Energieexperte Matthies im Interview "Ölmänner halten zusammen"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Matthies, der Watergate-Enthüller Bob Woodward ist nicht eben als schlechter Rechercheur bekannt. Aber seine Ölpreis-These klingt ein bisschen nach Verschwörungstheorie ...
Klaus Matthies: Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es eine Zusage des saudischen Botschafters gegeben hat, sich für niedrigere Preise einzusetzen. Die US-Regierung und die Saudis haben eine lange Geschichte guter Beziehungen. Nach dem 11. September 2001 haben die sich zwar abgekühlt, weil die Saudis extreme Positionen des Islam unterstützen. Aber gerade daher ist denkbar, dass die saudischen Prinzen nun versuchen, sich beliebter zu machen.
SPIEGEL ONLINE: Die saudische und die US-Regierung bestreiten allerdings, dass man Preisabsprachen getroffen habe.
Matthies: Ob es ein "Abkommen" gegeben hat oder nicht, ist in der Tat Spekulation. Klar ist, dass es frühere Gespräche des Botschafters Prinz Bandar Bin Sultan mit US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice gegeben hat. Das hat das Weiße Haus bestätigt. Nur über die genauen Inhalte wurde nichts gesagt.
Ungeachtet dessen betreibt die saudische Regierung eine eher US-freundliche Preispolitik. Sie steht öffentlich dazu, den Preis für Opec-Öl von jetzt fast 33 Dollar pro Barrel wieder auf 28 Dollar oder darunter zu drücken. Andere Opec-Länder hingegen drängen auf höhere Preise.
SPIEGEL ONLINE: Gute Beziehungen zu Washington sind das eine - aber welches Interesse könnte die saudische Regierung an einem Wahlsieg Bushs haben?
Matthies: Bei ihm weiß sie, was sie zu erwarten hat. Bei seinem Herausforderer John Kerry weiß sie es nicht. Er könnte zwar wenig anders machen als Bush, aber Unsicherheit bleibt. Strategisches zur Ölpreispolitik habe ich von Kerry noch nicht gehört.
SPIEGEL ONLINE: Außerdem heißt es, der saudische Botschafter sei ein Freund Bushs.
Matthies: Es gibt da alte Beziehungen. Sehr viele Männer, die neben, hinter und unter Bush etwas zu sagen haben, stammen aus Texas oder dem Ölgeschäft. Die These hat etwas für sich, dass die Ölmänner zusammen halten.
SPIEGEL ONLINE: Beim letzten Treffen der Opec-Minister hat sich Saudi-Arabien aber für eine Senkung der Fördermenge engagiert. Wie passt das zur US-freundlichen Politik?
Matthies: Die Saudis gehören, weil sie die militärische Unterstützung brauchen, immer noch zu den Freunden des Westens - auch wenn sie sich aus innenpolitischen Gründen mit Bekundungen sehr zurückhalten. Bei der Sitzung in Wien schien es zwar, als zählten sie zu den Hardlinern. Aber sie haben immer noch mäßigenden Einfluss ausgeübt. Es gab weit extremere Stimmen.
SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist der Ölpreis im US-Wahlkampf? Es gibt ja auch andere bedeutende Wirtschaftsthemen, etwa die Schwäche des Arbeitsmarktes.
Matthies: Der Benzinpreis ist auf ein historisches Rekordniveau gestiegen. Das berührt in der Autofahrernation USA sehr viele Wähler - sie sind stärker angewiesen auf ihre Wagen und legen weitere Strecken zurück als wir. Preissteigerungen beim Öl schlagen auch spürbarer auf den Benzinpreis durch als in Deutschland, weil der Anteil der Besteuerung in den USA geringer ist.
SPIEGEL ONLINE: Kein Wunder also, dass John Kerry und andere Demokraten das Thema gern ausspielen?
Matthies: Kein Politiker wird wagen, die Benzinpreise als angemessen zu bezeichnen. Es ist populär und einfach zu sagen: "Jetzt muss etwas passieren, wir hängen am Tropf der arabischen Ölländer." Man muss sich aber die gravierenden Verbrauchssteigerungen der USA in den vergangenen Jahren ansehen. Dann erkennt man: Sie selbst könnten viel dafür tun, dass der Ölpreis sinkt. Die Amerikaner müssten einfach weniger konsumieren.
SPIEGEL ONLINE: Sollten die Saudis sich tatsächlich entschließen, vor den Wahlen die Preise zu drücken - könnte das maßgebliche Auswirkungen haben?
Matthies: Saudi-Arabien ist das Land, das am meisten tun könnte. Es hat die größten freien Förderkapazitäten, die es kurzfristig aktivieren könnte. Bei den Ölländern insgesamt gibt es zwei Millionen Barrel pro Tag an freien Kapazitäten, davon gehört die gute Hälfte Saudi-Arabien.
SPIEGEL ONLINE: Fällt der Ölpreis unter die kritische Marke von 30 Dollar pro Barrel, wenn die Saudis diese Kapazitäten auf den Markt bringen?
Matthies: Man darf ihren Einfluss auch nicht überschätzen. Die Saudis werden ihre Möglichkeiten sicher nicht ganz ausschöpfen. Ein bisschen erhöht haben sie die Förderung aber schon.
Vieles spricht dafür, dass der Ölpreis etwas fällt. Das derzeitige Niveau hat viel mit Emotionen zu tun. Die Lage im Irak und die Ermordung von Palästinenserführern verunsichern den Markt. Wir prognostizieren, dass der Preis in den kommenden Monaten auf etwa 30 Dollar für Brentöl sinkt.
SPIEGEL ONLINE: Wenn dem so sein sollte, wird Bush das sicher als Erfolg seiner Politik verkaufen - auch wenn es eher Zufall war.
Matthies: Das machen Regierungen ja immer gern. Die schlechten Nachrichten stellen sie als Schuld der anderen oder als Schicksal hin. Die guten beanspruchen sie für sich.
Das Interview führte Matthias Streitz