Energieprojekt Sachalin II Russland erwägt 30-Milliarden-Dollar-Klage gegen Shell

Das gigantische Flüssiggasprojekt Sachalin II wird für Shell zum Desaster: Russland will wegen angeblicher Umweltschäden bis zu 30 Milliarden Dollar Schadensersatz fordern. Dabei hat Shell nach massivem Druck aus Moskau Berichten zufolge dem Verkauf zahlreicher Sachalin-Anteile schon zugestimmt.


Moskau - Russland wirft dem Betreiber-Konsortium um den Ölkonzern Royal Dutch Shell Umweltdelikte bei dem Flüssiggasprojekt Sachalin II vor. Die Unternehmen hätten der Umwelt in der sibirischen Inselregion von Sachalin auf "barbarische Art und Weise" geschädigt, sagte der für Bodenschätze zuständige Minister Juri Trutnew bereits vergangene Woche und kündigte Klage an. Allerdings entspricht die heute angekündigte Summe in etwa dem Dreifachen der bisher angepeilten Summe, wie die Umweltbehörde erklärte. Grund für die deutlich höhere Summe seien die bei einem Prozess zu erwartenden Anwaltskosten, sagte der Vizechef der Behörde, Oleg Mitwol.

Sachalin II: "Wir werden ab März gerichtlich vorgehen"
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Sachalin II: "Wir werden ab März gerichtlich vorgehen"

"Wir werden ab März gerichtlich vorgehen können", betonte Mitwol in Moskau. Dabei sei die künftige Rolle von Shell in dem Projekt zweitrangig. Mehreren Medien zufolge will der britisch-niederländische Ölkonzern möglicherweise die Kontrolle an Sachalin II an den staatlichen Gasprom-Konzern abgeben. Der "Financial Times Deutschland " zufolge hat Shell-Chef Jeroen van der Veer bei einem Treffen mit Gasprom-Chef Alexej Miller angeboten, Gasprom mit 50 Prozent plus einen Anteil an Sachalin II zu beteiligen. Shell wolle dafür seinen Anteil von heute 55 Prozent auf 25 Prozent zurückfahren. Die beiden japanischen Konzerne Mitsui und Mitsubishi, die mit 25 Prozent und 20 Prozent an dem Projekt beteiligt sind, sollten jeweils zehn Prozent an Gasprom verkaufen, hieß es weiter.

Gasprom soll demnach vier Milliarden Dollar für die Mehrheitsbeteiligung zahlen. Der russische Gasmonopolist bestätigte heute Kaufabsichten. Gasprom wolle für die Shell-Anteile Bargeld bieten und überdies Unternehmensteile verkaufen, sagte der Vorsitzende des Gasprom-Führungsgremiums, Dmitri Medwedew, der auch Russlands Erster Vize-Ministerpräsident ist.

Sollte der Deal tatsächlich zustande kommen, wäre dies ein Erfolg für die russische Regierung, die Beobachtern zufolge seit einiger Zeit versucht, einen größeren Anteil an dem Flüssiggasprojekt zu erhalten. Die Verträge für Sachalin II wurden in den neunziger Jahren unter Präsident Boris Jelzin geschlossen. Unter dem amtierenden Präsidenten Wladimir Putin versucht Russland hingegen, die Kontrolle über seine Öl- und Gasreserven in nationaler Hand zu behalten und lediglich ausländische Minderheitsbeteiligungen zuzulassen.

Japan bangt um seine Gas-Lieferungen

Das gigantische Flüssiggasprojekt Sachalin II auf der ostsibirischen Halbinsel Sachalin nördlich von Japan, dessen Kapazitäten bald 9,6 Millionen Tonnen pro Jahr erreichen sollen, gehört gehört zu den ehrgeizigsten Energieprojekten der Welt. Das erste Flüssiggas soll im Sommer 2008 von dort aus exportiert werden. Im September hatte Russland allerdings die umweltrechtlichen Genehmigungen für das 22-Milliarden-Dollar-Projekt zurückgezogen.

Vor der ostsibirischen Insel Sachalin nördlich von Japan liegen nach Angaben von Umweltschutzorganisationen die Futtergründe für seltene Walarten. Einige Analysten sehen den Umweltschutz jedoch als Vorwand der russischen Regierung, einen stärkeren Zugriff auf das lukrative Geschäft mit Öl und Gas zu erhalten. Nach Informationen der Nachrichtenagentur RIA nimmt Russland neben dem Shell-Projekt auch das benachbarte Vorhaben des US-Konzerns Exxon Mobil erneut ins Visier. Die Umweltbehörde werde das Ölförder-Projekt Sachalin I ab Januar einer weiteren Untersuchung unterziehen, sagte Mitwol der Agentur zufolge.

Der mögliche Teilrückzug des Shell-Konzerns aus Sachalin II lässt Japan schon um seine Gaslieferungen aus Russland bangen. Russland müsse seine Glaubwürdigkeit beweisen und Japan rechtzeitig mit Gas beliefern, erklärte Japans Wirtschaftsminister Akira Amari. "Ich hoffe, dass Russland kooperiert, so dass die Lieferungen bald beginnen können", erklärte Amari mit Blick auf die Gasförderung von Sachalin II. Es sei für ausländische Investoren in Russland entscheidend, dass die Einhaltung von Verträgen zwischen privaten Unternehmen garantiert werde. Japan ist als Hauptabsatzmarkt für das Gas des Sachalin-II-Projektes vorgesehen.

ase/AFP/AP/Reuters



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