Energie-Startups Tech-Riesen rüsten für Revolution der Stromnetze

Das Stromnetz der Zukunft soll eine gewaltige Kommunikationsplattform werden - daran arbeiten Firmen wie Silver Spring aus Kalifornien. Ziel: Verbraucher sollen ihren Energiebedarf selbst genau kontrollieren können. Investoren überschütten die Startups mit Geld, Experten wittern einen Mega-Boom.

Aus San Francisco berichtet


San Francisco - Es gibt sie noch, die Kapitalschwemme, auch in der schwersten Rezession seit 1945. Das Startup Silver Spring Networks (SSN) jedenfalls wurde in den vergangenen Monaten mit Geld überschüttet. Investoren und Risikokapitalgeber pumpten einen dreistelligen Millionenbetrag in die Silicon-Valley-Firma. Deren Geschäftsmodell: Technologien zur effizienten Nutzung des Stromnetzes entwickeln.

Strommast in Kalifornien: Hoffnungslos veraltetes Kabelgeflecht
AFP

Strommast in Kalifornien: Hoffnungslos veraltetes Kabelgeflecht

Im Februar bestätigte auch Google, bei Silver Spring mitzumischen. Laut "Businessweek" ist der Internetgigant mit mehreren Millionen Dollar engagiert.

Doch die Kapitalspritzen der Privatwirtschaft sind nur das eine: Daneben konnte der Energiespezialist aus Redwood City auch einen gewaltigen Regierungsauftrag absahnen. Der Staat Kalifornien beauftragte SSN vergangenen Sommer damit, fünf Millionen Stromzähler im Energienetz des Sonnenstaates gegen Hi-Tech-Messgeräte austauschen. Volumen des Auftrags: 1,7 Milliarden Dollar.

Die neuen Geräte sind der Grundstein für ein modernes, energieeffizientes Stromnetz. Denn das Kabelgeflecht, über das Haushalte und Firmen mit Energie versorgt werden, ist neben dem Internet eines der größten und wichtigsten Netzwerke des Industriezeitalters - und hoffnungslos veraltet.

Der Energie-Informationsdienst Clean Tech Group hat berechnet, dass in den USA bis zu 40 Prozent aller erzeugten Energie beim Transport verpuffen - gleichzeitig dürfte der Stromverbrauch nach Schätzungen der amerikanischen Regierung bis 2030 um 40 Prozent steigen. "Unsere Energie-Infrastruktur ist ein gewaltiger Kabelsalat", spottet Michael Kanellos, Chefredakteur des renommierten Rechercheportals " Greentech Media". "Es ist ein Wunder, dass wir es damit überhaupt ins Industriezeitalter geschafft haben."

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Nun könnte das Schrott-Stromnetz bald modernisiert werden: Angesichts der Klimawandel-Debatte, hoher Energiepreise und einer eigens von US-Präsident Barack Obama ausgerufenen Öko-Offensive steigt der Anreiz, das Geflecht aus Uralt-Leitungen und antiquierten Messgeräten mit Hi-Tech aufzumotzen.

Genau diesen Ansatz verfolgt Silver Spring Network - das Unternehmen hat Technologien entwickelt, mit denen sich die Energie-Infrastruktur in eine riesige Kommunikationsplattform verwandeln lässt, über die, ähnlich wie über das Internet, Daten ausgetauscht werden - und die sich teils vom World Wide Web aus steuern lässt. "Smart Energy Network" nennt Silver Spring dieses Konglomerat aus intelligenten Stromzählern und einem Übertragungsstandard, der Daten mittels IP-Technologie übermitteln kann.

"Es gibt inzwischen hunderte Firmen, die hunderte Millionen Dollar in Projekte stecken, mit denen Strom effizienter genutzt wird", sagt Silver-Spring-Marketingchefin Lisa Magnuson. "Wir schaffen eine zentrale Plattform, über die sich all diese Technologien miteinander vernetzen lassen." Experten sehen darin ein riesiges Potential. "Silver Spring Networks könnte das Rückgrat eines neuen Kommunikationsnetzes generieren", sagt Drew Clark, Strategiechef der IBM-Risikokapitalgruppe. "Die Firma wäre dann für diese Plattform das, was Cisco mit seinen Routern und Switches für das Internet ist."

"Mögliches Heilmittel gegen die Weltwirtschaftskrise"

Andere Firmen, die derzeit Technologien für das intelligente Stromnetz entwickeln, könnten sich dann an diese Plattform ankoppeln. Unternehmen wie Tendril oder Greenbox beispielsweise, die Hard- und Software produzieren, mit deren Hilfe die Endverbraucher ihren Energiebedarf zu Hause in Echtzeit überwachen können. Oder Firmen wie EnerNOC oder Comverge, die Programme anbieten, welche den Stromverbrauch automatisch regulieren können, indem sie etwa zu vordefinierten Zeiten die Klimaanlage in einer Wohnung ab - oder ein Fließband in einer Fabrik anschalten.

Viele dieser Firmen kommen trotz branchenübergreifender Kreditklemme noch immer gut an Investorengeld. Selbst Silicon-Valley-Schwergewichte wie Microsoft und IBM investieren ins schlaue Stromnetz. IBM-Chef Samuel Palmisano huldigte dem Smart-Grid-Markt in einem Gastkommentar im "Wall Street Journal" gar als mögliches Heilmittel gegen die Weltwirtschaftskrise.

Auch der Suchmaschinenriese Google drängt ins schlaue Stromnetz. Er tüftelt an einer ans Internet gekoppelten Überwachungstechnik, mit der Haushalte ihren Energieverbrauch genau prüfen können - und ihn schon mit einfachen Maßnahmen um durchschnittlich 15 Prozent senken können sollen. Für die notwendigen Messgeräte, die Endverbraucher zur Nutzung der Google-Software benötigen, hat der Suchmaschinenriese das sechstgrößte US-Unternehmen General Electric als Partner engagiert.



insgesamt 594 Beiträge
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Seite 1
Rainer Eichberg 23.03.2009
1.
"Wo Schatten ist, da ist auch Licht" Selbstverständlich wird die Krise Gewinner hervorbringen. Viele Menschen haben gemerkt, daß sie sich von anderen abhängig gemacht haben. Stichwort: Hohe Energiekosten. Wer kann, wird tunlichst versuchen, weitere Abhängigkeiten zu minimieren, wenn es um den Bau eines Eigenheimes geht: Erdwärme, Sonnenenergie usw. boomen doch jetzt schon.
auriculum 23.03.2009
2.
Zitat von sysopWeltweit kämpfen Banken und Unternehmen mit den Folgen des Finanzmarktbebens: Doch junge Firmen mit innovativen Produkten stemmen sich gegen den Abschwung. Können diese Firmen als Gewinner aus der Weltwirtschaftskrise hervorgehen?
Jede Krise hat auch ihre Gewinner, seien es die "Kriegsgewinnler" oder eben innovative Firmen. Jede Krise zwingt auch immer zum Umdenken, so geschehen z.B. beim Wandel unserer Gesellschaft in eine Dienstleistungsgesellschaft.
knut beck 23.03.2009
3.
Zitat von Rainer Eichberg"Wo Schatten ist, da ist auch Licht" Selbstverständlich wird die Krise Gewinner hervorbringen. Viele Menschen haben gemerkt, daß sie sich von anderen abhängig gemacht haben. Stichwort: Hohe Energiekosten. Wer kann, wird tunlichst versuchen, weitere Abhängigkeiten zu minimieren, wenn es um den Bau eines Eigenheimes geht: Erdwärme, Sonnenenergie usw. boomen doch jetzt schon.
"Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Ich denke, viele Menschen - und täglich werden es mehr - begreifen die Krise auch als eine Chance für einen grundlegenden politischen Neuanfang mit der SPD am 27. September.
AchimT 23.03.2009
4. Bloß wo führt die Krise noch hin?
Zitat von Rainer Eichberg"Wo Schatten ist, da ist auch Licht" Selbstverständlich wird die Krise Gewinner hervorbringen. Viele Menschen haben gemerkt, daß sie sich von anderen abhängig gemacht haben. Stichwort: Hohe Energiekosten. Wer kann, wird tunlichst versuchen, weitere Abhängigkeiten zu minimieren, wenn es um den Bau eines Eigenheimes geht: Erdwärme, Sonnenenergie usw. boomen doch jetzt schon.
Ich sehe das so ähnlich wie Sie. Und ich muss (kann) gestehen, dass ich bis jetzt persönlich von der Krise noch nichts gespürt habe. Rente + Betriebspension kommen wie gewohnt, Haus ist bezahlt, alles bestens also. Energiemäßig hinke ich noch etwas hinter her, heize z.B. mit Öl, aber das ist im Moment auch nicht so schlecht, und beim Strom konnte ich durch Einhaltung einiger strikter Maßnahmen den Verbrauch drastisch reduzieren. Auch hier also alles bestens eigentlich. Was mir zu denken gibt, ist die Geldmenge, die z.B. die Amerikaner derzeit in den Markt werfen. Hierdurch könnte eine massive Inflation ausgelöst werden, die, wenn sie Ausmaße wie Anfang der 20er Jahre letzten Jh. in Deutschland annehmen sollte, alles in der Welt zum Einsturz bringen würde. Und dann wäre nichts mehr bestens und niemand würde gestärkt aus der Krise kommen. Das macht mir Angst.
Andreas Heil, 23.03.2009
5.
Zitat von knut beck"Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Ich denke, viele Menschen - und täglich werden es mehr - begreifen die Krise auch als eine Chance für einen grundlegenden politischen Neuanfang mit der SPD am 27. September.
Schwer vorstellbar, wie eine Resozialisierung in der Regierung ausgerechnet in der Spezialdemokratie vonstatten gehen soll. Aber vielleicht ist eine Läuterung als marginalisierter Juniorpartner ja möglich, wenn die Partei ihre Führungsriege weitesgehend entsorgt. Zumindest ist eine linke Regierung ohne die SPD im September ja noch nicht vorstellbar, aber andere Demokratien oder auch schon einzelne einstellige Ergebnisse für die SPD zeigen ja wo's ansonsten hingeht.
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