Energie Ahmadineschad will "wahren" Ölpreis erzielen
London/Berlin - Die Rede des iranischen Präsidenten troff nur so von sozialem Engagement. Besonders die armen Länder litten derzeit unter den hohen Ölpreisen, ließ Mahmud Ahmadineschad die staatliche Nachrichtenagentur Ansa verbreiten. Die erdölproduzierenden Länder, vor allem die Mitglieder der Opec, sollten eine Quote festlegen, um den Verbrauchern in armen Ländern Öl zu einem "besseren" Preis anzubieten. Finanziert werden solle die Subvention aus einem gemeinsamen Fonds, in den ein Teil der Gewinne aus den Ölverkäufen einzuzahlen sei.
Hoffnungen der Industrienationen auf ein Abschwächen des Preisanstiegs machte Ahmadineschad zunichte. Das Erdöl erziele trotz der Preisanstiege während der vergangenen Jahren noch nicht seinen "wahren Preis", sagte der iranische Präsident.
Entsprechend sehen Händler derzeit auch kein Ende des Ölpreis-Höhenflugs: Der Preis werde allein wegen der beginnenden Feriensaison auf "etwa 75 bis 80 Dollar" steigen, sagte Tony Nunan, Energie-Risikomanager bei Mitsubishi, in Tokio der Nachrichtenagentur AFP. "Wenn der Atomstreit mit Iran eskalieren sollte, dann sind sehr kurzfristig auch Ölpreise über 80 Dollar je Barrel möglich", sagte DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert der "Berliner Zeitung". Das könne an den Tankstellen in Deutschland Benzinpreise von 1,50 Euro und mehr bedeuten. "Falls Iran als Lieferland ausfällt, dann sind wir ganz schnell bei Preisen für Öl über 100 Dollar", sagte sie. "Dann explodiert der Preis, dann haben wir eine handfeste Energiekrise."
Nach den historischen Höchstständen gestern war der Ölpreis an den Handelsplätzen London und New York heute zunächst leicht gesunken. Am Nachmittag berichtete dann das US-Energieministerium, dass die Benzinvorräte der Vereinigten Staaten in der vergangenen Woche erneut geschrumpft seien, und zwar um 5,4 Millionen auf 202,5 Millionen Barrel. An der New Yorker Rohstoffbörse stieg der Preis pro Barrel der US-Sorte WTI zur Auslieferung im Mai am Nachmittag auf 71,80 Dollar. Öl der Nordseesorte Brent zur Auslieferung im Juni kostete in London im Handelsverlauf 73,34 Dollar.
Strategische Reserve schrumpft
Die USA horten zwar mittlerweile gut 345 Millionen Barrel Rohöl und zusätzlich 686 Millionen Barrel als strategische Reserve und haben damit die höchsten Bestände seit 1998 angehäuft. Wegen fehlender Kapazitäten kann das Öl aber nicht zu Benzin und Diesel verarbeitet werden, so dass die USA in Europa dazukaufen und die Preise in die Höhe treiben.
Bei den Kraftstoffpreisen ist deshalb keine Entspannung in Sicht. Beim Mineralölkonzern Total kostete der Liter Super gegen 15 Uhr 1,359 Euro pro Liter und damit drei Cent mehr als noch am Vormittag, wie ein Total-Sprecher sagte. Der Preis für den Liter Diesel erhöhte sich sogar um vier Cent auf 1,149 Euro. Konkurrent Aral geht davon aus, dass auch an den übrigen Markentankstellen in Deutschland der Trend wieder nach oben geht: "Normalerweise ziehen alle nach", sagte eine Sprecherin in Bochum.
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) warnte vor negativen Folgen für das gerade erst wieder leicht belebte Konsumklima: "Je höher die Preise steigen, umso mehr werden die Verbraucher gezwungen, auf andere Käufe verzichten zu müssen", sagte BDI-Volkswirt Reinhard Kudiß der "Berliner Zeitung". Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) warnte in seiner Frühjahrsprognose vor negativen Folgen des Ölpreises für die deutsche Konjunktur. Der IWF erwartet nur noch ein Wachstum von 1,3 Prozent für dieses Jahr statt zuvor 1,5 Prozent.
"Es gibt keinen Grund zur Panik"
Der wissenschaftliche Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, erklärte dagegen, die deutsche Wirtschaft könne anders als in den siebziger und achtziger Jahren relativ gut mit den Folgen höherer Ölpreise umgehen. Zudem profitiere der Exportweltmeister Deutschland auch von den hohen Ausfuhren in die Opec-Staaten, die seit 2000 um mehr als 50 Prozent gestiegen seien.
"Es gibt keinen Grund zur Panik", sagte das Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Wolfgang Wiegard, der "Neuen Ruhr/Neuen Rhein Zeitung". Der Sachverständigenrat habe in seiner Konjunkturprognose im Jahresdurchschnitt einen Ölpreis von etwas über 60 Dollar unterstellt. "Insofern gibt die aktuelle Ölpreisentwicklung keinen Grund zur Revision der Prognose", sagte Wiegard. Solange die Ölpreise nicht dauerhaft stark ansteigen, blieben die Auswirkungen auf die Konjunktur begrenzt. "Etwas anders sähe es bei einem dauerhaften Anstieg der Rohölpreise auf 70 bis 80 US-Dollar aus", warnte der Wirtschaftsweise.
Die hohen Ölpreise schlagen auch auf die Erzeugerpreise in der Wirtschaft durch, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Sie lagen im März 2006 wegen der explodierenden Energiekosten um fast sechs Prozent höher als im Vorjahresmonat. Das war die höchste Jahresteuerungsrate seit fast 24 Jahren.
mik/ap/ddp/afp