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DÄNEMARK Ende einer Legende

Ein dänischer Historiker zerstörte einen Mythos: Dänemarks Weltkrieg-II-Saboteure waren keineswegs so erfolgreich, wie sie heute noch glauben.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Dänische Widerständler, die einst gegen deutsche Besatzer kämpften, kämpfen jetzt gegen einen Landsmann -um ihren Kriegsruhm als Eisenbahn-Saboteure.

26 Jahre lang glaubten sie und ihr Volk, sie hätten in den zwölf letzten Kriegsmonaten durch Sabotage-Aktionen in Jütland Hitlers Truppentransporte von Norwegen an die deutschen Hauptfronten entscheidend verzögert.

So hatte es jedenfalls der britische Feldmarschall Montgomery nach seinem Einzug in Kopenhagen verkündet. Und der jütländische Untergrundchef Oberstleutnant Vagn Bennike hatte präzisiert: Statt zwei Divisionen hätten die Deutschen monatlich nur eine halbe Division durch Jütland gebracht.

Diese Bilanz wurde fortan -- so Kopenhagens »Politiken« vom dänischen »Hurrapatriotismus« und bald »klammheimlich« von der wissenschaftlichen Literatur des Königreichs übernommen.

Doch der Däne Aage Trommer, Lektor an der Universität Odense (Insel Fünen), Experte in dänischer Besatzungszeitgeschichte« rupfte jetzt in seiner Dissertation »Die Eisenbahn-Sabotage in Dänemark während des Zweiten Weltkriegs"** -- den Partisanen-Lorbeer.

Zu Beginn seiner Arbeit hatte Doktorand Trommer selbst an den Sabotage-Mythos geglaubt und ihn wissenschaftlich belegen wollen. Doch »mit Überraschung, um nicht zu sagen: mit Verblüffung« stellte er fest, daß die Legende nicht zu belegen war.

In Dokumenten der Dänischen Staatsbahnen und der deutschen Wehrmacht erforschte Trommer: Von Juni 1944 bis Mai 1945 wurden 30 deutsche Regimenter, Brigaden oder Divisionen durch Jütland geschleust. Aber: 24 dieser Einheiten wurden nicht oder nur unerheblich, lediglich sechs um mehr als 24 Stunden aufgehalten -- am längsten eine Panzerdivision mit gut 60 Stunden. Keine dieser Verspätungen habe die deutsche Kriegsführung operativ behindert.

Die Tapferkeit der Saboteure, von denen viele im Kampf oder an der Wand erschossen wurden, wollte Trommer keineswegs in Frage stellen. Mehrmals betont er in seiner Dissertation, daß er nicht die politische, psychologische und moralische, sondern allein die Links: US-Verkehrsminister Volpe.

** Aage Trommer: »Jernbanesabotagen i Danmark under den anden verdenskrig«. Odense Universitetsforlag, Odense; 323 Seiten; 69 dKr (etwa 33 Mark).

militärische Bedeutung der Sprengstoffanschläge erforschen wollte.

Dennoch fühlten sich Dänemarks Widerstands-Veteranen diffamiert. Zur öffentlichen Disputation der Trommer-Arbeit im Auditorium der Universität von Odense erschienen 800 Hörer. darunter auch ehemalige Saboteure.

Einer von ihnen, der Bauunternehmer Hans Nielsen aus Horsens, warf Trommer vor, er sei ein »Sensationsmacher"« der das dänische Volk verhöhne. Nielsen wurde vom Dekan aus dem Saal gewiesen.

Der frühere Sabotage-Chef der Region I (Nordjütland) Anton J. Toldstrup, durfte trotz ähnlichen Wortschatzes bleiben: »Sie, mein Herr, müssen zugeben, daß Sie Quatsch geschrieben haben.« Der Herr habe die psychologische und moralische Wirkung der Sabotage verschwiegen, seine Arbeit hätte nicht angenommen werden dürfen.

Ex-Saboteur Oberst a. D. Jorgen V. Helk: »War es nicht so. daß mehrere jütländische Bahnlinien zuletzt nicht mehr zweigleisig waren?«

Trommer: »Ja, aber entscheidend ist nicht, ob es zwei Gleise, sondern daß es ein Gleis gab«

Der Oberst: »Ach so.«

Trommer erhielt seinen Dr. phil. »Politiken« über das Ende der Sabotage-Legende: »Nun hat auch dieser nationale Mythos einen Volltreffer bekommen.«

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