Energieversorgung Gasprom-Preisschlacht alarmiert Bundesregierung

Der Konflikt zwischen dem russischen Energiekonzern Gasprom und Weißrussland eskaliert - jetzt reagiert die Bundesregierung auffallend nervös. "Mit Sorge" sehe man die mögliche Gefahr von Lieferengpässen, sagt Wirtschaftsminister Glos und fordert eine rasche Einigung.


Berlin - Bundeswirtschaftsminister Michael Glos appellierte heute an die Beteiligten, schnellstmöglich eine tragfähige Vereinbarung über den Preis des von Gasprom an Weißrussland gelieferten Gases zu erreichen und damit ihre Verlässlichkeit sowohl als Liefer- als auch als Transitland unter Beweis zu stellen. "Die Bundesregierung sieht den Streit zwischen der russischen Gasprom und Weißrussland und damit möglicherweise verbundene Lieferengpässe für Europa mit Sorge", erklärte der CSU-Politiker in Berlin.

Bau einer Gaspipeline: EU beruft Sondersitzung ein
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Nach Glos' Angaben haben die betroffenen deutschen Gasversorger der Bundesregierung zugesichert, sie könnten auf mögliche Lieferpässe entsprechend reagieren. Die Gefahr von Versorgungslücken bestehe in Deutschland nicht. "Auf Grund der bestehenden Speicherkapazitäten und der geringen Liefermengen über die Gaspipeline durch Weißrussland ist in Deutschland eine Gefährdung der Versorgungssicherheit nicht zu befürchten", erklärte Glos weiter.

In einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt" sprach sich Bundeskanzlerin Angela Merkel für eine größere Eigenständigkeit Europas in der Energieversorgung aus. "Europa muss seine Abhängigkeiten reduzieren, um seine Energieversorgung langfristig zu sichern", schrieb die CDU-Chefin. Dies sei ein Gebot ökonomischer, vor allem aber sicherheitspolitischer Vernunft, denn die Öl- und Gasreserven konzentrierten sich künftig nur noch in einigen wenigen Ländern.

Merkel bezeichnete Russland als wichtigen Energiepartner. "Wir werden mit Russland über ein neues Partnerschafts- und Kooperationsabkommen verhandeln, das ein ehrgeiziges Energiekapitel enthalten soll", unterstrich die Kanzlerin. Das Abkommen wird derzeit allerdings vom EU-Land Polen blockiert, das mit Russland in einen Streit über Fleischimporte verwickelt ist.

Der Gasstreit zwischen Russland und Weißrussland ist auch für die EU-Kommission Anlass, eine Sondersitzung der zuständigen Energieexperten einzuberufen. Die Gas-Koordinationsgruppe mit Fachleuten der bald 27 EU-Staaten, der Industrie und wichtiger Energiekunden solle am 4. Januar in Brüssel zusammentreffen, kündigte Energiekommissar Andris Piebalgs heute an. Piebalgs rief Russland und Weißrussland zugleich auf, rasch zu einer Verhandlungslösung über Lieferungen im nächsten Jahr zu kommen. "Die Kommission verfolgt die Lage genau, weil sie auch die Gaslieferungen in die Europäische Union beeinflussen kann", sagte er.

Der russische Monopolist Gasprom hatte gestern Kunden in Westeuropa vor Lieferengpässen gewarnt. Zuvor hatte die Regierung in Minsk indirekt damit gedroht, ihre Pipelines für Gaslieferungen nach Deutschland zu sperren. Damit hatte der Konflikt kurz vor Auslaufen des Vertrags zwischen Gasprom und Weißrussland neue Nahrung erhalten.

Etwa 20 Prozent der russischen Gasexporte nach Europa laufen durch Weißrussland, der Rest durch die Ukraine. Russland liefert ein Viertel des Gases für Europa und in mehr als 20 Länder. Der größte Gasprom-Kunde in Europa ist Deutschland.

mik/Reuters/dpa-AFX



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