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COMPUTER Eng und holzig

Eine Münchner Firma bietet Software ohne Kopierschutz. Alle Warnungen erwiesen sich als übertrieben - das Geschäft läuft. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Unerschrocken verfolgt Achim Becker das Verbrechen bis in die letzten Schlupflöcher. »Wir sind bereits im Untergrund«, verkündet der Düsseldorfer Computer-Händler drohend. Und das heißt: Seine Firma Data Becker hat Detektive in Computer-Klubs eingeschleust.

Beckers Untergrundkämpfer sind hinter Software-Piraten her - Computer-Freaks, die sich unerlaubt und unentgeltlich Kopien von den Programmen für Rechner machen, statt sie bei Becker im Laden zu kaufen. Die Raubkopierer, so Becker, seien der Ruin der ganzen Branche, weil sie das Programmieren zu einer wenig lukrativen Sache machten.

Einer aus der Branche ist da ganz anderer Meinung. Fritz Heimsoeth, der von einem Hinterhof-Büro in München aus Software in der ganzen Bundesrepublik verkauft, hat keine Angst vor Hackern, Crackern und Kopierern. »Wir freuen uns«, sagt Heimsoeth, »über jeden, der mit unserem Programm arbeitet. Irgendwann kommt er und kauft.«

So hat Heimsoeth etwas gewagt, was nach Ansicht vieler Software-Hersteller seiner Firma den Garaus machen müßte: Er bietet Programme ohne Kopierschutz an.

In der Regel statten Software-Hersteller ihre Programme mit einem Geheimkode aus, um das unerlaubte Überspielen ihrer Disketten zu verhindern. Heimsoeth dagegen verschickt die schallplattenähnlichen Magnet-Folien mit den elektronisch gespeicherten Programmen ohne Kode und sogar mit Rückgaberecht innerhalb von 14 Tagen. »Wir haben bewußt in Kauf genommen«, sagt er daß man unsere Software bestellt, kopiert und dann zurückschickt.«

Das Wagnis hat sich gelohnt. Dieses Jahr verdoppelt Heimsoeth seinen Umsatz auf rund 15 Millionen Mark. Rund 70000 Exemplare seines erfolgreichsten Programms Turbo-Pascal, sind in Deutschland legal in Umlauf - und vielleicht zwei- bis dreimal soviel als Raubkopien. Vom vorhergesagten Ruin scheint der Münchner Außenseiter weit entfernt: »Wir machen guten Gewinn und leisten uns sehr gut bezahlte Leute.«

»Per Handschlag« hatte Heimsoeth vor knapp drei Jahren von der amerikanischen Firma Borland die deutschen Lizenzrechte für das Programm bekommen. Weltweit sind von dem ungeschützten Software-Hit mittlerweile über eine halbe Million Stück verkauft.

Der Erfolg ist um so erstaunlicher, als Turbo-Pascal keines der gängigen Computer-Spiele

oder eines der üblichen Software-Pakete fürs Büro ist. Zum Vergleich: Die erfolgreichste Standard-Ware für Personal-Computer, Lotus 1-2-3, brachte es auf rund zwei Millionen verkaufte Exemplare.

Turbo-Pascal ist nur etwas für Unerschrockene, die tief in die Geheimnisse der Computer-Welt einsteigen wollen. Doch für die wird der Umgang mit dem Computer leichter.

Der Züricher Wissenschaftler Niklaus Wirth hatte schon 1968 eine Programmiersprache entwickelt, die er nach dem französischen Mathematiker Blaise Pascal benannte. Die üblichen Sprachen, mit denen Programmierer einem Rechner Kommandos übermitteln, waren Wirth zu umständlich.

Der Turbo-Effekt bei der jetzt so erfolgreichen Pascal-Version ist die außerordentliche Geschwindigkeit, mit der die Wirth-Sprache in Bits und Bytes umgewandelt wird. Wer selbst ein Programm nach seinen Bedürfnissen schreibt, bekommt ein leicht zu handhabendes Rüstzeug, das sogar auf Heimcomputern mit wenig Speicherplatz zu gebrauchen ist.

Dieses Kunststück brachte Anfang der achtziger Jahre ein damals neunzehnjähriger Gymnasiast aus Kopenhagen zustande. Anders Hejlsberg, heute Software-Chef der dänischen Firma Polydata, verkaufte sein Programm an einen Franzosen, den studierten Mathematiker Phillippe Kahn.

Zusammen mit einem Salatsoßen-Verkäufer japanischer Herkunft machte Kahn in einem Büro im kalifornischen Scotts Valley aus dem Programm des dänischen Jung-Genies ein verkaufsfähiges Produkt. Es begann eine jener herzerwärmenden Unternehmer-Geschichten, die in Amerika immer wieder gern erzählt werden.

Kahn hatte nicht mal eine Aufenthaltsgenehmigung und entzog sich durch flinken Hotelwechsel immer wieder dem Zugriff der Einwanderungsbehörden, als er mit dem Geld europäischer Investoren unter dem Namen eines Partners 1983 die Firma Borland International gründete. Inzwischen rechnet er mit einem Umsatz von 30 Millionen Dollar. Zu Weihnachten grüßte der Franzose seine Freunde weltweit mit einem Bild seiner Hochsee-Segelyacht, am Ruder der Chef als Weihnachtsmann, Unterschrift: »Santa Kahn«.

Mit seiner unkonventionellen Marketing-Strategie hat er selbst die Großen der Software-Branche verunsichert. Immer mehr Firmen gehen dazu über, ungeschützte Programme zu verkaufen. »Der Kopierschutz hat mehr Ärger gebracht, als er wert war«, gesteht ein Manager des Software-Produzenten Microsoft.

Freaks machen sich ohnehin einen Spaß daraus, den Kode zu knacken. Weniger routinierte Benutzer können dazu sogar fertige Kopierprogramme kaufen und viele Sicherungen automatisch umgehen.

Sogar der Marktführer Lotus hat sich, so seine deutsche Marketing-Managerin Sabine Kerner, inzwischen »dem Diktat der Anwender gebeugt«. Die neuen Lotus-Programme »Manuscript« und »Freelance« kommen Anfang des Jahres ganz ungeschützt auf den Markt.

Der nächste Schritt wird für die großen Software-Hersteller noch schmerzlicher. Sie müssen sich überlegen, so Heimsoeths Mitarbeiterin Beate Vogel, »mit welchem Recht sie Preise verlangen, die durch nichts gerechtfertigt sind«.

Borland nämlich kommt mit seinen frei kopierbaren Programmen auch deswegen so gut zurecht, weil der vergleichsweise niedrige Preis nicht allzusehr zum Kopieren reizt. Turbo-Pascal kostet in der gängigen Version zum Beispiel 285 Mark. Dafür erhält der ehrliche Käufer auch gleich das Handbuch, ohne das bei einer Programmiersprache niemand auskommt. Die großen Hersteller verlangen für ihre Standard-Software über 2000 Mark.

Kein Wunder, daß sich Heimsoeth und sein Team beim Rest der Branche, »deren ganze Enge, Holzigkeit und Idiotie« sie verachten, nicht gerade beliebt gemacht haben. »Mit alten, abgespeckten Produkten in unserer Preislage«, so Fritz Heimsoeth, haben die Etablierten inzwischen den Preiskampf aufgenommen - »eine Gemeinheit«.

Die alternativ angehauchte Firma, die nach Tschernobyl strahlenfreies Gemüse für die Mitarbeiter aus ihrem kalifornischen Büro einfliegen ließ, will sich gegen allzu grobe Praktiken von Mitbewerbern wehren. Ob Härte viel bringt, muß allerdings erst noch bewiesen werden.

Als die Anhänger eines Berliner Gurus über Phantasie-Firmen wie »Schmoll & Co.« Raubkopien des Borland-Programms mitsamt täuschend genau nachgedruckten Handbüchern und Verpackungen vertrieben, schaltete Heimsoeth entgegen seiner sonstigen Gewohnheit Polizei und Staatsanwalt ein. Doch von der Computer-Kompetenz der Staatsmacht ist der Münchner enttäuscht.

Die Polizisten wußten nicht mal, was eine Diskette ist. Erst als sie bei der Durchsuchung der Sekten-Firma auch ein paar Gramm Haschisch fanden, war der Fall für sie klar: Das kannten sie.

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