Energieversorgung Mit Volldampf in den Notstand

2. Teil: Atomausstieg schafft Lücke


Dazu kommt der unter Kanzler Gerhard Schröder politisch beschlossene Ausstieg aus der Atomenergie. Sollte er nicht doch noch einmal revidiert werden, wie die Union immer lauter fordert, werden in den nächsten Jahren Zug um Zug ältere Atomkraftwerke vom Netz genommen - das letzte, Neckarwestheim II, voraussichtlich im Jahr 2020 oder 2021.

Umweltminister Gabriel: "Alles blanker Unsinn, üble Horrorszenarien"
DPA

Umweltminister Gabriel: "Alles blanker Unsinn, üble Horrorszenarien"

Um die entstehende Lücke zu schließen und um die gewohnte Versorgungssicherheit zu gewährleisten, hat die Strombranche ausgerechnet, müssten bis zum Jahr 2020 rund 40.000 Megawatt Kraftwerksleistung ersetzt werden. Das entspricht rund einem Viertel der Leistung der rund 1240 Kraftwerke, die derzeit in Deutschland Strom erzeugen.

Das aber führt zu zwei unerfreulichen Alternativen: Entweder dürfen Atomkraftwerke doch länger Strom produzieren oder es müssen serienweise neue Kohle- und Gaskraftwerke ans Netz gehen. Da der Atomausstieg Gesetzeskraft hat, müsste schon jetzt eine riesige Investitionswelle durchs Land schwappen, müsste mit dem Bau neuer Gas- und Kohlekraftwerke mit hohem Wirkungsgrad begonnen werden. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Die riesige Nachfrage aus Indien und China hat die Baukosten für neue Kraftwerke in die Höhe schnellen lassen. Beim Erdgas verunsichern politisch bedingte Preisausschläge die Investoren. Und nach Plänen der EU-Kommissionen sollen die Stromversorger ab 2013 erstmals für ihre gesamten CO2-Emissionen Zertifikate zu Börsenpreisen kaufen müssen, was den Energieunternehmen zufolge Preiskalkulation auf absehbare Zeit unmöglich macht.

Bürger mobilisieren gegen Neubau

Zudem mobilisieren Umweltgruppen und besorgte Bürger in der gesamten Republik gegen den Neubau von vermeintlich schmutzigen Kohlekraftwerken. Im hessischen Staudinger etwa bangt E.on, ob ein geplantes modernes Kohlekraftwerk mit anhängender Wärmekopplung der sich anbahnenden rot-grünen Koalition im Landtag zum Opfer fällt. In Berlin wurde der Bau eines effizienten Kohlekraftwerks bereits zurückgestellt. Und auch in Hamburg ist ein erbitterter Streit über den Neubau eines Kohlekraftwerks im Stadtteil Moorburg entbrannt. Fast im Monatsrhythmus müssen die Berliner Energiestrategen Projekte von ihren Listen streichen.

Nicht nur die etablierten Anbieter, sondern ausgerechnet auch neue Konkurrenten, die sich Energiepolitiker in Berlin sehnlich herbeiwünschen, haben Baupläne verschoben oder sogar abgeblasen. "Ohne die notwendige Investitionssicherheit", heißt es etwa beim Bundesverband neuer Energieanbieter, in dem Konkurrenten der vier etablierten Stromversorger zusammengeschlossen sind, wird es auch weiterhin "keine neuen Kraftwerke geben". Auch Dena-Chef Kohler warnt: Besonders Neuinvestoren könnten die Verlierer sein.

Dabei haben nicht nur die Strommanager frühzeitig gewarnt. Bereits im Juni vergangenen Jahres schrieb der völlig unverdächtige Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, einen Brandbrief an Wirtschaftsminister Glos. Ein neuer Monitoringbericht, so Kurth in dem siebenseitigen Schreiben, mache deutlich, dass "weder der Bau konventioneller Kraftwerke noch der Ausbau der Netze im notwendigen Umfang vorankommen. Dies könnte die Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa erheblich tangieren", formulierte Kurth. Falls nicht umgehend etwas geschehe, drohten schon ab dem Jahr 2012 "kritische Situationen".

Inzwischen sorgt sich auch die deutsche Industrie. Obwohl der große Chemie-Konzern BASF durch seine vielen Kleinkraftwerke weitgehend autark ist, polterte Vorstandsvize Eggert Voscherau diese Woche in Berlin, Deutschland leite gerade "seine schleichende Deindustrialisierung" ein. In seiner Gesprächsmappe hatte er für diverse Bundesminister, darunter auch Umweltminister Gabriel, Grafiken mitgebracht, die die Versorgungsengpässe für Gas und Strom darstellen. "2012 ist mit Engpässen beim Strom, 2015 bei der Gasversorgung zu rechnen, wenn nicht rasch etwas passiert. Wir brauchen neue Kohlekraftwerke, und die Fristen für den Atomausstieg müssen verlängert werden."

Der Politik wirft Voscherau "blanke Inaktivität" vor, die Erneuerung der Infrastruktur liege lahm. Die Folgen seien vielleicht jetzt noch nicht zu spüren, räumt er ein: "Aber in 15 Jahren werden wir uns fragen müssen, wie wir es so weit kommen lassen konnten."



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