Energie Gegenwind für Offshore

Ab 2030 sollen 15 Prozent des deutschen Strombedarfs von Windkraftwerken vor der Küste kommen. Doch Behörden vor Ort gefährden das ehrgeizige Ziel.
Von Ingo Malcher

Gigantische Rotorblätter drehen sich im Wind, die Sonne spiegelt sich im Meer, ein Flugzeug fliegt am Horizont über die Türme hinweg. So könnte er einmal aussehen, der erste deutsche Offshore-Windpark in der Nordsee. Auf der Computeranimation der Betreiberfirma Prokon Nord im ostfriesischen Leer sieht alles ganz einfach aus. 90 Meter hohe Türme mitten im Meer, 55 Meter lange Rotorblätter, die länger sind als die Flügel des zweistöckigen Airbus.

Für Geschäftsführer Ingo de Buhr sind das keine Zukunftsvisionen. Prokon Nord hat bislang als einziges Unternehmen die Genehmigung zur Errichtung eines Windparks vor der Küste erhalten. 45 Kilometer nördlich von Borkum will de Buhr 250 000 Tonnen Stahl in den Meeresgrund rammen und 208 Windmühlen bauen. Damit entstünde der weltweit erste Windpark im 30 Meter tiefen Meer. Andere Offshore-Windparks, zum Beispiel im dänischen Middelgrunden, stehen nur im flachen Wasser.

Bis zum Jahr 2030 will die Bundesregierung 15 Prozent des Strombedarfs aus Meereswindkraftwerken beziehen. Doch was technisch gewagt und politisch gewollt ist, wird von der Verwaltung blockiert.

Die zuständige Bezirksregierung in Oldenburg genehmigte de Buhr bislang nur ein Kabel vom Windpark durch den Nationalpark Wattenmeer. Damit ließe sich zwar die Probephase des Windparks betreiben, nicht aber der Ausbau zum Windkraftwerk. Das ambitionierte Projekt wäre damit unwirtschaftlich ­ es droht zu scheitern.

"Das ist so, als ob jemand beim Hausbau die Baugenehmigung in der Tasche hat, aber keinen Strom- und Wasseranschluss bekommt", ärgert sich de Buhr. Es sei nicht zu verstehen, warum in einer als geeignet bewerteten Kabeltrasse nicht vier statt eines Kabels liegen sollen.

Doch das Land Niedersachsen hat andere Pläne. Beim Hamburger Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie liegen 30 Anträge für Offshore-Windparks. Für deren Leistungen braucht das Land Platz ­ in de Buhrs Trasse.

Der Ökounternehmer fühlt sich von der Landespolitik im Stich gelassen. "Wir wollen Offshore-Wind, das ist ganz klar", beteuert dagegen der niedersächsische Umweltminister Wolfgang Jüttner (SPD). Wichtig sei es aber, die Kabeltrassen zu bündeln, damit das Wattenmeer nicht bald aussehe wie ein Spaghetti-Teller.

De Buhr läuft die Zeit davon. Bis 2006 muss sein Windpark stehen, sonst fällt er aus der Förderung des im Februar 2000 verabschiedeten Erneuerbare-Energie-Gesetzes (EEG). Dort steht, dass für Offshore-Strom ein Mindestpreis gezahlt werden muss.

Dank des EEG boomt der deutsche Markt für Windkraftwerke. 9,1 Cent müssen Netzbetreiber für die Kilowattstunde Windstrom bezahlen, erheblich mehr als für Energie aus Kernkraft oder Kohle. Kein Wunder also, dass nirgendwo auf der Welt mehr Windstrom verfügbar ist. Etwa 9000 Megawatt waren es im vergangenen Jahr, mehr als doppelt so viel wie in den USA, dem zweitgrößten Produzenten.

Im Gegensatz zu den USA, wo Branchenriesen wie General Electric in der Windbranche tätig sind, geben in Deutschland vor allem kleine Firmen den Ton an. "Beim Aufbau von Windkraftanlagen muss man sich mit den Anwohnern, mit den Kommunen und den Behörden auseinander setzen, große Konzerne sind dazu nicht so gut in der Lage", glaubt Alternativ-Unternehmer de Buhr. Prokon Nord hat 16 Mitarbeiter und ist an die Enertrag AG angebunden, die jährlich zwischen 70 und 100 Millionen Euro Umsatz macht.

Bei den ambitionierten Meereskraftwerken scheinen die kleinen Klitschen jedoch überfordert. "Die Kosten im Offshore-Bereich sind nicht kalkulierbar", sagt Carsten Ender vom Deutschen Windenergie-Institut. Bislang gibt es in Deutschland keine Versicherung, die Offshore-Anlagen unter Vertrag nehmen würde. Bei der Allianz heißt es, die Reparaturmöglichkeiten seien nicht abwägbar.

Wo aber keine Versicherung im Spiel ist, da findet sich auch keine Bank, die bereit wäre, ein solches Projekt zu finanzieren. Und schließlich scheinen die technischen Möglichkeiten noch nicht ausgereift. An Land wird erst jetzt ein Windrad getestet, das denen ähnlich ist, wie sie de Buhr auf hoher See aufstellen will.

"Sorgfalt muss vor Schnelligkeit gehen, wir sind lieber ein Jahr zu spät mit der Offshore-Energie als ein Jahr zu früh", sagt Jüttner. Aber bislang hat Niedersachsen kein Konzept, wie der Ansturm von Antragstellern auf Offshore-Windparks bewältigt werden soll ­ und wie die Kabel durchs Wattenmeer geführt werden sollen.

Vor vier Jahren fing der Ingenieur de Buhr an, seinen Windpark zu planen. Seine Bilanz: "Im Nachhinein muss man sagen: Wir waren wohl wahnsinnig."