Energie-Krise Eine Welt ohne Öl - wie sich unser Leben verändern wird

Der Ölpreis springt von Rekord zu Rekord, trotz steigender Nachfrage können die Konzerne immer weniger fördern. Nähert sich das Ende des fossilen Zeitalters? Experten erklären auf SPIEGEL ONLINE, wie eine Welt ohne Öl aussieht - und was das für die Menschen in Deutschland bedeuten würde.

Hamburg - 80, 100, 120 Dollar: In immer schnelleren Schritten klettert der Ölpreis nach oben. Am vergangenen Mittwoch stand er bei 135 Dollar pro Fass, und die Händler an der Rohstoffbörse wetten schon auf mehr. Geht der Welt das Öl aus?

Eine Studie der Energy Watch Group legt diesen Verdacht nahe. Die Wissenschaftler der unabhängigen Organisation haben festgestellt, dass die weltweite Ölförderung schon heute rückläufig ist - trotz steigender Nachfrage. Bis zum Jahr 2030, so die düstere Prognose, wird sich die Ölproduktion glatt halbieren.

Ölförderung in China: Mögliche Angebotsverknappung

Ölförderung in China: Mögliche Angebotsverknappung

Foto: DPA

Kritiker werfen der Energy Watch Group vor, Panik zu schüren. So argumentieren die großen Ölkonzerne, die Förderung lasse sich sehr wohl erhöhen - wenn die Preise nur weiter stiegen. Denn erst dann würden sich neue Bohrungen lohnen.

Unterstützung erhalten die Autoren der Studie dagegen von der Internationalen Energieagentur (IEA). Bisher galt die Institution als äußerst konservativ, in ihren Prognosen folgte sie meist den Ansichten der Konzerne. Nun jedoch vollzog die IEA eine glatte Kehrtwende: Man werde die eigenen Schätzungen für das weltweite Ölangebot in Kürze nach unten korrigieren, teilten IEA-Vertreter via "Wall Street Journal" mit.

Für die Ölmärkte heißt das nichts Gutes. Wenn selbst die IEA eine Angebotsverknappung für möglich hält, dürfte die Lage tatsächlich dramatisch sein - zumal der Energiehunger der asiatischen Boom-Nationen Tag für Tag wächst.

Doch was heißt das für Deutschland? Wie ändert sich das Leben der Menschen, wenn Öl immer knapper wird? SPIEGEL ONLINE analysiert die wichtigsten Umwälzungen.

Heizen

Eine warme Heizung wird in Zukunft zum Luxusgut. "Viele Menschen können in ihrer Wohnung nur noch einen Raum heizen", prognostiziert Jörn Schwarz, geschäftsführender Vorstand des Kompetenzzentrums Energieeffizienz. Heute geben die Deutschen rund zehn Prozent ihres Einkommens für Strom, Gas und Heizöl aus. "Dieser Anteil wird in die Höhe schießen."

In der Folge steigen die Haushalte auf andere Energieformen um. Erdgas stellt allerdings keine Alternative dar, weil der Gaspreis parallel zum Ölpreis steigt. Auch Holz wird das Heizproblem kaum lösen. "Der deutsche Wald gibt das nicht her", sagt Schwarz. "Wenn alle auf Holz umsteigen, explodiert der Preis."

Weltweite Ölförderung *

Annahme der Internationalen Energieagentur Studie der Energy Watch Group
2006 81 81
2020 105 58
2030 116 39
* in Millionen Barrel pro Tag

Die Zukunft gehört deshalb wohl der Wärmepumpe. Wärmepumpen können aus geringen Temperaturen eine angenehme Raumwärme machen - nötig ist dafür nur etwas Strom. Als Basisenergie eignet sich ein Solarkollektor. Der Einbau einer Wärmepumpe samt Solaranlage kostet rund 10.000 Euro. Bei steigender Nachfrage könnte der Preis allerdings auf 20.000 Euro hochschnellen. "Das wird sehr vielen Leuten richtig weh tun", sagt Schwarz. "Aber es gibt keine Alternative. Beim Öl zu bleiben, wird noch teurer." Immerhin: Der japanische Hersteller Daikin hat bereits eine "Volkswärmepumpe" angekündigt.

Wohnen

Für Mieter wird das Leben immer teuer. Wegen der hohen Energiepreise steigen die Nebenkosten Jahr für Jahr. Aber auch Vermieter müssen tief in die Tasche greifen. Um den Energieverbrauch ihrer Immobilie zu senken, werden sie massiv investieren - entweder auf staatlichen Druck hin, oder einfach deshalb, weil es der Markt verlangt. "Unsanierte Altbauten lassen sich in Zukunft nicht mehr vermieten", sagt Schwarz.

Weltweite Ölreserven *

Annahme der Industriedatenbank Studie der Energy Watch Group
OECD 97 112
Russland u.a. 191 154
China 26 27
Südostasien 30 22
Lateinamerika 129 53
Naher Osten 679 362
Afrika 105 125
Welt 1255 854
* in Milliarden Barrel

Der Wohnungswirtschaft steht damit ein regelrechter Bauboom bevor. Überall werden Gebäude isoliert, um die Heizkosten so weit wie möglich zu drücken. Billig wird das allerdings nicht. "Die Preise für Dämmmaterial ziehen schon jetzt an", sagt Schwarz. Außerdem seien qualifizierte Handwerker immer seltener zu bekommen.

Die Vermieter werden versuchen, diese Kosten auf die Mieter umzulegen. Gut sanierte Wohnungen werden deshalb teurer. Bisher geben die Deutschen rund 25 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen aus. Dieser Anteil dürfte in Zukunft steigen.

Verkehr

Das Auto ist der Deutschen liebstes Kind, doch das wird sich bald ändern. "Einen eigenen Wagen können sich in Zukunft nur noch wenige leisten", sagt Experte Schwarz. Bei den hohen Benzinpreisen dürften immer mehr Menschen ihren Gebrauchten verkaufen (selbst wenn sie dafür kaum noch etwas bekommen), und auf Bus und Bahn umsteigen. In der Folge könnte der öffentliche Nahverkehr massiv ausgebaut werden - allerdings dürfte auch die Bahn ihre Preise erhöhen.

Viele Arbeitnehmer werden das Pendeln gleich ganz aufgeben - und in die Nähe ihres Arbeitsplatzes ziehen. "Es wird sehr viele Umzüge geben", sagt Schwarz. In der Folge dürften die Mieten in den Städten weiter steigen.

Diejenigen, die sich ein Auto noch leisten können, werden auf Kleinwagen umsteigen. "In einem ersten Schritt wird Volkswagen sein Drei-Liter-Auto, den Lupo, neu auflegen", schätzt Schwarz. Außerdem könnte sich die Politik zu einem Tempolimit auf Autobahnen durchringen.

Später, wenn selbst Kleinwagen zu teuer sind, werden die Hersteller endlich alternative Antriebstechniken auf den Markt bringen. "Die Konzepte liegen in der Schublade", sagt Schwarz, der früher selbst in der Forschungsabteilung von BMW gearbeitet hat. Großes Potential sieht er vor allem bei Elektroautos. "Die haben zwar weniger PS. Aber das ist dann auch egal."

Konsum

Derzeit geben die Deutschen rund 50 Prozent ihres Einkommens für Wohnen, Energie und Verkehr aus. Bei steigendem Ölpreis dürfte dieser Anteil in die Höhe schnellen. Entsprechend wenig bleibt für andere Ausgaben übrig. "Wir werden unseren heutigen Konsumstil nicht aufrecht erhalten können", sagt Ralf Fücks von der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung.

Bei jedem Einkauf wird sich dies zeigen. "Alles, was weite Wege hinter sich hat, wird teurer", sagt Fücks. Heute würden Krabben in der Nordsee gefangen, in Tunesien geschält, und anschließend in einem deutschen Supermarkt verkauft. "Das wird es in Zukunft nicht mehr geben."

Bei einem hohen Ölpreis sind jene Produkte im Vorteil, die vor Ort hergestellt werden. "Der regionale Wirtschaftskreislauf wird enorm gestärkt", sagt Fücks. Dies gelte besonders für Nahrungsmittel, die verstärkt aus heimischer Produktion angeboten würden. Billig wird das für die Verbraucher nicht gerade - eingeflogene Äpfel aus Neuseeland wären allerdings noch teurer.

Im Ergebnis wird der Warenkorb der Zukunft völlig anders aussehen als heute. "Die Deutschen können sich weniger materielle Güter leisten", sagt Fücks. "Dagegen wird der immaterielle Konsum zunehmen - also Kultur und Bildung."

Freizeit

Je höher der Ölpreis steigt, desto stärker wirkt er sich auf das private Umfeld der Deutschen aus. "Unser Leben wird sich dramatisch wandeln", sagt Schwarz vom Kompetenzzentrum Energieeffizienz. "Wochenendtrips wird es in Zukunft nicht mehr geben. Auch keine Fernreisen mehr."

Generell dürfte die Freizeitindustrie zu den größten Verlierern des Wandels gehören. Schließlich können die Verbraucher hier am leichtesten sparen - Miete und Strom müssen dagegen bezahlt werden. Für die Bürger heißt das: Fernsehen statt Kino, Wandern statt Surfen. "Hotels und Gaststätten werden es in Zukunft schwer haben", schätzt Schwarz.

Weltweite Ölförderung *

Annahme der Internationalen Energieagentur Studie der Energy Watch Group
2006 81 81
2020 105 58
2030 116 39
* in Millionen Barrel pro Tag

Arbeit

Die Arbeitswelt wird sich dramatisch ändern, wenn das Öl ausgeht. Manche Branchen werden ganz von der Bildfläche verschwinden, andere werden überhaupt erst entstehen. Zu den Gewinnern gehören mit Sicherheit die Bauwirtschaft und das Handwerk. Hier werden massenweise Jobs geschaffen, weil Hauseigentümer ihre Immobilien sanieren lassen.

Einen regelrechten Boom gibt es bei Solar- und Windkraftunternehmen. Derzeit beschäftigt die Branche in Deutschland 120.000 Menschen. "Diese Zahl wird sich verdreifachen", sagt Fücks von der Heinrich-Böll-Stiftung. Neuen Schub könnte auch die lange tot gesagte Landwirtschaft bekommen - dank der steigenden Nachfrage nach Biokraftstoffen und nach regionalen Nahrungsmitteln.

Weltweite Ölreserven *

Annahme der Industriedatenbank Studie der Energy Watch Group
OECD 97 112
Russland u.a. 191 154
China 26 27
Südostasien 30 22
Lateinamerika 129 53
Naher Osten 679 362
Afrika 105 125
Welt 1255 854
* in Milliarden Barrel

Bei der Autoindustrie ist die Lage noch unsicher. "Wenn die Branche nicht verschwinden will, muss sie sich radikal ändern", sagt Fücks. Reagierten die Unternehmen jedoch rechtzeitig, dann könnten sie zu "Pionieren der grünen Zukunft" werden - und sogar neue Arbeitsplätze schaffen.

Das Gleiche gelte für den Maschinenbau, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. "Wer so lange wie möglich an seinem alten Geschäftsmodell festhält, wird untergehen", sagt Fücks. Wer sich dagegen auf die neue Zeit einstelle, dem stünden alle Chancen offen. "Eine Welt ohne Öl ist nicht die Endzeit", sagt Fücks, "sondern eine neue Gründerzeit."

Allerdings wird es auch Verlierer geben - und nicht gerade wenige. So könnte die Flugbranche Jobs streichen, weil es kaum Alternativen zum Treibstoff Kerosin gibt. Schon heute sagen Airlines Flüge ab - wegen der hohen Spritpreise. Daneben dürfte es das Transportgewerbe hart treffen: Speditionen werden sich kaum noch Diesel für ihre Lkw leisten können. Entsprechend hohe Preise müssen die Firmen von ihren Kunden verlangen, die dann scharenweise abspringen.

Selbst der Dienstleistungssektor blickt in eine ungewisse Zukunft. Weil die Menschen immer mehr Geld für Energie ausgeben, bleibt weniger für andere Dinge übrig. Kino, Gastronomie, Tourismus - überall könnten Arbeitsplätze verloren gehen.

Politik

Bisher lässt der hohe Ölpreis die Bundesregierung kalt. Wachstumsprognosen werden, wenn überhaupt, nur leicht nach unten korrigiert. Fossile Rohstoffe, so das schwarz-rote Credo, seien noch lange vorhanden. Diese Einstellung dürfte sich sogar eine Weile halten - wirklich weh tut der Ölpreis ja noch nicht.

Eines Tages könnte die Stimmung jedoch kippen. Eine mögliche Schmerzgrenze wären zum Beispiel 200 Dollar pro Fass - ein Preis, den die renommierte US-Bank Goldman Sachs für die kommenden sechs Monate voraussagt, spätestens jedoch für die kommenden zwei Jahre.

Wenn es so weit ist, dürfte die Regierung recht schnell hektische Maßnahmen ergreifen. So könnte sie den Druck auf die Autoindustrie erhöhen, damit diese mehr Geld in die Forschung steckt. Außerdem dürften die eigenen Forschungsausgaben von Bund und Ländern steigen. Daneben wäre auch ein neues Förderprogramm für Ökoenergien denkbar - ebenso wie ein Comeback der Atomkraft, je nach politischer Konstellation.

Langfristig müssen sich die Bürger vermutlich auf harte Sparmaßnahmen einstellen. Nämlich dann, wenn der hohe Ölpreis die Wirtschaft abwürgt und die Steuereinnahmen versiegen. Um das Problem zu lösen, könnte die Regierung die Ökosteuer erhöhen. Das würde Benzin und Diesel zwar weiter verteuern - gleichzeitig hätten die Bürger aber Anreiz, sich so schnell wie möglich von fossilen Energien unabhängig zu machen.

Die größten Schwierigkeiten drohen allerdings auf internationaler Ebene, wenn sich der weltweite Kampf um Rohstoffe verschärft. Zwischen Ölförderländern und Ölverbrauchern dürften ernste Konflikte entstehen, Belastungen könnte es vor allem in den Beziehungen zu Russland, Lateinamerika und dem Nahen Osten geben. Daneben geraten aber auch die Energie verbrauchenden Nationen in immer schärfere Konkurrenz zueinander. Krisen zwischen Europa, den USA, China und Indien scheinen programmiert.