Energie-Megafusion Frankreich spielt Großmacht - zu Lasten der Verbraucher

Ein Gegengewicht zum russischen Riesen Gasprom will die französische Regierung mit der Fusion der Energiekonzerne Gaz de France und Suez schaffen. Doch der Wettbewerb bleibt dabei auf der Strecke. Experten fürchten steigende Energiepreise - und das auch in Deutschland.

Hamburg - Ein wahrer Riese ist es, der da entsteht. Börsenwert: 90 Milliarden Euro. Jährlicher Umsatz: 72 Milliarden Euro. Durch die Fusion von Gaz de France   und Suez   katapultiert sich Frankreich energiepolitisch an die Weltspitze. Das neue Unternehmen wird größter Erdgasanbieter Europas, bei Flüssiggas sogar weltweiter Marktführer.

Eingefädelt hat das Geschäft der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy. In guter Tradition führt er damit die Industriepolitik seiner Vorgänger François Mitterand und Jacques Chirac fort: Neben dem Stromkonzern Electricité de France   entsteht ein zweiter nationaler Champion in der Energiebranche. Der Staat wird an dem neuen Unternehmen 35 Prozent der Anteile halten.

Doch was die französische Regierung als Erfolg feiert, sieht man in Deutschland mit größter Skepsis. "Schweinkram hoch zehn", kommentiert Ralf Ridzewski vom Beratungsunternehmen NUS Consulting in Düsseldorf. Das Vorgehen der Franzosen sei "eine dicke Ohrfeige für die EU", sagte er zu SPIEGEL ONLINE. Die Brüsseler Bemühungen um mehr Wettbewerb auf dem europäischen Energiemarkt würden "weit zurückgeworfen".

Mit anderen Worten: Die Verbraucher können die Hoffnung auf sinkende Strom- und Gaspreise aufgeben.

"Frankreich betreibt immer noch eine Politik der nationalen Champions", schimpft auch Holger Krawinkel vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Damit sei das Land zwar beim Einkauf von Rohstoffen gut positioniert - zum Beispiel gegenüber dem russischen Gasmonopolisten Gasprom. "Für den innereuropäischen Wettbewerb sieht es allerdings schlecht aus."

Krawinkel fürchtet, dass der neue französische Gigant massiv ins Ausland drängen wird. "Mit der heimischen Marktmacht im Rücken wird das Unternehmen international expandieren." Europäische Wettbewerber hätten jedoch kaum eine Chance, ihrerseits auf dem französischen Markt Fuß zu fassen.

Dafür spricht allein schon die Vorgeschichte zur Fusion von Gaz de France und Suez: So hat die französische Regierung den Zusammenschluss vor allem deshalb forciert, um den italienischen Versorger Enel   draußen zu halten. Ursprünglich wollten die Italiener bei Suez einsteigen - jetzt bleibt ihnen der französische Markt verschlossen.

Doch auch für die deutschen Energiekunden erwartet Krawinkel nichts Gutes. Kurzfristig könne es zwar zu Wettbewerbsimpulsen kommen, wenn Gaz de France hierzulande aktiv wird. "Mittel- und langfristig sorgen die Großkonzerne aber für einen Marktverschluss - zu Lasten der Verbraucher."

Im Klartext: Die Gaspreise könnten sogar steigen. Denn je weniger Anbieter es gibt, desto leichter fällt es ihnen, die Preise zu diktieren. Schon heute klagen Verbraucherschützer und industrielle Energiekunden über die Marktmacht der Konzerne. "Wir brauchen nicht einen großen Anbieter, sondern zwanzig kleine", sagt Ridzewski von NUS Consulting.

Und noch etwas bereitet den Experten Sorgen: Andere Länder könnten Frankreich nachahmen und ebenfalls nationale Champions bilden. "Es gibt eine Tendenz zur Renationalisierung in der europäischen Politik", sagt Krawinkel. Auch die Bundesregierung könnte sich genötigt sehen, die deutschen Energiekonzerne zu protegieren - und die Bemühungen für mehr Wettbewerb einstellen.

Möglicherweise, sagt NUS-Experte Ridzewski, startet in Deutschland sogar eine neue Fusionswelle. Statt derzeit vier deutschen Energiekonzernen würde es dann künftig nur noch drei oder zwei geben. Die Folgen für die Kunden wären verheerend: Der ohnehin schon schwache Wettbewerb käme fast völlig zum Erliegen.

Verbraucherschützer Krawinkel sieht deshalb nur einen Ausweg: "Wir brauchen eine europäische Energiepolitik." Nur Brüssel könne dafür sorgen, dass es echten Wettbewerb gebe.

Wenn jedes Land seine eigenen Interessen verfolge, dann schade das allen. Gemeinsam dagegen wären die Europäer deutlich stärker. "Das gilt auch für die Verhandlungsposition gegenüber Gasprom."

Allerdings: Allzu große Hoffnungen haben die Fachleute nicht. "Die Fusion von Suez und Gaz de France ist ein Sarkozy-Baby", sagt Ridzewski. "Dieses Projekt wird Brüssel nicht stoppen können."

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