bauprojekte hochgezogen werden.

Es gibt viele Faktoren, die Bahrain zu einem besonderen unter den Ölstaaten am Persischen Golf machen. Da waren die frühen Ölfunde; 1932 wurde die gerade mal 40 mal 20 Kilometer große Insel zum ersten Ölförderer der Region. Die Petro-Dollars machten nicht nur das zwei Jahrhunderte regierende Königshaus reich. Der Staat, der bis dato von Handel und der Perlenfischerei gelebt hatte, investierte in Bildung. Zu Tausenden kehrten Lehrer und Facharbeiter Jahrzehnten ihrer Heimat den Rücken, um bahrainisches Know-how in die Nachbarländer zu exportieren.

Mit den steigenden Ölpreisen in den siebziger Jahren jedoch fielen auch Bahrains Herrscher den Verlockungen des Geldes zum Opfer. "Das Öl war Fluch und Segen zugleich", sagt bin Khalifa. Mit den Petro-Dollars sei ein reiner Wohlfahrtstaat finanziert worden.

Das Geld hat zu einer Bequemlichkeit geführt, die sich Bahrain nie hätte leisten dürfen. Denn im Vergleich zu seinen Nachbarn ist es fast ein Habenichts. Saudi-Arabien, vor dessen Küste es liegt, holt täglich etwa 10 Millionen Barrel aus der Erde. In Bahrain sind es rund 30.000 Barrel. Und in gut 25 Jahren sollen die Vorkommen großteils erschöpft sein.

Arme Schiiten, reiche Sunniten

Während die Oberschicht jahrzehntelang ihren obszönen Reichtum genoss, lebte das Volk mit dem Minimum. Bis in die späten neunziger Jahre hinein wurden Proteste gegen diese Zustände gewaltsam klein gehalten. Dann kam ein neuer König - und mit ihm behutsame Reformen, die jedoch nicht weit genug gingen. Noch heute kommt es regelmäßig zu Ausschreitungen der mehrheitlich schiitischen Bevölkerung gegen die herrschende Klasse der Sunniten.

Arme Schiiten, reiche Sunniten: Ärger ist in Bahrains 700.000-Einwohner-Gesellschaft programmiert. Kronprinz Prinz Salman bin Hamas al-Khalifa rief deshalb vor gut einem Jahr die "Vision 2030" aus. Der Plan, dessen Umsetzung von der "Gesellschaft für die wirtschaftliche Entwicklung Bahrains" beaufsichtigt werden soll, ist ambitioniert. Vom Ölreichtum zur weltweit konkurrenzfähigen Leistungsgesellschaft, "vom regionalen Pionier zum globalen Wettbewerber" - das ist das Motto. Treibende Kraft soll die Privatwirtschaft werden. 2030 soll das Ziel erreicht sein, das Einkommen jedes Haushalts im Inselstaat zu verdoppeln.

Tatsächlich hat Bahrain immer wieder Pioniergeist bewiesen. Früher als alle Nachbarn setzte es auf Diversifizierung der Wirtschaft. Diese ist heute breiter aufgestellt als sonst in der Region üblich - auch wenn noch 70 bis 80 Prozent der staatlichen Einnahmen auf Öl zurückzuführen sind.

Ausländer sollen für Bildung der Einheimischen zahlen

Wie andere Golfstaaten will Bahrain die hohen Ölpreise nutzen, um Jobs zu schaffen und die Bürger aus ihrer Abhängigkeit von staatlichen Almosen zu holen. Die offizielle Arbeitslosenquote im Staat liegt derzeit bei 3,8 Prozent, Experten gehen jedoch davon aus, dass die wahre Zahl größer ist. Ein Fünf-Jahres-Plan sieht nun vor, 185.000 Einheimischen einen Arbeitsplatz zu geben und die Zahl der Gastarbeiter drastisch zu reduzieren. 35.000 Bahrainis mit akademischer Ausbildung sollen weitergebildet werden und dann Positionen einnehmen, die bisher Ausländer haben. 150.000 Einheimische mit Abitur sollen ausgebildet werden, um Arbeit in der Privatwirtschaft zu finden. Dafür zahlen sollen über Sondergebühren auch ausländische Arbeitnehmer.

Vor allem die Finanzindustrie gilt in Bahrain als zukunftsweisend. Schon jetzt ist die Insel eines der großen regionalen Zentren dafür, mehr als 400 Dienstleister aus der Branche sitzen hier. Banken machen ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts aus.

Dass Bahrain recht gut durch die Finanzkrise gekommen ist, liegt auch an Islamic Banking - Finanzgeschäften nach islamischen Regeln, einem boomenden Sektor. Er macht bis zu 20 Prozent des Geschäfts aus, Tendenz steigend. "Geldgeschäfte nach islamischen Prinzipien müssen von Natur aus konservativ sein", sagt Zentralbankgouverneur Raschid al-Maradsch. Risikoreiche Produkte mit hohen Gewinnversprechen seien nicht erlaubt, Islamic Banking muss ohne Zinsen auskommen. Al-Maradsch: "Das hat uns vor dem Schlimmsten bewahrt."

"Spannungen sind schlecht fürs Geschäft"

Besonders Bahrains Kronprinz treibt die Erneuerung des Landes voran. Auch Kritiker sagen, er habe einen guten Weg vorgezeichnet. Wie überall in der Region sei die dritte Herrschergeneration "liberaler als die Gründerväter", sagt Toby Jones, der für die International Crisis Group in Bahrain war. "Die jungen Kronprinzen verstehen die Komplexität der Lage." Das Problem sei nur, dass der Wille zur Veränderung nicht aus dem Glauben an Fortschritt entspringe, sondern zum Machterhalt. "Die Arbeitsmarktreform soll helfen, den Frieden im Land zu sichern, so dass weiter Geld gemacht werden kann." Bahrain sei eines der korruptesten Länder am Golf. Jones: "Das Gros der Einnahmen fließt direkt in die Schatulle der königlichen Familie."

Die einfachen Leute "haben nichts von der Arbeitsmarktreform, von ihr profitiert vor allem die Mittelklasse", sagt Nabil Raschab, Präsident der Menschenrechtsgesellschaft Bahrain. Die meist schiitische Unterschicht werde weiter an den Rand gedrängt und diskriminiert. Raschab fordert politische Reformen und ein Parlament, das nicht nur Beiwerk zur Monarchie ist wie derzeit: "Wenn die Regierung vom Volk zur Verantwortung gezogen werden könnte, würde man auch beginnen, der Korruption den Krieg zu erklären." Erst wenn die Schiiten, die bis zu 70 Prozent der Bevölkerung stellten, ein entsprechendes Mitspracherecht bekämen, könne Bahrain in Frieden weiter wachsen. "Die Elite muss verstehen, dass man Spannungen nicht wegreden darf", sagt Raschab. "Man muss sie beheben, denn sie sind schlecht für das Geschäft."

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