Energie Blackout im Sonnenstaat

Mit einer Liberalisierung des Energiemarktes wollte Kalifornien die Stromkosten senken. Das misslang gründlich: Die Versorgung steht vor dem Kollaps.


Wo Krisen auftauchen, sind Spekulanten nicht weit. Und so kam, als Kalifornien im Dezember den Energienotstand erklärte, den Buchhaltern des Aluminiumwerkes Kaiser eine geniale Geschäftsidee. Sie ließen ihre Schmelztiegel im US-Bundesstaat Washington erkalten, schickten die Arbeiter nach Hause und verdienen seither ein Vermögen, indem sie den gesparten Strom an die Stromwerke zurückverkaufen ­ im Dezember zum über 24fachen des für die Alu-Industrie subventionierten Einkaufspreises.

Mehr als 50 Millionen Dollar Gewinn haben die Kaiser-Manager seit der Stilllegung des Werkes damit gemacht, und sie waren nicht die Einzigen: Energiefresser wie Düngemittelfirmen, Papierhersteller oder Alu-Werke machen neuerdings in Strom. Der Verkauf von Kilowattstunden lohnt sich weit mehr als der Absatz ihrer Produkte.

Solche Absurditäten sind an der Westküste derzeit Wirklichkeit ­ Ergebnis einer fehlgeschlagenen Deregulierung der kalifornischen Energiewirtschaft, die zu einer existenzgefährdenden Stromknappheit geführt hat. Jetzt drohen Blackouts, die Preise haben sich vervielfacht, die Stromversorger stehen vor der Pleite.

In manchen Städten geschieht das bisher Undenkbare: Energie wird rationiert. Universitäten schickten Studenten frühzeitig in die Ferien, Leuchtreklame bleibt ausgeschaltet. Schon kursiert im Silicon Valley die Sorge, nicht die Aktienschwäche, sondern ein Stromnotstand könnte die Online-Wirtschaft lahm legen. Vorigen Donnerstag mussten bei Cisco, Intel und Co. Notgeneratoren eingeschaltet, Lichter ausgeschaltet und Heizungen heruntergefahren werden.

Hintergrund dieses Desasters ist ein 1996 in Kalifornien verabschiedetes Deregulierungsgesetz. Vom Boom der New Economy euphorisiert, glaubten die Politiker, die Kraft des Marktes könnte auch die Stromversorgung zum Wohle des Verbrauchers regeln. Als Triumph der Marktwirtschaft wurde das Gesetz geboren, doch ein Kretin ist es geworden: "Die Gesetzgeber haben ein Monster geschaffen", stöhnt das Wirtschaftsblatt "Business Week". Kaliforniens Gouverneur Gray Davis muss zugeben: "Es ist ein Alptraum."

Tatsächlich war die Idee denkbar schlicht. Die Freigabe des Strommarktes sollte zu mehr Wettbewerb und so zu niedrigen Preisen führen. Ähnlich wie auf dem Telefonmarkt sollten Kunden ihren Anbieter frei auswählen. Das staatliche Monopol wurde aufgebrochen und die Herstellung, Umspannung und Verteilung des Stroms in konkurrierende Hände gegeben.

Der neue Marktplatz wurde 1998 eröffnet. Seither müssen die staatlichen Stromversorger allen benötigten Strom, den sie nicht selbst produzieren können, zum Tagespreis an der "Power Exchange" kaufen. An dieser Strombörse bieten die Produzenten ihre Energie an ­ zu den Preisen, die der Markt eben hergibt.

Allerdings erhielten die einst staatlichen Versorger eine Übergangsregelung. Ihnen wurde bis 2002 ein fester Abnahmepreis über dem damaligen Marktpreis garantiert. Angesichts der erwarteten Strompreissenkungen sollte dies ein fairer Ausgleich sein für die früheren Investitionen. Doch stattdessen stiegen die Stromkosten explosionsartig und verwandelten den vermeintlichen Vorteil zum Handicap ­ die Versorger durften die hohen Großhandelspreise nicht auf ihre Kunden umlegen. Statt 307 Dollar pro Megawattstunde konnten sie nur die festgesetzten 64 Dollar berechnen.

Den zwei größten Unternehmen, Southern California Edison und Pacific Gas and Electric, droht nach Verlusten von über neun Milliarden Dollar nun der Konkurs. Beide Unternehmen verklagten den Staat auf Wiedergutmachung und forderten die Erlaubnis, die Preise umgehend um 30 Prozent zu erhöhen. Die Energiebehörde gewährte jedoch lediglich eine Steigerung bis maximal 15 Prozent ­ als Notmaßnahme und nur für einen Zeitraum von 90 Tagen.

Zu wenig für die Wall Street: Die Kurse fielen, Washington schaltete sich ein. Allzu leicht kann sich eine Krise in Kalifornien aufs gesamte Land auswirken. Außerdem droht ein Flächenbrand, denn auch in anderen Bundesstaaten wie Ohio oder New York ist die Deregulierung des Energiesektors bereits in vollem Gange. Nach Gesprächen mit dem US-Präsidenten Bill Clinton, Zentralbankchef Alan Greenspan, der US-Energiekommission und dem zuständigen Minister Bill Richardson griff Gouverneur Gray Davis am vergangenen Montag schließlich zur Notbremse ­ und zog stärker als erwartet.

Die Deregulierung sei "ein kolossaler und gefährlicher Fehlschlag", sagte er und kündigte an, die Kontrolle über die Energie wieder zu übernehmen. Nun soll reguliert werden, so schnell der Staat nur kann. Eine Milliarde Dollar steht für die Rettung der Stromversorger bereit, und um den Neubau von Elektrizitätswerken soll sich fortan eine staatliche Stelle kümmern.

Denn auch der Mangel an Kraftwerken war einer der Gründe für die Preisexplosion. Vor der Marktumstrukturierung schreckten die großen Erzeuger wegen ihrer unsicheren Zukunft vor dem Bau teurer Werke zurück ­ just in dem Moment, als im Silicon Valley die Arbeit mit Strom fressenden Computern immer populärer wurde.

Hemmend wirken auch die strengen Umweltauflagen in Kalifornien. Um die Höchstgrenzen nicht zu überschreiten, schalteten im Dezember besonders die luftverschmutzenden Kohlekraftwerke ihre Produktion ab. 17 Anlagen, die sonst zweieinhalb Millionen Haushalte versorgen, gingen vorzeitig vom Netz, im Jahr eines ungewöhnlich kalten Winters.

Der Mangel an Kapazität wird auf die Schnelle kaum aufzufangen sein. Das Genehmigungsverfahren für Kraftwerke dauert in Kalifornien etwa sechs Jahre. Strom von weither anzuliefern ist ebenfalls schwierig. Mit den in den USA üblichen Oberleitungen lassen sich die Rocky Mountains kaum überqueren. Wer sie umgeht, sollte möglichst noch Geld für eine weitere Investition in der Tasche haben, denn auch an Umspannwerken mangelt es.

Ohnehin scheint Gouverneur Davis in Sachen Strom die Lust auf freien Handel vergangen zu sein. So soll eine neue staatliche Agentur den Strom allein in Kalifornien verkaufen, zu einem Preis, der nur knapp über den Produktionskosten liegen soll. 250 Millionen Dollar möchte Davis zudem für eine wahre Mammutaufgabe aufwenden: die Umerziehung der Energie verschwendenden Bürger. Die Idee, Strom zu sparen, liegt Amerikanern etwa so fern wie der Gedanke, zu Fuß ins klimatisierte Einkaufszentrum zu gehen. Häuser werden ohne nennenswerte Dämmung und mit undichten Fenstern, aber kraftvollen Klima- und Heizanlagen gebaut.

Nun sollen finanzielle Anreize die Einsicht in die Notwendigkeit des Energiesparens erleichtern. Wer einen neuen Kühlschrank, eine moderne Klimaanlage, eine Energie sparende Waschmaschine kauft, darf bald mit Zuschüssen rechnen.

Den Managern von Kaisers Aluminium wird diese Umschulung kaum gefährlich werden. Wenn ihr Stromversorgungsvertrag im Oktober abläuft, werden sie Rekordgewinne feiern können ­ ein großer Coup für ihre Aktionäre, zweifellos. So zeigt sich Firmensprecher Scott Lamb eher konsterniert von dem Vorwurf, das Verhalten der Firma sei unmoralisch: "Unsere Firma bemüht sich nur, das Maximale an Wert herauszuholen." MICHAELA SCHIEßL



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