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Arbeitsmarkt ENDE EINES MONOPOLS

Private Firmen dürfen Arbeitsplätze vermitteln, die Arbeitsämter verlieren ihr Monopol. Der Konkurrenzdruck wird für frischen Wind in den Amtsstuben sorgen. Rund 2000 Bewerber stehen bereit - Zeitarbeitsfirmen, Personalberater und Existenzgründer hoffen auf gute Wachstumschancen in dem neuen Markt.
aus DER SPIEGEL 31/1994

Die härteren Arbeitstage beginnen am frühen Morgen um Viertel vor fünf. Dann trinkt Roman Geveler nach dem Aufstehen schnell einen Kaffee, setzt sich in seinen weißen Mitsubishi Galant und flitzt zu einem großen Parkplatz am Rande der westfälischen Kleinstadt Gronau.

Dort wartet schon ein Trupp von Männern, die Geveler ins 30 Kilometer entfernte Stadtlohn fährt. Die Montage-Arbeiter besitzen keinen Führerschein.

Geveler, 32, ist ein Mitarbeiter der holländischen Zeitarbeitsfirma Start, die vor zweieinhalb Jahren ein Büro in Gronau eröffnet hat. Doch manchmal kommt er sich »fast wie ein Sozialarbeiter« vor.

Start vermittelt ausschließlich Arbeitslose, vorzugsweise solche, die besonders geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben: Behinderte und Ausländer, Langzeitarbeitslose oder Spätaussiedler. Gewinne wollen die Vermittler dabei nicht erwirtschaften, alle Überschüsse fließen in Qualifizierungsprogramme für Interessenten.

Die Start-Leute sind allein mit dem Ziel angetreten, die Arbeitslosigkeit in der strukturschwachen Gronauer Region zu verringern. Die Zeitarbeit ist dabei nur ein Hilfsmittel: Über befristete Verträge sollen Arbeitslose erst einmal in Unternehmen hineingebracht werden, in denen sie sonst wenig Chancen hätten. Auf Dauer, so hoffen sie, könnten daraus schließlich feste Arbeitsplätze werden.

Bislang klappt das gut: Bei einem Viertel der 240 Vermittelten wurde aus dem Kurzzeit-Vertrag ein Dauerarbeitsplatz.

»Nur mit einigen Arbeitsämtern gab es Spannungen«, sagt Thomas Buß, der Leiter des Gronauer Start-Büros. »Sobald es hieß, auch wir würden eigentlich feste Stellen für unsere Leute suchen, wurden sie empfindlich - das dürfen wir schließlich nicht.«

Seit Montag dieser Woche ist dieser Ärger vorbei. Ab sofort können auch private Firmen Arbeitskräfte vermitteln, die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit (BA) verliert ihr Monopol. Bislang durften die Privaten nur wenige Menschen vermitteln - Fußballer etwa oder Models.

Bis zur letzten Minute haben die Beamten in Bonn an den Gesetzen für die neue Branche gefeilt. Erst am Freitag vorvergangener Woche passierte die neue Verordnung das Kabinett. Vor Mitte August wird deshalb auch kein privater Vermittler so richtig loslegen können: Die Neulinge müssen erst einmal Lizenzen bei der Bundesanstalt für Arbeit beantragen. Die aber druckt zur Zeit noch die nötigen Formulare.

Rund 2000 Bewerber haben bisher Interesse an dem neuen Gewerbe angekündigt. Die gemeinnützige Start-Agentur ist ein Exot unter den Vermittlern - allerdings mit prächtigen Wachstumschancen.

In den Niederlanden ist Start mit fast identischem Konzept innerhalb von 17 Jahren zum zweitgrößten Anbieter in der Zeitarbeitsbranche geworden. Die 250 holländischen Start-Filialen erwirtschaften mittlerweile einen Jahresumsatz von etwa 530 Millionen Mark, rund 90 000 Beschäftigte hat das Unternehmen allein im vergangenen Jahr vermittelt.

Die Deutschen zeigen sich beeindruckt. Gewerkschaften und Arbeitgeber, das Bundeswirtschaftsministerium und die Arbeitsverwaltung von Nordrhein-Westfalen drängen darauf, daß auch hierzulande möglichst schnell ein flächendeckendes Netz von Start-Agenturen aufgebaut wird.

Ansonsten sind vor allem die großen Zeitarbeitsfirmen wie Adia oder Randstad, einige Personalberater und viele Existenzgründer an der Arbeitsvermittlung interessiert. Etliche Antragsteller, so die Mitglieder des neu gegründeten Verbands privater Arbeitsvermittler (VPA), sind Beschäftigte aus den Arbeitsämtern.

Die großen Zeitarbeitsfirmen setzen darauf, daß sich ihre Firmenkontakte auch für die neuen Geschäftsfelder nutzen lassen, die Personalberater wollen zumeist, wie bisher schon, Führungskräfte vermitteln. Die Mini-Anbieter hoffen auf Nischen, die vom Arbeitsamt oder den Personalabteilungen kleiner Betriebe nicht besetzt werden.

»Welcher Personalchef eines Mittelständlers hat schon das Fachwissen, um die Kenntnisse eines Physikers oder Biologen wirklich beurteilen zu können?« fragt VPA-Chef Meinrad Müller, der selbst eine Jobvermittlung für Chemiker plant.

Noch ehe es richtig losging, fielen die Konkurrenten schon mal übereinander her. Müller bezeichnete die Nürnberger Behörde als »bürokratisch sanktionierte Ineffektivität«. Er kündigte an, sein Verband werde eine Sauwi-Datenbank ("Stoppt Arbeitsunwillige") mit den Namen von vermeintlichen Leistungsmuffeln einführen.

Sofort mokierte sich Otto-Werner Schade, Chef des Landesarbeitsamtes Baden-Württemberg, darüber, daß der VPA bei den staatlichen Arbeitsämtern nach Referenten suchte (Tageshonorar: 750 Mark). Genüßlich streuen Schades Kollegen auch, daß der Bundesverband Personalvermittlung (BPV), der die großen Zeitarbeitsfirmen vertritt, ebenfalls gern mit der Bundesanstalt kooperieren würde.

Falls der BPV Stellen nicht selbst besetzen könne, so die Absprache mit Nürnberg, wollen die Vermittler auch bei den Arbeitsämtern nach geeigneten Leuten fragen. Die Interessenten aus der Privatwirtschaft müßten dann also Gebühren für Personal zahlen, das sie auch kostenlos beim Arbeitsamt hätten finden können.

Das Hickhack der Konkurrenten hat mit der Realität auf dem Arbeitsmarkt allerdings wenig zu tun. Dort können sich private und öffentliche Anbieter nämlich hervorragend ergänzen - das zeigt ein noch nicht veröffentlichter Bericht des zur Nürnberger Bundesanstalt gehörenden Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), der beschreibt, wie das künftige Nebeneinander _(* In Berlin-Marzahn. ) von privaten und staatlichen Vermittlern aussehen könnte. In 39 Ländern hatten die Forscher seit Ende des vergangenen Jahres erfragt, wie sich verschiedene Arbeitsverwaltungen und ihre privaten Konkurrenten bewähren.

Das wichtigste Ergebnis: Nur in wenigen Bereichen kommen sich private und staatliche Anbieter dauerhaft in die Quere. Heftige Konkurrenz fanden die Wissenschaftler nur auf wenigen Teilarbeitsmärkten, etwa bei Bürokräften in Australien oder bei Gastronomie-Personal in Großbritannien und in den USA.

Außerdem führt der Einstieg privater Anbieter offenbar nicht unbedingt dazu, daß die staatliche Arbeitsverwaltung an Bedeutung verliert - im Gegenteil. In Großbritannien und in Dänemark stieg der Marktanteil der Behörden sogar, als private Konkurrenten auf den Markt kamen.

In Dänemark lag das daran, daß die Arbeitsverwaltung nach der Öffnung des Marktes für Private gründlich umgekrempelt wurde. Nun sei »das Ziel der Liberalisierung erreicht«, schreiben die IAB-Experten, »weniger durch neue Angebote als durch die Verbesserung der öffentlichen Dienste«.

Gut möglich, daß der Konkurrenzdruck jetzt auch in Deutschland für frischen Wind in den Amtsstuben sorgt: Zumindest hat Bernhard Jagoda, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, pünktlich zum Start der privaten Konkurrenz in der vergangenen Woche eine große Vermittlungsoffensive angekündigt.

In einer Anzeigen-Kampagne mit Sportler-Fotos präsentiert sich die Behörde zudem als moderner Hochleistungsbetrieb. Mal jubelt dabei ein Basketballspieler über eine »Trefferquote von über siebzig Prozent« bei der staatlichen Jobvermittlung, mal preist eine Turnerin die Arbeitsämter als »sehr beweglich«.

Die Nürnberger bestreiten heftig, daß ihre neue Munterkeit irgend etwas mit den Konkurrenten zu tun habe. Einerseits erhole sich die Konjunktur gerade, andererseits seien ungewöhnlich viele hochqualifizierte Bewerber arbeitslos. Die Behörde wolle eben hier, so ihr Sprecher Eberhard Mann, Angebot und Nachfrage zur Deckung bringen.

Mit ihrer Image-Kampagne liegen die Nürnberger richtig, glauben die IAB-Wissenschaftler. »Die Leistungen der Vermittler sind Erfahrungsgüter - der Kunde weiß immer erst im nachhinein, wie gut der Service war«, sagt IAB-Experte Ulrich Walwei. »Also muß er sich darauf verlassen, welchen Ruf der Anbieter hat.«

Auf diese Erkenntnis setzen nun auch die Vertreter der deutschen Start-Büros. Ihnen gelang es, eine ungewöhnliche Interessenkoalition für ihre Pläne zusammenzubringen. So schrieb das Bundeswirtschaftsministerium in das Regierungsprogramm für Wachstum und Beschäftigung hinein, daß künftig mehr gemeinnützige Vermittlungen wie die Start-Agenturen eingerichtet werden sollten.

Auch Karl Pröbsting, Chef des Landesarbeitsamtes Nordrhein-Westfalen, gehört zu den Freunden von Start. Am Freitag vergangener Woche einigte er sich mit Arbeitgebern, Gewerkschaftern und Vertretern der Kommunen darauf, daß zum 1. Oktober in seinem Bundesland 20 neue Start-Agenturen eingerichtet werden.

Für die ersten zwei Jahre soll der Staat sogar die Kosten übernehmen - anders als in Holland und in den vier Büros, die bislang in Deutschland eingerichtet wurden. Rund sechs Millionen Mark pro Jahr wollen Bund und Landesregierung gemeinsam aufbringen.

Besonders schwierig war es, die Gewerkschaften als Partner zu gewinnen. »Bei uns gab es große Bedenken, ob wir uns auf so etwas einlassen sollen«, sagt Nicola Hirsch, die für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) im Beirat von Start sitzt.

Die Arbeit mit den Holländern bietet für Unternehmer schließlich ungewohnte Freiheiten: Die Arbeitgeber können Beschäftigte erst einmal unverbindlich testen, ohne irgendwelche Kündigungsfristen zu beachten. Wer dem Meister oder dem Chef mißfällt, kann von einem Tag auf den nächsten vor die Tür gesetzt werden. Start sorgt schnell für Ersatz.

Nicht einmal Urlaubs- oder Krankengeld müssen die Arbeitgeber zahlen, falls einer der Interessenten überraschend ausfällt. Auch das übernimmt Start, denn die Agentur ist Vertragspartner der Arbeitsuchenden.

Die Gewerkschaften fürchteten zunächst, daß sich solche Regeln zu Lasten der Beschäftigten auswirken. Deshalb hat der DGB das Projekt wissenschaftlich begleiten lassen, regelmäßig wurden die vermittelten Arbeitnehmer nach ihren Erfahrungen befragt.

Die waren offenbar hochzufrieden. So drängt inzwischen auch der DGB darauf, daß Start bundesweit Geld vom Staat erhält. Ein Grundsatzbeschluß, wonach die DGB-Gewerkschaften mit Verleihfirmen keine Verträge abschließen, wurde eigens umformuliert.

Nicola Hirsch findet immer noch, daß Start in die staatliche Arbeitsverwaltung eingebunden werden sollte. Doch grundsätzlichen Widerspruch äußert sie nicht. »Was die Holländer da in zwei Jahren auf die Beine gestellt haben«, so die Gewerkschafterin, »das hätten die Arbeitsämter allein sicher nicht geschafft.« Y

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__69_ Anteil d. öffentl. Arbeitsvermittlung / Besetzung offener

Stellen

_____ Private Arbeitsvermittlung in Europa

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* In Berlin-Marzahn.

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