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Arbeitermangel in China: Weltfabrik ohne Leute

Foto: Vincent Thian/ AP

Engpass in China Der Weltfabrik gehen die Arbeiter aus

Wanderarbeiter haben Chinas Wirtschaftswunder erst möglich gemacht - doch inzwischen werden die Billiglöhner knapp. Der Personalmangel in den Metropolen wird zum Problem für die Exportwirtschaft. Und verteuert Waren im Westen.

"Wir stellen wirklich keine hohen Anforderungen: Alter 18 bis 35 Jahre, Mittelschulabschluss. Trotzdem ist es fast unmöglich, Arbeiter zu finden", sagt Jiang Guanlian. Er ist Facharbeiter in einer Fabrik in Guangzhou, die Toner-Kartuschen herstellt.

Dabei geht es dem Unternehmen noch vergleichsweise gut. Von 30 Mitarbeitern kamen nach dem chinesischen Neujahrsfest immerhin 26 wieder, nur vier blieben zu Hause in der Provinz. Andere Firmen klagen über weitaus größeren Personalschwund.

Die geplante Expansion kann sich Jiangs Fabrik trotzdem nicht erlauben: "Mein Chef würde gerne 60 bis 80 Arbeiter neu einstellen. Aber er findet keine Leute."

Im Perlflussdelta, dem Zentrum der chinesischen Exportwirtschaft im Süden des Landes, sind solche Klagen allgegenwärtig. Die Region gilt als Fabrik der Welt, hier wird für Wal-Mart, Kaufhof und Carrefour produziert. Seit Jahren verlassen sich die Hersteller von Batterien, Spielzeug oder Laufschuhen auf Wanderarbeiter aus den weniger industrialisierten Provinzen im Westen des Landes. Aus Sichuan, Hunan und Guizhou strömen sie nach dem Neujahrsfest Mitte Februar traditionell zu Hunderttausenden per Bus und Bahn in den Süden, um zu arbeiten.

Höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen

In diesem Jahr fällt der Personalzufluss spärlich aus. Dabei brauchen die Fabriken die Arbeiter besonders dringend. Nach eineinhalb schwachen Jahren erhalten die Unternehmen endlich wieder Aufträge. Doch die einstigen Binnenmigranten versuchen ihr Glück immer häufiger in der Heimat.

Aus der Provinz Guangdong stammen knapp 30 Prozent der Exporte der Volksrepublik. Wäre sie ein eigenes Land, zählte sie zu den zehn größten Ausfuhrnationen der Welt. Doch die Region scheint ihre Anziehungskraft für Wanderarbeiter einzubüßen. Die Firmen versuchen gegenzusteuern, indem sie die Löhne anheben und die Arbeitsbedingungen verbessern. Am Ende schlägt sich das auf den Preis der Waren durch, die für die Verbraucher im Westen teurer werden.

"Eine Spielzeugfabrik in Huizhou hat die Hälfte ihrer 4000 Arbeiter nach dem Neujahrsfest verloren. In einer Elektronikfabrik in Dongguan sind von über 1200 Arbeitern nach den Feiertagen nur 800 zurückgekommen", beschreibt Stanley Lau, stellvertretender Vorsitzender des Industrieverbandes Hongkong, das Ausmaß des Problems. Unternehmen aus der Metropole gehören zu den bedeutendsten Investoren in der direkt angrenzenden Provinz Guangdong.

Das Phänomen, dass viele Wanderarbeiter nach den Kurzferien nicht zu ihrem alten Job zurückkehren, ist nicht neu. Seit Jahren geben einige das höhere Salär an der Küste auf. Sie wollen bei der Familie bleiben, die sie sonst bestenfalls einmal im Jahr zum Neujahrsfest sehen, und arbeiten wieder in der Landwirtschaft. Andere versuchen ihr Glück in einer anderen Region oder einer neuen Branche. Doch bisher kamen genug weitere Arbeitssuchende in den Süden.

Auf jeden Arbeiter kommen zwei Stellen

Quantifizieren lässt sich der Mangel an Arbeitskräften schwer. Zu groß sind die Unterschiede je nach Region, Branche und Ausbildungsniveau. Chinesische Medien sprechen von mindestens zwei Millionen Geringqualifizierten, die im Perlflussdelta fehlen. In der Produktionsmetropole Dongguan schätzt die lokale Regierung, dass auf jeden Arbeiter zwei Stellen kommen. Verbandsvertreter Lau versucht es mit Optimismus: "Viele Arbeiter werden in den kommenden Tagen und Wochen sicher noch zurückkommen."

Doch auch Lau muss einräumen: "Provinzen wie Sichuan, Guizhou, Hubei und Hunan entwickeln sich, dort wird mehr investiert. Junge Leute finden heute viel einfacher Arbeitsstellen in der Nähe ihrer Heimat. Die Gehälter liegen zwar um 15 bis 20 Prozent unter jenen der Städte im Süden, aber dafür können sich die Leute das anstrengende Leben in der Fremde ersparen."

In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben vor allem die Küstenprovinzen von Chinas Wirtschaftsaufschwung profitiert. Zwischen Hainan und Shandong erreicht das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen rund 50.000 Yuan im Jahr (5350 Euro). Chinesen, die in der Mitte des Landes oder im Westen leben, haben nicht einmal 20.000 Yuan (2140 Euro) zur Verfügung.

Präsident Hu Jintao und Premier Wen Jiabao haben sich schon vor Jahren die Entwicklung des Landesinneren zum Ziel gesetzt. Und inzwischen zeigt diese "Go West"-Strategie Erfolg. 2008 konnten fünf Provinzen ein Wirtschaftswachstum von über 14 Prozent vorweisen - alle liegen im Norden und in der Mitte des Landes. Hubei und Guangxi, von wo regelmäßig zahlreiche Bauern auf der Suche nach einem besseren Einkommen nach Guangdong gezogen waren, haben die Provinz beim Wachstum ebenfalls überholt.

Das massive Konjunkturprogramm der Regierung vor eineinhalb Jahren verschaffte den Regionen im Landesinnern weiteren Auftrieb. Dort wird die Infrastruktur nun verstärkt ausgebaut. "Das Stimuluspaket hat den Zuwachs an Arbeitsplätzen noch angeheizt", sagt Ben Simpfendorfer, Ökonom der Royal Bank of Scotland in Hongkong.

"Wir arbeiten härter als die Kühe"

Die widrigen Arbeitsbedingungen befeuern die Flucht. "Die Fabriken im Perlflussdelta behandeln uns so schlecht", klagt der Wanderarbeiter Hui Guo im Internetforum QQ. "Wir arbeiten härter als die Kühe, bekommen schlechteres Essen als die Schweine und müssen früher aufstehen als die Hühner."

Hinzu kommt ein weiteres Problem. "Als Folge der Ein-Kind-Politik setzen die Eltern hohe Erwartungen in ihr einziges Kind", sagt Verbandsexperte Lau. "Sie versuchen alles, ihnen eine gute Ausbildung zu ermöglichen, damit sie eines Tages im Dienstleistungssektor arbeiten können. Und nicht in der Fabrik."

Die Unternehmer in Guangdong müssen daher tricksen, um ihre Arbeiter zu halten. "Ich zahle den Bonus erst nach dem Neujahrsfest", sagt Danny Lau, dem eine Haushaltswarenfabrik in Dongguan gehört. Die Löhne hat er in den vergangenen zwei Jahren um 25 Prozent erhöht. Ein Spielzeughersteller in der Stadt zahlt inzwischen 1800 Yuan, mehr als das Doppelte des Mindestlohns. Und Jiangs Firma hat eine Kopfprämie ausgesetzt: Arbeiter, die einen neuen Kollegen empfehlen, bekommen 50 Yuan Bonus (5,35 Euro), wenn dieser mindestens drei Monate bleibt.

Mitarbeit: Huang Peiyi