Energieversorgung Gasprom legt Investitionen in Deutschland auf Eis

Herber Rückschlag für die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen: Der Energiekonzern Gasprom stoppt einen Teil seiner Investitionen in Deutschland. Das Unternehmen begründet den Schritt mit der Angst, von der Bundesregierung enteignet zu werden.


Berlin - Früher hatte Gasprom noch große Pläne in Deutschland: Ganze Stadtwerke wollten die Russen übernehmen, sogar über einen Einstieg beim Energiekonzern RWE wurde gemunkelt. Das Ziel dabei war klar: Gasprom wollte die privaten Verbraucher erreichen - ein Geschäft, das die höchste Rendite verspricht.

Gasprom-Logo: "Wir haben die Sorge, enteignet zu werden"
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Gasprom-Logo: "Wir haben die Sorge, enteignet zu werden"

Doch nun hat das Unternehmen seine Pläne komplett geändert. "Unsere Aktivitäten in Bezug auf Endkunden in Deutschland haben wir auf Eis gelegt", sagte Hans-Joachim Gornig, der Geschäftsführer von Gasprom Germania, heute in Berlin. "Das gleiche gilt für unser anfängliches Interesse an Stadtwerken."

Die Begründung lieferte Gornig, der die Deutschland-Tochter des russischen Konzerns seit 17 Jahren leitet, gleich mit. Die deutsche Regierung habe Gasprom die Lust aufs Investieren gründlich vermiest. "Wir haben die Sorge, zu investieren, und dann enteignet zu werden."

Konkret geht es dabei um das sogenannte Unbundling, also die Entflechtung der Energiekonzerne. Weil der Wettbewerb auf den Strom- und Gasmärkten nicht richtig in Gang kommt, hatte Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) eine Trennung von Energienetzen und -erzeugung gefordert. Die gleiche Absicht verfolgt die EU-Kommission. Auf diese Weise soll kleineren Anbietern der Marktzugang ermöglicht werden.

"Diese Diskussion verfolgen wir mit argwöhnischem Interesse", sagte Gornig nun. Er fürchte, das Netz des Tochterunternehmens Wingas zu verlieren. Wingas ist ein Joint Venure, das Gasprom zusammen mit der BASF betreibt; in Deutschland besitzt das Unternehmen 2000 Kilometer Fernleitungen. "Die Regulierungswut führt zu immer mehr Planwirtschaft", kritisierte Gornig. "Das schreckt uns von Investitionsentscheidungen ab."

Gasprom selbst gehört zu 51 Prozent dem russischen Staat. Gemessen an der Marktkapitalisierung ist der Konzern das drittgrößte Unternehmen der Welt. Kürzlich gab Gasprom das Ziel aus, weltweit die Nummer eins zu werden.

Über ihre Tochter Gasprom Germania sind die Russen in ganz Westeuropa aktiv. Der Absatz von Gasprom Germania stieg im vergangenen Jahr um 37,5 Prozent auf 395 Milliarden Kilowattstunden, der Umsatz kletterte wegen der hohen Erdgaspreise sogar um 87 Prozent auf 6,1 Milliarden Euro. Auch in den nächsten Jahren rechnet Gornig mit weiter steigenden Gaspreisen. "In der Tendenz gehen die Preise nach oben." Das liege vor allem an der wachsenden Nachfrage in Asien.

Der Zeitplan für die Ostsee-Pipeline steht

Vor wenigen Tagen sorgte Gasprom für Aufsehen, weil der Konzern in Brandenburg ein Gaskraftwerk errichten möchte. Damit könnte das Unternehmen in Deutschland erstmals auch Strom verkaufen. Ob das Kraftwerk von einem möglichen Investitionsstopp betroffen wäre, sagte Gornig nicht. Die Planungen befänden sich aber ohnehin in einem "frühen konzeptionellen Stadium".

Für die Ostsee-Pipeline, die Russland direkt mit Deutschland verbinden soll, ändere sich nichts. "Der Zeitplan steht." Ab 1. Oktober 2010 soll Gas durch die Leitung strömen. Aufsichtsratschef der Betreibergesellschaft Nord Stream ist Altbundeskanzler Gerhard Schröder.

Im vergangenen Winter war Gasprom wegen des russisch-ukrainischen Gasstreits massiv in die Kritik geraten. Damals waren Lieferungen über die Ukraine in den Westen kurzzeitig unterbrochen worden, die fehlenden Gasmengen konnten aber durch Lieferungen über andere Leitungen ersetzt werden. Gasprom selbst betont stets, auch während des Kalten Krieges immer zuverlässig geliefert zu haben.

wal



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