Knappheit von Gas und Strom Müssen Mitarbeiter bald am Arbeitsplatz frieren?

Das Einsparen von Energie wird vor allem für viele kleine Betriebe zur Existenzfrage: Ein Überblick über die Ideen der Unternehmen, wie sie durch den Winter kommen – und was das für ihre Mitarbeiter bedeutet.
Autoteilezulieferer FSG Automotive: Alles in Betracht ziehen

Autoteilezulieferer FSG Automotive: Alles in Betracht ziehen

Foto: Oliver Killig/ picture alliance / dpa

Die vergangenen Monate waren nicht gerade einfach für den Automobil- und Industriezulieferer Schaeffler. Zwar wuchs der Umsatz ein bisschen – doch nur um den Preis, dass die Herzogenauracher einen Teil der gestiegenen Aufwendungen für die Herstellung der Teile selbst übernahmen. Zu den Kostentreibern zählten neben Materialien, Fracht und Logistik ganz besonders auch Öl und Gas.

Dass unter dem Strich noch rund 200 Millionen Euro an Gewinn übrig blieben, verbuchen Beobachter unter dem Stichwort »blaues Auge«, verbunden mit der Warnung, dass es in den kommenden Monaten durchaus noch schlimmer kommen könnte. Denn gerade beim Thema Energie ist kein Ende der Krise in Sicht. Im Gegenteil.

Eine Schaeffler-Taskforce soll helfen, die Auswirkungen rechtzeitig vorauszusehen. Für jedes einzelne Werk sind individuelle Maßnahmen vorgesehen und teilweise bereits umgesetzt. »Wir sind in der Lage, etwa den Gasverbrauch kurzfristig an die aktuelle Versorgungslage anzupassen«, erklärt Konzernsprecher Daniel Pokorny. Konkrete Maßnahmen könnten im Bedarfsfall durch Änderungen an den Arbeitsprozessen erfolgen. Aber auch die Belegschaften werden die Veränderungen zu spüren bekommen: durch Anpassung der Schichtmodelle oder die Nutzung von Homeoffice.

Ähnlich wie Schaeffler geht es den meisten größeren und kleineren Mittelständlern. Energienotlage ist längst nicht erst im Herbst. Die Einkaufspreise sind aktuell bereits so hoch, dass sich die Produktion in manchen Fällen schon gar nicht mehr lohnt. Laut einer Umfrage des deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) sehen sich bereits 16 Prozent der mittelständischen Industriebetriebe gezwungen, einzelne Geschäftsbereiche aufzugeben. Knapp ein Viertel der befragten Unternehmen habe bereits entsprechende Schritte eingeleitet, ein weiteres Viertel sei gerade dabei. Und die Hälfte der Befragten erklärt, das sei noch nicht das Ende vom Lied.

Energienotlage nicht erst im Herbst

Kein Wunder also, dass in der deutschen Wirtschaft intensiv diskutiert wird, an welchen Stellen sich noch weitere Einsparungen realisieren lassen: um einen großen Teil der Produktion zu retten. Und um die Krise einigermaßen zu überstehen. Das gilt auch für die ganz großen Unternehmen. Der Konsumgüterhersteller Henkel machte zu Beginn des Monats den Anfang mit der Ankündigung, die Temperatur in den Büros der Verwaltung deutlich zu senken, und bot seinen Mitarbeitern als Ausweichmöglichkeit den Weg ins Homeoffice an.

Am Flughafen Frankfurt am Main setzt man zunächst auf zahlreiche kurzfristig machbare Maßnahmen, um zusätzlich Energie einzusparen. Viele Schritte seien schon umgesetzt, sagte ein Konzernsprecher dem SPIEGEL. So sei zum Beispiel die Umluftzufuhr reduziert worden, sodass weniger warme Luft in die Terminals gelange. So werde der Aufwand für die Klimatisierung gesenkt. »Richtung Winter werden sich die Maßnahmen auch darauf richten, weniger Heizenergie aufzuwenden, indem wir die Raumtemperatur in den Terminals und Büros reduzieren, soweit es die Mindestvorgaben aus der geltenden Arbeitsstättenrichtlinie erlauben«, erklärte der Sprecher. Ziel sei eine Energieeinsparung um rund 15 Prozent.

Auch bei der Deutschen Telekom steht das Thema Energieeffizienz seit Langem im Mittelpunkt. In den vergangenen fünf Jahren habe man den CO₂-Ausstoß der mit Heizöl, Gas oder Fernwärme beheizten Immobilien halbiert, erklärte ein Sprecher. »Ein potenzielles Gasembargo haben wir im Blick und bereiten uns auf verschiedene Szenarien vor.«

Bezüglich der (Büro-)Arbeitsplätze halte man sich an die Vorgaben der aktuell gültigen Arbeitsstättenrichtlinie, die beispielsweise bei leichten Arbeiten im Sitzen eine Mindesttemperatur von plus 20 Grad vorschreibe. »Sollten sich (auch vorübergehende) Veränderungen an der Verordnung ergeben, würden wir diese natürlich berücksichtigen.«

Handfester Wettbewerbsfaktor

Gegenüber dem »Handelsblatt« berichtete auch der Leverkusener Chemiekonzern Bayer von Plänen, die Temperatur in den Gebäuden der deutschen Standorte um mindestens ein Grad Celsius zu senken. Normal seien im Winter eigentlich 20 bis 22 Grad, teilte ein Sprecher mit. Lkw-Spezialist Daimler Truck will mit Beginn der Heizperiode die Raumtemperatur in seinen Produktionshallen und Büros sogar um zwei Grad herunterregeln.

Auch in den mittelständischen Betrieben steht inzwischen alles auf dem Prüfstand. Zu den Energiefressern zählen Druckluftanlagen zum Betrieb von Werkzeugen ebenso wie die Prozesswärme, die für die Verarbeitung von Holz und Kunststoffen notwendig ist. Zum Energiesparen beitragen könnten auch kleinere Kühlkammern und Reinräume.

DIHK-Experte Niclas Wenz warnt allerdings vor zu großen Erwartungen. »Das Thema Energiesparen kennen die meisten Betriebe nicht erst seit der Gaskrise, es ist schon lange ein handfester Wettbewerbsfaktor.« Deshalb gehe es in der Regel nicht darum, das Bewusstsein zu schärfen oder jetzt einfache Einsparmaßnahmen umzusetzen, sondern das letzte Prozent aufzuspüren und interne Abschaltszenarien zu entwickeln.

Dabei sei die Bereitschaft der Kunden, Einschränkungen in Kauf zu nehmen, gestiegen, ergänzt Wenz’ Kollege Erik Pfeifer. In vielen Fällen bedeute das aber nicht nur den Verzicht auf überflüssigen Komfort, sondern auch Rückschritt. Er erwartet vielmehr, dass bald eine Diskussion über das Problem einsetzt, was mit wichtigen Produkten geschieht, wenn der Verzicht auf die notwendige Energie für das jeweilige Unternehmen lukrativer ist als die Herstellung des Produktes selbst.

Anders als die Großunternehmen mit ihren vergleichsweise großen Verwaltungseinheiten sehen die Mittelständler im Homeoffice kaum Sparpotenziale. »Die Abläufe sind hier in der Regel etwas anders«, erklärt Pfeifer. »Persönlicher.« Man müsse also genau abwägen, wie hoch der Preis des Produktivitätsverlusts wäre – zumal die Mitarbeiter ja auch ihr Büro zu Hause heizen müssten. Zum gleichen Ergebnis kommt auch der Bundesverband mittelständische Wirtschaft nach einer spontanen Kurzumfrage unter seinen Mitgliedsunternehmen.

An dieser Stelle erwartet auch Norbert Reuter, Leiter der tariflichen Grundsatzabteilung der traditionell streitbaren Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, kaum Konflikte mit den Arbeitnehmern. »Natürlich gehen wir davon aus, dass die Maßnahmen im Einklang mit den Bestimmungen des Arbeitsschutzrechts stehen werden«, erklärt der Volkswirt. Bei allen Beteiligten sei jedoch das Bewusstsein vorhanden, dass alle ein Stück weit aus ihrer Komfortzone heraustreten müssten.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.