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21. Juli 2009, 07:11 Uhr

Ende einer Kultkamera

Die letzten Stunden der Rolleiflex

Von Henning Zander

Fast 90 Jahre lang wurden in Braunschweig Rollei-Fotoapparate hergestellt - doch damit ist jetzt Schluss. Die Produktion steht still, 121 Mitarbeiter erhielten die Kündigung. Eine allerletzte Hoffnung gibt es noch: Ein Sammlerstück soll die Rettung bringen.

Hannover - Wenigstens die Jüngsten hat es nicht so hart getroffen. Alfred Oehl von der IG Metall ist froh, dass er alle Azubis in einer neuen Firma unterbringen konnte. Doch für alle anderen sieht es düster aus. Denn den Arbeitgeber Franke & Heidecke, einen Lizenzhersteller von Fotoapparaten der weltberühmten Marke Rollei, gibt es nicht mehr. "Es ist traurig, dass eine der wenigen deutschen Traditionsfirmen in der Optik dichtmacht", sagt der Gewerkschafter.

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Im Juni erhielten alle 121 Mitarbeiter des Rollei-Lizenznehmers Franke und Heidecke die Kündigung. Am 1. Juli wurde das Werk in Braunschweig dann stillgelegt, nur 15 Mitarbeiter sind noch da und arbeiten letzte Aufträge ab. Sollte nicht noch ein Wunder geschehen, werden am 30. September an der Salzdahlumer Straße 196 in Braunschweig endgültig die Lichter ausgehen.

Damit geht ein weiteres Stück Industriegeschichte verloren. Fast 90 Jahre sind unter der Marke in Braunschweig hochwertige Kameras für Profis hergestellt worden. Mit der Rolleiflex, der "Zweiäugigen" wie sie unter Liebhabern wegen ihrer zwei Objektive genannt wurde, kam 1929 der Durchbruch der Marke Rollei. Außergewöhnlich kompakt und robust bei einer gleichzeitig hervorragenden Bildqualität setzte sich die Kamera schnell bei Profis durch. Auch die Folgemodelle kamen gut an. In ihren Glanzzeiten Ende der fünfziger Jahre waren rund 2000 Mitarbeiter am Standort Braunschweig beschäftigt.

Doch das Unternehmen ging nicht mit der Zeit. Zu spät erkannte man, dass der Markt für zweiäugige Spiegelreflexkameras langsam gesättigt war. Zudem verbaute man sich Wachstumschancen, da viele Kameratypen nicht mit Filmen des damaligen Marktführers kompatibel waren. Schon in den sechziger Jahren begann das Unternehmen einen Schlingerkurs - immer nah an der Pleite. Managementfehler taten ihr übriges: So wurden gigantische Produktionsstätten in Singapur eröffnet, die jedoch nie mit Aufträgen aus der Heimat ausgelastet werden konnten.

Jahrzehntelanger Schlingerkurs

1981 wurde die erste Insolvenz unausweichlich, Hunderte Mitarbeiter mussten gehen. Es folgte die Neugründung der Rollei Fototechnic GmbH - der heutigen Rollei GmbH. 2004 wurde die Franke & Heidecke GmbH Feinmechanik & Optik gegründet und erhielt die Lizenz für die Produktion der Mittelformatkamera.

"Eigentlich stand die Firma seit dieser Zeit immer hart auf der Kippe, 30 Jahre lang", sagt Gewerkschafter Alfred Oehl. "Es ist beachtlich, dass sie solange durchgehalten hat." Doch zuletzt war nichts mehr zu retten. Noch im Herbst 2008 war der Unternehmer Hans Robert Schmid als Gesellschafter angetreten, den Betrieb zu sanieren. Eine Entscheidung, die der Gründer und Inhaber des Büroartikelversandes Printus vor allem aus Liebhaberei getroffen habe, wie die Beteiligten einhellig sagen. Er steckte einen größeren Millionenbetrag in die Sanierung. Doch auch dies half nichts.

So entpuppte sich die Neuentwicklung Hy6, mit der die Firma Franke und Heidecke den Markt für Profi-Digitalkameras aufrollen wollte, schnell als Ladenhüter - wegen der Wirtschaftskrise, aber auch weil die Qualität nicht stimmte. Wer für eine Kamera 35.000 bis 40.000 Euro ausgebe, schaue sich das Produkt genau an, sagt Insolvenzverwalter Christoph Kirchberg. Und: "Wer eine solche Investition vornimmt, möchte auch sichergehen, dass es die Firma in ein paar Jahren noch gibt", sagt er.

Ein Stück Kulturgeschichte bleibt

Franke und Heidecke hatte nicht genug Zeit, die Fehler zu beseitigen. Im Februar ging der Firma das Geld aus. Insolvenzverwalter Kirchberg kämpft seitdem für das, was vom Betrieb übriggeblieben ist. Noch im Mai und Anfang Juni führte er Gespräche mit möglichen Investoren. Doch es war zu wenig, was Kirchberg bieten konnte. Weder gab es Immobilien, noch gehörte der Maschinenpark der Firma. Und nicht einmal die Rechte an der Hy6 hatte man behalten. Mit jedem Tag wurden neue Schulden angehäuft. Ein Zustand, den der Insolvenzverwalter gegenüber den Firmengläubigern nicht vertreten konnte. So war die Schließung des Werks unausweichlich.

Kirchberg will dennoch bis zum letzten Tag kämpfen. "Ich stehe in Gesprächen mit Investoren, die eventuell die alte Zweiäugige weiter produzieren und zudem Zubehör und Reparaturdienste anbieten wollen", sagt Kirchberg. Eine solche Lösung könne er sich gut vorstellen. Denn die alten Kameras genießen unter Sammlern Kultstatus. Schon zu Franke-und-Heidecke-Zeiten wurden regelmäßig Sondereditionen aufgelegt. Mit einem solchen Geschäftsmodell könnten zehn bis 20 Mitarbeiter beschäftigt werden, sagt Kirchberg.

Für treue Fans bleibt ein Trost: Die Marke Rollei wird es weiter geben. Schon 2007 hatte sich die Firma RCP-Technik aus Hamburg den Markennamen für den Vertrieb von digitalen Kompaktkameras gesichert. Die werden allerdings nicht in Braunschweig produziert - sondern in Fernost.

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