Energiestudie 2020 geht in London das Licht aus

Bis zu neun Stunden am Tag fällt der Strom aus, Fabriken können nur noch drei Tage die Woche betrieben werden und in den Wohnungen wird nur noch ein Zimmer beheizt. Schon in weniger als zwanzig Jahren könnte dies in Großbritannien wieder bittere Realität sein, warnt eine Studie britischer Ingenieure.


Londoner Winter: Frieren ab 2020?
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Londoner Winter: Frieren ab 2020?

London - Der britische Ingenieursverband ICE schlägt Alarm. Sollte sich nicht bald etwas ändern, dann drohten dem Land Blackouts und die Wiederkehr der Drei-Tage-Woche. Viele Briten kennen diese Situation aus eigener Erfahrung. Anfang 1972 legten Minenarbeiter mir ihrem Streik die gesamte Energieversorgung des Landes für mehrere Wochen lahm - der teuerste Streik der britischen Wirtschaftsgeschichte.

Glaubt man der Institution of Civil Engineers (ICE), dann ist es bald wieder so weit. "Eine Rückkehr zu den Blackouts und dem nachfolgenden Stillstand der Wirtschaft sind sehr reale Gefahren in weniger als 20 Jahren", sagt David Anderson, Energie-Experte der (ICE). Nach Meinung des seit 1818 bestehenden Ingenieursverbandes hat die Regierung nämlich äußerst schlecht vorgesorgt. 2020 werde man deshalb völlig abhängig sein von Energielieferungen aus "weit entfernten und politisch unsicheren Ländern", so das Fazit der ICE-Studie mit den Namen "State of the Nation Report".

Die Rechnung der Ingenieure ist einfach. Derzeit werde Strom zu 32 Prozent aus Kohle, zu 23 Prozent aus Atomkraft, zu 38 Prozent aus Erdgas, zu vier Prozent aus Öl und zu drei Prozent aus anderen Quellen gewonnen. Bei einer Umsetzung internationaler Klima-Vorschriften müssten die Kohlekraftwerke bis 2016 abgeschaltet werden, nur ein Atomkraftwerk könnte über 2020 hinaus betrieben werden. Da die erneuerbaren Energien den entstehenden Energiebedarf niemals decken könnten, müssten neue Erdgaskraftwerke gebaut werden. Diese wiederum müssen nach der Prognose des ICE im Jahr 2020 rund 90 Prozent ihres Treibstoffes über Pipelines einführen.

ICE-Generaldirektor Tom Foulkes stellt deshalb die rhetorische Frage: "Kann die Versorgung gesichert werden, wenn das Gas über tausende von Meilen durch eine Reihe von Pipelines strömen muss, die anfällig sind für mechanische Defekte, Sabotage und Terror-Angriffe?" Um die Angst vor dem Blackout weiter anzufachen, weist er auch noch darauf hin, dass Großbritannien bisher nicht in der Lage ist, Gasreserven annähernd ausreichender Menge vorzuhalten. Während man in Deutschland rund 70 Tage ohne Gaslieferungen auskäme, wären es in Großbritannien gerade einmal 48 Stunden.



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