Energie Verbraucher müssen sich auf massive Gaspreiserhöhung einstellen

Millionen Gaskunden sind in Sorge wegen der Gasrechnung in den kommenden Monaten. Eine Erhebung des Branchendiensts Verivox lässt Schlimmes befürchten: Danach werden bundesweit 102 Gas-Versorger ihre Preise anheben - um bis zu 17 Prozent.


Berlin/Dortmund - Den Preisaufschlag bekommen viele Verbraucher schmerzlich zu spüren. Im Extremfall zahlt ein Vier-Personen-Haushalt mit einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden beim Anbieter RheinEnergie künftig 1500 Euro im Jahr für Gas. Das sind 217 Euro mehr als bisher. Nach SPIEGEL-Informationen plant der Großkonzern E.on Chart zeigen sogar eine Erhöhung um bis zu 25 Prozent. Details sind hier aber noch nicht bekannt.

Gasflamme: 217 Euro Mehrkosten für einen Vier-Personen-Haushalt
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Gasflamme: 217 Euro Mehrkosten für einen Vier-Personen-Haushalt

Umso dramatischer sind die Zahlen, die das unabhängige Verbraucherportal Verivox ermittelt hat. Demnach liegt Rheinenergie mit einem Aufschlag von 16,9 Prozent bei den bereits offiziellen Erhöhungen bundesweit an der Spitze, doch auch bei vielen anderen Versorgern stehen üppige Teuerungen an. So fordern etwa die Stadtwerke Landau 16,4 Prozent mehr, die Stadtwerke Aachen 15,3 Prozent oder die Energieversorgung Mittelrhein 13,7 Prozent.

Die massiven Gaspreiserhöhungen stießen in Berlin auf Kritik. So forderte etwa der FDP-Vorsitzende Rainer Brüderle die Abkopplung des Gaspreises vom Ölpreis. "Es gibt keine Begründung mehr für die Preiskoppelung zweier völlig unterschiedlicher Produkte. Genauso gut könnte man die Müllgebühren an den Goldpreis binden", sagte Brüderle den "Ruhr Nachrichten". Die Vereinbarung aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts sollte das Gas attraktiv machen. "Jetzt macht es Gas unnötig teuer."

Energiepolitiker der SPD-Bundestagsfraktion kündigten der Zeitung zufolge einen Gesetzentwurf an, mit dem Versorger zur sozialen Staffelung ihrer Strom- und Gaspreise gezwungen werden sollen. "Wir wollen noch im Juni in der Arbeitsgruppe Energie die Eckpunkte beschließen", sagte der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Ulrich Kelber dem Blatt. Energieversorger sollten dazu verpflichtet werden, beispielsweise die ersten 500 Kilowattstunden Strom pro Kopf "deutlich günstiger" als zum Durchschnittspreis anzubieten. Das sei "familienfreundlich" und entlaste vor allem Haushalte mit geringem Einkommen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich am Montag gegen eine zu harte Regulierung der Strom- und Gaskonzerne ausgesprochen. Sie sei für mehr Transparenz bei den Versorgern, aber gegen eine Regulierung, die Investoren abstoße und zu Stillstand bei den Investitionen führe.

Die Energieexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet für dieses Jahr sogar mit noch mindestens einer weiteren Preiserhöhungswelle: "Gas wird zum Jahresende noch um weitere zehn Prozent teurer, falls der Ölpreis auf diesem sehr hohen Niveau bleibt."

Der Energieexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv), Holger Krawinkel, hält die Gaspreise bereits jetzt für unnötig hoch. Der Trend zu teurerem Gas könne abgemildert werden, sagte Krawinkel den Dortmunder "Ruhr Nachrichten": "Der Wettbewerb funktioniert nicht ausreichend, und die Netzentgelte haben zum Teil ein zu hohes Niveau."

Das "Grundproblem" mit der Energiequelle Gas sei aber ein anderes: "Wir verwenden Erdgas für Zwecke, für die es viel zu wertvoll ist." Mit dem Energieträger könnten 1000 Grad Celsius Energie erzeugt werden - weit mehr als für das Heizen von Räumen auf 20 Grad benötigt werde. "Das ist Energieverschwendung, und die schlägt sich im Preis nieder."

Letztlich müsse man daher weg vom Gas: "Ein so wertvoller und teurer Energieträger darf nicht länger verheizt werden. Die Bundesregierung sollte massiv den Ausbau von Fernwärme, also die Nutzung von Abwärme aus Kraftwerken, betreiben", forderte Krawinkel. Zusätzlich müsse der Staat die Sanierung alter Gebäude fördern: "Es geht dabei um Investitionen von 500 Milliarden Euro in den nächsten 20 Jahren", sagte der Energieexperte.

Anbieterwechsel - so funktioniert's
In wenigen Minuten zum Ziel
Der Wechsel des Stromanbieters ist sehr einfach. Für die Formalitäten braucht man nur wenige Minuten. Im Kern gilt das Gleiche auch für Gaskunden. Wechselwillige Kunden sollten Folgendes beachten.
Verbrauch ermitteln
Als Erstes sollte man seinen individuellen Jahresverbrauch ermitteln. Am einfachsten geht das über die letzte Rechnung. Wichtig: Es kommt nicht auf den Betrag in Euro an, sondern auf den Verbrauch in Kilowattstunden (kWh). Wer die letzte Rechnung nicht mehr findet, kann seinen jährlichen Strombedarf zur Not auch anhand des Verbrauchs der letzten Monate hochrechnen.
Die Suche nach dem passenden Anbieter
Nun beginnt die Suche nach dem günstigsten Anbieter. Eine wichtige Hilfestellung bieten dabei unabhängige Verbraucherportale wie www.toptarif.de, www.verivox.de, www.stromtarife.de, www.check24.de oder www.verbraucherzentrale.de. Auf diesen Seiten finden sich Tarifrechner, in die man nur zwei Werte eingeben muss: seine Postleitzahl und seinen jährlichen Stromverbrauch in Kilowattstunden. Der Tarifrechner bietet dann eine Übersicht sämtlicher Anbieter, die in dieser Region verfügbar sind.
Die Auswahl
Jetzt kommt der entscheidende Schritt - die Wahl des neuen Anbieters. Dabei sollte man Folgendes beachten: Der günstigste ist nicht automatisch der beste. So warnen Verbraucherschützer vor Unternehmen, die Vorkasse verlangen. Auch sollte man sich nicht zu lange an einen Anbieter binden - Vertragslaufzeiten von zwei Jahren also lieber meiden. Allen anderen Unternehmen darf man getrost Vertrauen entgegenbringen.
Ökoanbieter
Wer möchte, kann sich an dieser Stelle auch für einen Ökostromanbieter entscheiden. Diese Unternehmen garantieren grünen Strom aus erneuerbaren Energien, ohne Kohle und Kernkraft. Nach Angaben der Verbraucherschützer sind Ökostromprodukte in zwei Dritteln der Städte sogar billiger als die der ortsüblichen Grundversorger.
Die Formalitäten
Nun muss man mit dem neuen Anbieter nur noch Kontakt aufnehmen. Häufig ist das direkt über das Verbraucherportal möglich - entweder per Mausklick oder per Telefon. Der neue Anbieter klärt dann sämtliche Formalitäten. Eine Abmeldung beim alten Versorger ist nicht nötig, auch das übernimmt das neue Unternehmen automatisch. Nur eine Sache sollte man beachten: Die Vertragslaufzeit beim alten Anbieter muss eingehalten werden. Wer seit acht Monaten in einem Jahresvertrag ist, muss eben noch vier Monate warten.
Die Technik
Technisch ist der Anbieterwechsel überhaupt kein Problem. Das physikalische Produkt Strom bleibt in jedem Fall dasselbe, eine Unterbrechung der Versorgung ist ausgeschlossen. Dass man einen neuen Anbieter hat, merkt man nur daran, dass die Rechnung von einem anderen Unternehmen kommt als bisher. Übrigens: Selbst wenn der neue Anbieter pleitegehen sollte, bekommt man weiterhin Strom. In diesem Fall ist der örtliche Grundversorger gesetzlich verpflichtet einzuspringen.
Wie lange dauert der Anbieterwechsel?
Seit April 2012 können Strom- und Gaskunden schneller den Anbieter wechseln. Sobald die Anmeldung beim Netzbetreiber erfolgt ist, dürfen laut Energiewirtschaftsgesetz nur noch drei Wochen verstreichen, bis die Strom- oder Gaslieferung durch den neuen Anbieter beginnt. Starttermin muss nicht der Monatserste sein - jeder Tag ist möglich. Dauert die Umstellung länger als drei Wochen, kann der Kunde Schadenersatz vom Lieferanten oder Netzbetreiber fordern.
Ich habe eine Nachtspeicherheizung. Kann ich auch den Anbieter wechseln?
In den meisten Fällen leider nicht. "In vielen Regionen gibt es nur einen Anbieter, der die Betreiber von Nachtspeicherheizungen beliefert", sagt ein Verivox-Sprecher. Durch den mangelnden Wettbewerb kommt es öfter zu überdurchschnittlichen Preiserhöhungen. Im vergangenen Jahr sind beispielsweise in Baden-Württemberg die Preise um bis zu 30 Prozent gestiegen. Die Bundesregierung tut dagegen wenig, denn es ist politisch gewollt, dass stromfressende Nachtspeicherheizungen nach und nach ausrangiert werden.

mik/wal/AFP/ddp/dpa



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