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10. März 2008, 10:15 Uhr

Energieversorgung

Mit Volldampf in den Notstand

Von , und Christian Schwägerl

Der Ausstieg aus der Atom- und Kohlekraft hat unerwartete Folgen: Immer mehr Experten warnen vor dramatischen Versorgungslücken beim Strom. Doch den notwendigen Neubau von Kraftwerken anzukurbeln, ist schwieriger als gedacht.

Hamburg - Der Bundesumweltminister setzte seinen besonders treuherzigen Blick auf: Nie und nimmer werde es im kommenden Jahrzehnt eine größere Lücke in der deutschen Stromversorgung geben, schon gar nicht wegen des Klimaschutzes. "Alles blanker Unsinn, üble Horrorszenarien." Die Stromkonzerne wollten nur Stimmung machen, um Vorteile herauszuschlagen, sagte Sigmar Gabriel (SPD) erst Ende Januar.

Das Atomkraftwerk Biblis: Neue Studien zu Energie-Engpässen stammen nicht aus PR-Abteilungen der großen Stromkonzerne
DDP

Das Atomkraftwerk Biblis: Neue Studien zu Energie-Engpässen stammen nicht aus PR-Abteilungen der großen Stromkonzerne

Eine Einschätzung, die nicht jeder teilt - schon gar nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): Keine acht Wochen nach Gabriels Garantieerklärung sucht sie das Gespräch mit der Energiewirtschaft darüber, ob eine gefährliche Stromlücke überhaupt noch vermieden werden kann. Der simultane Ausstieg aus Kern- und Kohlekraft, auf den die gegenwärtige deutsche Energiepolitik hinausläuft, beunruhigt die Kanzlerin zutiefst.

Eigentlich wollte Merkel ihren Kanzleramtschef Thomas de Maizière schon am 17. März mit den Vorständen der großen Energieversorger darüber sprechen lassen, wie im nächsten Jahrzehnt ausreichend bezahlbarer Strom zum Verbraucher fließen kann. Nun aber muss erst der Streit um die Zukunft der deutschen Stromnetze ausgefochten werden, dann soll das Thema Versorgungslücke schnell auf die Tagesordnung.

Energiepolitik war lange Klimapolitik

Denn tatsächlich gibt es neue Erkenntnisse, die beunruhigen - und die nicht aus den Propaganda-Abteilungen der vier großen Stromkonzerne stammen. "Wenn man den künftigen Strombedarf mit der absehbaren Kraftwerkskapazität vergleicht, ergibt sich ein negatives Bild", sagt Stephan Kohler, Chef der von der Bundesregierung mitfinanzierten Deutschen Energie-Agentur (Dena). Mit seinen Fachleuten hat er gerade alle Einflussgrössen neu berechnet - und eine klare Verknappung prognostiziert: "Selbst wenn man drei Prozent mehr Energieeffizienz pro Jahr, einen Anteil von Strom aus erneuerbaren Quellen von 30 Prozent und einen KWK-Anteil von 25 Prozent unterstellt, kommt es zu einer Verknappung", sagt Kohler.

Denn ziemlich lange ist Energiepolitik in Deutschland gleichbedeutend mit Klimapolitik gewesen. Die dramatischen Erkenntnisse der Naturwissenschaftler einten alle Parteien in dem Ziel, erneuerbare Energiequellen auszubauen. Nun dämmert der Berliner Politik, dass darüber eine entscheidende Frage unbeantwortet geblieben ist: Woher genau 70 Prozent des Stroms stammen sollen, wenn das hehre grüne Ziel erreicht ist, 30 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen zu beziehen und die technische Effizienz zu maximieren.

Denn so beeindruckend und wünschenswert die Zuwächse bei Windstrom und Bioenergie sind: Das energiehungrige Deutschland verlangt nach mehr und niemand weiß, woher.

"Die Warnungen vor einer Stromversorgungslücke im nächsten Jahrzehnt sind berechtigt", sagt Bundeswirtschaftminister Michael Glos (CSU). Wenn die Deutschen gleichzeitig aus der Kernkraftnutzung ausstiegen und nicht ausreichend neue Kohlekraftwerke gebaut würden, werde es zu erheblichen Engpässen im Stromangebot und zu deutlich höheren Preisen kommen.

"Können Kernkraft und Kohle nicht ersetzen"

"Es ist eine Illusion, dass wir in Deutschland Kernkraft- und Kohlekapazitäten allein durch erneuerbare Energien und mehr Effizienz ersetzen können", sagt Glos. Das ökonomische Potential sowohl von Offshore-Windstrom als auch von Bioenergie sei kleiner als vorher in der Theorie prognostiziert. "Wir wollen uns auch nicht noch mehr von Erdgaslieferanten östlich von uns abhängig machen."

An das Treffen mit Kanzleramtsminister de Maizière knüpfen die vier großen Energieversorger deshalb hohe Erwartungen. "Das ist eine Möglichkeit, die seit Monaten verhärteten Fronten aufzuweichen und drängende Sachfragen zu diskutieren", sagt ein hochrangiger Energiemanager. Außer der Streitfrage, wer künftig das deutsche Stromnetz betreiben und ausbauen soll, drängt vor allem die Tatsache, dass in den nächsten Jahren in Deutschland gewaltige Kraftwerkskapazitäten wegfallen.

Viele Kraftwerke wurden in den sechziger und siebziger Jahren gebaut. Heutigen Effizienz- und Umweltanforderungen entsprechen vor allem viele Kohlekraftwerken schon lange nicht mehr. Lange Ausfallzeiten, hohe Betriebskosten durch niedrige Wirkungsgrade und erhebliche Kosten für CO2-Emissionen machen die alten Dreckschleudern zunehmend unrentabel.

Atomausstieg schafft Lücke

Dazu kommt der unter Kanzler Gerhard Schröder politisch beschlossene Ausstieg aus der Atomenergie. Sollte er nicht doch noch einmal revidiert werden, wie die Union immer lauter fordert, werden in den nächsten Jahren Zug um Zug ältere Atomkraftwerke vom Netz genommen - das letzte, Neckarwestheim II, voraussichtlich im Jahr 2020 oder 2021.

Umweltminister Gabriel: "Alles blanker Unsinn, üble Horrorszenarien"
DPA

Umweltminister Gabriel: "Alles blanker Unsinn, üble Horrorszenarien"

Um die entstehende Lücke zu schließen und um die gewohnte Versorgungssicherheit zu gewährleisten, hat die Strombranche ausgerechnet, müssten bis zum Jahr 2020 rund 40.000 Megawatt Kraftwerksleistung ersetzt werden. Das entspricht rund einem Viertel der Leistung der rund 1240 Kraftwerke, die derzeit in Deutschland Strom erzeugen.

Das aber führt zu zwei unerfreulichen Alternativen: Entweder dürfen Atomkraftwerke doch länger Strom produzieren oder es müssen serienweise neue Kohle- und Gaskraftwerke ans Netz gehen. Da der Atomausstieg Gesetzeskraft hat, müsste schon jetzt eine riesige Investitionswelle durchs Land schwappen, müsste mit dem Bau neuer Gas- und Kohlekraftwerke mit hohem Wirkungsgrad begonnen werden. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Die riesige Nachfrage aus Indien und China hat die Baukosten für neue Kraftwerke in die Höhe schnellen lassen. Beim Erdgas verunsichern politisch bedingte Preisausschläge die Investoren. Und nach Plänen der EU-Kommissionen sollen die Stromversorger ab 2013 erstmals für ihre gesamten CO2-Emissionen Zertifikate zu Börsenpreisen kaufen müssen, was den Energieunternehmen zufolge Preiskalkulation auf absehbare Zeit unmöglich macht.

Bürger mobilisieren gegen Neubau

Zudem mobilisieren Umweltgruppen und besorgte Bürger in der gesamten Republik gegen den Neubau von vermeintlich schmutzigen Kohlekraftwerken. Im hessischen Staudinger etwa bangt E.on, ob ein geplantes modernes Kohlekraftwerk mit anhängender Wärmekopplung der sich anbahnenden rot-grünen Koalition im Landtag zum Opfer fällt. In Berlin wurde der Bau eines effizienten Kohlekraftwerks bereits zurückgestellt. Und auch in Hamburg ist ein erbitterter Streit über den Neubau eines Kohlekraftwerks im Stadtteil Moorburg entbrannt. Fast im Monatsrhythmus müssen die Berliner Energiestrategen Projekte von ihren Listen streichen.

Nicht nur die etablierten Anbieter, sondern ausgerechnet auch neue Konkurrenten, die sich Energiepolitiker in Berlin sehnlich herbeiwünschen, haben Baupläne verschoben oder sogar abgeblasen. "Ohne die notwendige Investitionssicherheit", heißt es etwa beim Bundesverband neuer Energieanbieter, in dem Konkurrenten der vier etablierten Stromversorger zusammengeschlossen sind, wird es auch weiterhin "keine neuen Kraftwerke geben". Auch Dena-Chef Kohler warnt: Besonders Neuinvestoren könnten die Verlierer sein.

Dabei haben nicht nur die Strommanager frühzeitig gewarnt. Bereits im Juni vergangenen Jahres schrieb der völlig unverdächtige Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, einen Brandbrief an Wirtschaftsminister Glos. Ein neuer Monitoringbericht, so Kurth in dem siebenseitigen Schreiben, mache deutlich, dass "weder der Bau konventioneller Kraftwerke noch der Ausbau der Netze im notwendigen Umfang vorankommen. Dies könnte die Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa erheblich tangieren", formulierte Kurth. Falls nicht umgehend etwas geschehe, drohten schon ab dem Jahr 2012 "kritische Situationen".

Inzwischen sorgt sich auch die deutsche Industrie. Obwohl der große Chemie-Konzern BASF durch seine vielen Kleinkraftwerke weitgehend autark ist, polterte Vorstandsvize Eggert Voscherau diese Woche in Berlin, Deutschland leite gerade "seine schleichende Deindustrialisierung" ein. In seiner Gesprächsmappe hatte er für diverse Bundesminister, darunter auch Umweltminister Gabriel, Grafiken mitgebracht, die die Versorgungsengpässe für Gas und Strom darstellen. "2012 ist mit Engpässen beim Strom, 2015 bei der Gasversorgung zu rechnen, wenn nicht rasch etwas passiert. Wir brauchen neue Kohlekraftwerke, und die Fristen für den Atomausstieg müssen verlängert werden."

Der Politik wirft Voscherau "blanke Inaktivität" vor, die Erneuerung der Infrastruktur liege lahm. Die Folgen seien vielleicht jetzt noch nicht zu spüren, räumt er ein: "Aber in 15 Jahren werden wir uns fragen müssen, wie wir es so weit kommen lassen konnten."

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