Energiekonflikt Russische Gaslieferungen über Ukraine komplett gestoppt

Über die Ukraine kommt kein russisches Gas mehr nach Westen - das hat Gazprom jetzt bestätigt. Beide Staaten geben sich gegenseitig die Schuld. In Tschechien, der Slowakei, Österreich und Rumänien bleiben die Lieferungen aus, Notprogramme laufen an.


Moskau/Kiew - Die Ukraine habe die letzte von vier Transitleitungen für das russische Gas in die Europäische Union geschlossen, sagte der Vize-Chef des russischen Gasmonopolisten Gazprom, Alexander Medwedew, der Agentur Interfax zufolge in Berlin.

Pipeline-Arbeiter in Kiew: Leitungen gekappt
REUTERS

Pipeline-Arbeiter in Kiew: Leitungen gekappt

Westeuropa erhält aber noch über andere Leitungen weiterhin Gas. Gazprom hatte der Ukraine vorgeworfen, das für den Export bestimmte Gas zu stehlen. Deshalb gebe es keinen Grund mehr, das Gas über die Ukraine zu den Kunden in Westeuropa zu pumpen, hatte Gazprom-Chef Alexej Miller gesagt.

Kiew weist dagegen in Richtung Moskau. Die Gaslieferungen seien von Gazprom gestoppt worden, teilte ein Sprecher des ukrainischen Unternehmens Naftogas nach Angaben der Agentur Interfax mit.

Österreich hatte am Morgen mitgeteilt, dass der Gasstrom aus Russland versiegt sei. Die Versorgung der Verbraucher sei aber vorerst durch den Rückgriff auf Speicher und die Eigenproduktion gesichert, versicherte die OMV.

Auch andere Länder waren von teils dramatischen Engpässen betroffen. In Tschechien, der Slowakei und Rumänien kam schon am Mittwochmorgen kein Gas mehr an. "Die Haupt-Pipeline aus dem Osten ist seit Mitternacht zu", sagte ein Sprecher des tschechischen Gasimporteurs Transgas, ein Tochterunternehmen von RWE. "Es kommt nichts mehr in Tschechien und der Slowakei an." Rumäniens Regierung berief nach dem Lieferstopp eine Krisensitzung ein.

Russisches Gas fließt noch in geringerer Menge über andere Leitungen etwa durch Weißrussland nach Westeuropa. Bisher waren etwa 80 Prozent des Gases aus Russland über Leitungen in der Ukraine in die EU gepumpt worden.

Der Energiekonflikt zwischen Moskau und Kiew hatte sich zugespitzt, weil sich beide Seiten nicht auf neue Gaspreise und Lieferverträge einigen konnten. Gazprom-Chef Alexej Miller hatte der Ukraine am Dienstagabend erneut vorgeworfen, das für den Export bestimmte Gas zu stehlen. Deshalb gebe es keinen Grund mehr, das Gas über die Ukraine zu den Kunden in Westeuropa zu pumpen. Die Ukraine hatte zuvor auch drei von vier Transitleitungen in die EU geschlossen.

Auch Russlands Regierungschef Wladimir Putin warf der Ukraine vor, das Gas von den "europäischen Verbrauchern, die dafür viel Geld bezahlt haben, zu klauen".

SPIEGEL ONLINE

Trotz des Gasstreits rechnet Bundeswirtschaftsminister Michael Glos nicht mit steigenden Preisen für die Bürger hierzulande. "Die Bürger müssen nicht unmittelbar mit höheren Belastungen rechnen, denn die Gasversorger arbeiten auf der Basis langfristiger Lieferverträge", sagte er der "Saarbrücker Zeitung". Zudem sei der Gaspreis an die Entwicklung des Ölpreises gekoppelt. "Demnach wird er daher in den nächsten Wochen tendenziell eher zurückgehen", sagte Glos. Niemand solle sich fürchten, "dass er im Winter frieren wird".

Russland und die Ukraine forderte Glos erneut auf, den Streit rasch beizulegen und ihre Vertragspflichten zu erfüllen. Das gelte auch in deren eigenem Interesse, "denn nicht geliefertes Gas kann schließlich auch nicht bezahlt werden".

EU-Industriekommissar Günter Verheugen bekräftigte unterdessen im "Hamburger Abendblatt" die Forderung der Europäischen Union nach der sofortigen und vollständigen Wiederaufnahme der Gasversorgung für die EU-Mitgliedstaaten. Es müsse "zu einer schnellen und endgültigen Einigung" kommen, "die den Gasstreit ein für alle Mal lösen soll".

Die USA bezeichneten die Eskalation des Gasstreits als "inakzeptabel", wie Außenamtssprecher Sean McCormack sagte. Diese Episode zeige, wie wichtig es sei, Erdgas aus möglichst vielen verschiedenen Quellen zu beziehen und auch über andere Energieformen nachzudenken.

Nach den Protesten mehrerer EU-Länder wegen teils massiver Lieferausfälle durch den Gasstreit will der russische Energieriese Gazprom anscheinend mit EU-Vertretern zusammenkommen. Gazprom kündigte an, am Donnerstag Vertreter nach Brüssel zu entsenden, die dort mit Mitarbeitern der EU-Kommission und des Europäischen Parlaments beraten sollten. Ein Kommissionssprecher konnte dies allerdings zunächst nicht bestätigen.

Unterdessen sind die Konfliktparteien offenbar bereit zu neuen Verhandlungen. Der Chef des staatlichen ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz, Oleg Dubina, will am Donnerstag nach Moskau reisen, um dort mit Gazprom zu sprechen. Nach einem Treffen mit Gazprom-Vizechef Alexander Medwedew am Dienstag in Berlin sagte der tschechische Industrieminister Martin Riman, beide Seiten seien ganz offensichtlich zu Verhandlungen bereit. Russland hatte am 1. Januar seine Gaslieferungen an die Ukraine gestoppt und dies mit Zahlungsrückständen und dem Streit um die künftigen Gaspreise begründet.

mik/dpa/Reuters/dpa-AFX



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.