Energiestreit E.on erwartet massive Gas-Lieferengpässe in Deutschland

Seit Dienstag sind mehrere europäische Länder von der russischen Gasversorgung abgeschnitten. Auch in Deutschland kommt weniger Gas an als vorgesehen, E.on Ruhrgas warnt vor einem Komplettausfall. In Kiew und Moskau schiebt man sich gegenseitig die Schuld zu.


Moskau/Kiew - Die russischen Erdgaslieferungen nach Europa über die Ukraine sind nach Angaben von Gazprom auf ein Siebtel des üblichen Volumens gesunken. Die Ukraine habe in der vergangenen Nacht eigenmächtig drei oder vier Exportpipelines geschlossen, erklärte der Vizechef des russischen Gasmonopolisten Gazprom, Alexander Medwedew, am Dienstag bei einer Pressekonferenz in London. Europa sollte erwägen, rechtliche Schritte gegen die Ukraine einzuleiten, sagte er.

Gaswerk in der Türkei: Keine Lieferungen mehr aus Russland
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Gaswerk in der Türkei: Keine Lieferungen mehr aus Russland

Russland bestätigte ukrainische Angaben, wonach Gazprom seine Gaslieferungen in die Ukraine und nach Westeuropa verringert habe. Gazprom habe die Versorgung - wie am Montag angekündigt - um 65,3 Millionen Kubikmeter Gas gedrosselt, meldete die Agentur Interfax unter Berufung auf das Unternehmen. Es gehe um die Menge, die die Ukraine in den vergangenen Tagen illegal aus Transitleitungen abgezapft habe.

Kiew bestreitet diesen Vorwurf und warnte am Dienstag Gaskunden in Westeuropa wegen einer gedrosselten Zufuhr aus Russland vor ernsten Lieferproblemen. Es könne kurzfristig zu Engpässen bei der Weiterleitung nach Westeuropa kommen, teilte das Staatsunternehmen Naftogas nach Angaben von Interfax in Kiew mit.

Gazprom informiert Polen über Lieferkürzung

Russland habe die Erdgaslieferungen nach Europa um zwei Drittel gekürzt und pumpe derzeit nur 92 Millionen Kubikmeter statt wie sonst täglich 221 bis 300 Millionen Kubikmeter in ukrainische Transitpipelines. "Das ist alles, was sie liefern", sagte ein Naftogas-Sprecher. "Das bedeutet, dass Europa in einigen Stunden Probleme mit der Gasversorgung haben wird." Am Dienstagmittag kündigte Naftogas dann an, die Gespräche mit Moskau wiederaufnehmen zu wollen. Der Chef des Unternehmens werde dazu am Donnerstag nach Moskau reisen.

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Bulgariens Wirtschaftsministerium erklärte, sämtliche russischen Lieferungen über die Ukraine nach Bulgarien, Griechenland, Mazedonien und in die Türkei seien gestoppt worden. In diesen Ländern komme kein russisches Gas mehr an. "Wir sind in einer Krisensituation", hieß es. Der Gasverteiler Bulgargas teilte in Sofia mit, seit Dienstagnacht sei kein Gas mehr aus Russland angekommen. In Bulgarien reichten die Reserven aber noch einige Tage, um den Bedarf der Industrie zu decken.

Gazprom unterrichtete Polen davon, dass die Gaslieferungen in das Land um fünf Prozent gekürzt wurden. Der stellvertretende Leiter der Energiebehörde in Warschau, Marek Woszczyk, sagte, dies bedeute keine Gefährdung der Versorgungslage, da Polen weiterhin Erdgas über zwei getrennte Leitungen in der Ukraine und Weißrussland erhalte. Die Lagerbestände seien außerdem noch zu 85 Prozent erhalten.

Nur noch zehn Prozent kommen in Österreich an

Der türkische Energieminister Hilmi Güler bestätigte, dass die Gaslieferungen aus Russland gestoppt worden seien. Aus iranischen Diplomatenkreisen war zu hören, Iran erwäge, seine Gaslieferungen an die Türkei zu erhöhen, um die Ausfälle zu kompensieren.

Europa bezieht ein Fünftel seiner Gasversorgung über Leitungen durch die Ukraine. Bislang erhielten außerdem auch Polen und die Slowakei bis zu 30 Prozent weniger russisches Gas aus der Ukraine, in Rumänien ist sogar von einem Rückgang von 75 Prozent die Rede. Auch Ungarn, Serbien und Bosnien fürchten nach Angaben aus Kiew Engpässe.

In Österreich kommen nach Angaben des Energiekonzerns OMV nur noch zehn Prozent der üblichen Menge an russischem Gas an, obwohl Gazprom dem österreichischen Unternehmen angekündigt hatte, die Lieferungen nur um 30 bis 40 Prozent reduzieren zu wollen. OMV müsse nun seine Gasreserven anzapfen. Eine Versorgung des Landes sei aber bei der derzeitigen Wetterlage und der aktuellen Nachfrage gesichert.

Scharfe Proteste aus der EU

In Deutschland halten sich die Auswirkungen der am Neujahrstag begonnenen Lieferreduzierung bislang in Grenzen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa kam es beim deutschen Gasimporteur E.on Ruhrgas zu einem Druckabfall, über Umfang und Dauer wurde allerdings nichts bekannt. Auch der Importeur Wingas meldete einen Druckabfall seit Dienstagmorgen auf der über die Ukraine verlaufenden Gasliefer-Routen, ohne konkrete Zahlen zu nennen. E.on Ruhrgas rechnet jedoch noch für Dienstag mit einem Komplettausfall der russischen Lieferungen über die Ukraine.

Die Europäische Union protestierte gegen die Lieferausfälle in mehreren europäischen Ländern. "Ohne vorherige Warnung und in klarem Widerspruch zu den Versicherungen der höchsten russischen und ukrainischen Stellen wurden die Gaslieferungen an einige EU-Mitgliedstaaten wesentlich verringert", betonten die EU-Kommission und die tschechische EU-Ratspräsidentschaft am Dienstag in einer gemeinsamen Erklärung.

Gazprom hatte am Montag mitgeteilt, die Lieferungen an Westeuropa über die Nachbarländer der Ukraine umleiten zu wollen. Russlands Regierungschef Wladimir Putin selbst hatte eine Teilversorgung Westeuropas über alternative Routen veranlasst. Dafür solle die Lieferung über die Ukraine um die gleiche Menge reduziert werden. Ein Gazprom-Sprecher sagte SPIEGEL ONLINE, trotz alternativer Pipelines werde es zu Engpässen kommen, da die Ausfälle in der Ukraine nicht ohne Weiteres auszugleichen seien.

Um eine Lösung zu finden, trifft Gazprom-Vizechef Medwedew heute in Berlin mit einer EU-Abordnung zusammen. Aus Gazprom-Kreisen war zu hören, er solle der Bundesregierung die problematische Lage erklären, damit diese schließlich auf die Ukraine einwirke, ihre Transitverpflichtungen einzuhalten. Hierüber werde er am Nachmittag auch mit Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sprechen.

kaz/dpa/AP/Reuters



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