Energiestreit Russland und Ukraine ringen um Gaszwischenhändler

Russland und die Ukraine suchen nach Auswegen aus dem Energiestreit. Vordergründig geht es um den Gaspreis. Doch hinter den Kulissen feilschen die Beteiligten um den Einfluss einer unbekannten Größe. Es geht um die Macht der höchst profitablen Gaszwischenhändler.


Moskau - Russland und die Ukraine ringen weiter um eine Einigung im schwelenden Gasstreit. Die ukrainische Regierungschefin Julia Timoschenko reiste am Samstag zu Verhandlungen nach Moskau. Mit dem russischen Regierungschef Wladimir Putin will die Politikerin erstmals seit Monaten wieder persönlich in dem Konflikt verhandeln.

Gaspumpstation in Russland: Zwischenhändler verursachen Chaos
AP

Gaspumpstation in Russland: Zwischenhändler verursachen Chaos

Vordergründig geht es immer noch um den Preis. Russlands Gasmonopolist Gazprom hatte seine Forderungen zum Jahreswechsel aufgestockt. Die Ukraine - schwer gezeichnet von einer Wirtschaftskrise - will den Preissprung nicht akzeptieren. Weil sich die Parteien nicht einigen können, fließt seit Wochen kein Gas mehr nach Westen. Vor allem in Osteuropa sitzen die Menschen in kalten Wohnungen. Und auch in Deutschland schmelzen die Reserven.

Doch der Preis ist nicht der einzige Streitpunkt. Es geht auch um die Gaszwischenhändler - und damit um Macht und Geld. Tatsächlich machte Timoschenko jüngst den von Oligarchen kontrollierten Zwischenhändler Rosukrenergo für das Verhandlungschaos verantwortlich.

Am Mittwochabend durfte der russische Fernsehzuschauer zusehen, wie die ukrainische Premierministerin mit dem charakteristischen Haarkranz vor laufender Kamera die Namen der Schuldigen am Gaschaos nannte: Dmitrij Firtasch, Mitbesitzer von Rosukrenergo, Jurij Bojko, ehemaliger Energieminister, und Sergej Lewotschkin, Abgeordneter der oppositionellen "Partei der Regionen". "Diese Leute haben für das Scheitern des Verhandlungsprozesses zwischen der Ukraine und Russland gesorgt", wetterte Timoschenko.

Die Rolle von Rosukrenergo und Co. ist von jeher schwer einzuschätzen. Die Firma zeichnet sich nicht gerade durch ein Höchstmaß an Transparenz aus. Der russische Journalist Michail Zygar, Autor des Buchs "Gazprom – das Geschäft mit der Macht", ist davon überzeugt, dass die Interessen des Zwischenhändlers Einfluss auf den Zwist zwischen Russland und der Ukraine haben.

Dabei hatten sich Timoschenko und der russische Premier Putin noch vor wenigen Monaten in einem Memorandum darauf geeinigt, dass es ab 1. Januar 2009 keinen Zwischenhändler mehr geben sollte. Nachdem sich die Ukrainer aber geweigert hatten, 250 Dollar pro 1000 Kubikmeter Gas zu bezahlen, sagte Putin, dass sofort "ein Vermittler aufgetaucht ist, der mit dem Preis einverstanden war". "Der Gaskrieg ist der Beweis dafür, dass jemand sehr daran interessiert ist, das bestehende Schema zu erhalten", sagt Gazprom-Experte Zygar.

Denn der staatliche ukrainische Energieversorger Naftogas kauft sein Gas nicht direkt bei Gazprom. Zwischen den beiden steht ein Vermittler, dessen Ruf ebenso schlecht wie die Besitzverhältnisse ungeklärt sind: Rosukrenergo. Das Unternehmen ist in der Schweiz ansässig und gehört zur Hälfte Gazprom. Die anderen 50 Prozent gehören dem milliardenschweren ukrainischen Oligarchen Firtasch. Als das Unternehmen 2004 gegründet wurde, war daran maßgeblich der andere von Timoschenko attackierte Energiemanager beteiligt: Jurij Bojko, damals als Energieminister Herr über Gas und Öl.

Wer bisher die schützende Hand über Rosukrenergo hielt und gleichzeitig die satten Gewinne abschöpfte ist indes völlig unklar: Vor zwei Jahren tauchte in russischen Medien eine Version auf, nach der Präsident Wiktor Juschtschenko über die Firma seines Bruders von Rosukrenergo profitiert. Andererseits ist aber bekannt, dass Firtasch die gegen Juschtschenko gerichtete "Partei der Regionen" finanziell unterstützt.

Dabei ist die Firma auch nur das aktuelle Synonym für ein Muster, nach dem das russisch-ukrainische Gasbusiness seit Anfang der neunziger Jahre funktioniert, und bei dem Milliarden Dollar an die Beteiligten fließen.

Am Anfang stand die Firma Respublika, die ab 1993 von Turkmenistan Gas erhielt – und mit ukrainischen Nahrungsmitteln bezahlte. Darauf folgte der Zwischenhändler Itera, zu dem Timoschenko, die Mitte der neunziger Jahre im Gashandel zur Milliardärin avancierte, beste Beziehungen unterhielt. 2002 verschwand Itera – und Eural Trans Gas trat an die Stelle, eine Firma, die in einem ungarischen Dorf von drei rumänischen Arbeitslosen und einem israelischen Rechtsanwalt registriert wurde.

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