Engpass droht am Sonntagabend Netzbetreiber in Baden-Württemberg ruft zum Stromsparen auf
Kraftwerke, Stromleitungen (in Nordrhein-Westfalen): Unwucht im System
Foto: Jochen Tack / IMAGOHaushaltsgeräte sollen möglichst stillstehen, Akkus zu einem anderen Zeitpunkt geladen werden: Der Stromnetzbetreiber TransnetBW hat die Menschen in Baden-Württemberg für die Zeit von 17 bis 19 Uhr am Sonntag zum Stromsparen aufgerufen, um einen Engpass zu vermeiden. Das bedeute aber nicht, dass Stromabschaltungen zu befürchten seien, betonte das Unternehmen in einer Mitteilung.
Hintergrund des ungewöhnlichen, aber nicht neuen Appells ist ausgerechnet die hohe Einspeisung aus Windkraftanlagen in Norddeutschland. Dort werde im Laufe des Tages ein so hohes Windaufkommen erwartet, dass die Übertragungskapazität in den Südwesten nicht ausreiche, erläuterte eine Sprecherin: »Das ist wie ein Stau auf der Autobahn.«
Im Süden drosseln derweil Betreiber die Leistung konventioneller Kraftwerke, weil sie mit den Anlagen kein Geld verdienen – die Stromflut an der Küste drückt den stets bundesweit gültigen Preis. Windräder gibt es im Süden derweil zu wenige, als dass sie das Problem wesentlich lindern könnten.
Um die Unwucht zu entschärfen, sollen extra mehr als 500 Megawatt Kraftwerksleistung aus dem Ausland für Baden-Württemberg bezogen werden – gemäß dem sogenannten Redispatch-Verfahren. Indem Bürgerinnen und Bürger ihren Stromverbrauch anpassten, könnten sie einen aktiven Beitrag leisten, diese Extralieferungen möglichst gering und das Stromnetz stabil zu halten, so TransnetBW.
Nicht zuletzt senken sie auf diese Weise die Kosten für das aufwendige Stromflussmanagement. Im Jahr 2021 zahlten Netzbetreiber für derartige Maßnahmen 589,7 Millionen Euro . Dieses Geld wird über die Netzentgelte auf die Stromkunden umgelegt.
App vom Netzbetreiber zeigt für den Abend Rot
Redispatch-Maßnahmen gibt es immer mal wieder in unterschiedlichem Ausmaß. »Der schrittweise Ausstieg aus der Kernenergie und die vermehrte Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien wirken sich auf die Lastflüsse im Netz aus und führen dazu, dass Netzbetreiber häufiger als bisher Redispatch-Maßnahmen vornehmen müssen«, heißt es bei der Bundesnetzagentur. Da der Netzausbau noch nicht so weit ist, gibt es häufiger Ungleichgewichte zwischen der hohen Erzeugung von Strom etwa aus Windkraft im Norden und dem Verbrauch im Süden.
Für Verbraucher und Verbraucherinnen hat TransnetBW die App »StromGedacht« entwickelt: Sie zeigt für Sonntag tagsüber »Gelb« und rät somit, den Stromverbrauch vorzuziehen oder zu verschieben, etwa bei Wasch- und Spülmaschinen. Um 17 Uhr wird die Ampel »Rot«. Das bedeutet: Verbrauch reduzieren.
Im Norden waren derartige Maßnahmen nicht erforderlich – im Gegenteil. Das unterstreicht auch der deutsche Strommix des Sonntags . Bis zum frühen Nachmittag entstammten satte 64 Prozent der bundesweit erzeugten Elektrizität aus Windkraftanlagen. In Schleswig-Holstein herrschte für Autofahrer ideales Wetter, um ihr E-Fahrzeug an die Steckdose zu hängen.