Energieversorgung Vorteil Russland im Pipeline-Schach
Istanbul - Es gibt nicht viele Städte, die geeigneter sind, sich schlaue Gedanken über die künftige Energieversorgung Europas zu machen, als Istanbul: Mehr als 10.000 Tanker passieren Jahr für Jahr die Meerenge am Bosporus und der türkische Präsident Ahmed Necdet Sezer wird nicht müde, sein Land als Schnittstelle für den Energiehandel zwischen den rohstoffreichen Ländern am Kaspischen Meer und den reichen Industrieländern in Europa zu preisen.
Allein acht Mal benutzt er das Wort Knotenpunkt, als er in der alten Hauptstadt des Osmanischen Reiches die "Ost trifft West"-Konferenz des angesehenen amerikanischen Forschungsinstituts Cambridge Energy Research Association (CERA) eröffnet. Drei weitere Präsidenten, die der Ukraine, Georgiens und Aserbaidschans, hören Slezer zu. Ein anderer, mächtigerer Präsident aber fehlt - und ist dennoch allgegenwärtig: Wladimir Putin, der Meisterspieler im internationalen Pipeline-Schach.
Mikheil Saakashwili, der Amerika-hörige Präsident Georgiens, und der Ukrainer Wiktor Juschtschenko, die beide durch friedliche, anti-russische Revolutionen an die Macht gekommen waren, warnen vor Monopolen im Energiegeschäft eine Spitze gegen Moskau. Im Gleichklang mit dem EU-Kommissar für Energie, Andris Piebalgs, beschwören sie in Istanbul eines der wichtigsten Zukunftsprojekte der Europäer: die Nabuco-Pipeline. Sie soll Gas aus dem Kaspischen Meer über die Türkei und den Balkan nach Westen bringen eine Alternative zum russischen Gas, von dem Europa zu fast 37 Prozent abhängt. 24,5 Prozent des gegenwärtig verbrauchten Gases kommen aus Norwegen, 19 Prozent aus Algerien. "Die europäischen Konsumenten könnten Gas aus den Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres wie Aserbaidschan und Turkmenistan zu Marktpreisen bekommen und nicht zu Preisen, die Gasprom diktiert", sagt Huseyin Saltuk Duzyol, der Geschäftsführer der türkischen Ölfirma Botas.
Allerdings steht Nabucco bisher vor allem auf dem Papier. Es gibt bis jetzt keine Investoren, die bereit sind, Milliardensummen für das Projekt in die Hand zu nehmen. Und wegen der Spannungen rund um das Atomprogramm Teherans fällt der Iran auf Jahre als mögliche Lieferquelle aus. "Wenn Sie mich fragen, wird Nabucco nicht verwirklicht", hatte Alexander Medwedew, Vizechef des russischen Energieriesen Gasprom, jüngst erklärt.
Bei der Ost-West-Konferenz in Istanbul tritt Gasprom nur mit einer drittrangigen Delegation an. "Na ja, Pipelines malen kann man lange, bauen aber muss man sie und mit Gas und Öl füllen", lachten die Russen. Dann legten sich die Männer an den Pool im Tagungshotel, die Frauen gingen shoppen. Die Antwort auf die ehrgeizigen Pläne der EU hatte Wladimir Putin bereits drei Tage vor Beginn der CERA-Konferenz gegeben. In Zagreb hatte er ein Pipeline-Projekt verkündet, das in direkter Konkurrenz zu Nabucco steht. Der "South Stream" soll von Russland 900 Kilometer unter dem Schwarzen Meer hindurch bis nach Bulgarien und dann weiter nach Italien führen. Anders aber als die Europäer bei Nabucco konnte der Präsident für das mindestens fünf Milliarden-Euro teure Projekt bereits konkrete Investoren vorweisen: Gasprom und den italienischen Energiekonzern Eni.