Enron - ein Jahr danach Der aufhaltsame Untergang des Todessterns

Vor einem Jahr brach das einstige Vorzeigeunternehmen Enron zusammen. Anhand der Ermittlungsergebnisse lässt sich das Bild einer kriminellen Clique zeichnen, getrieben von einer Melange aus Gier, Arroganz und Dummheit.

Hamburg - Die Bombe verbarg sich in Zeile dreizehn. Nachdem Kenneth Lay, Vorstandsvorsitzender von Enron   in der Pressemitteilung zum dritten Quartal 2001 zunächst die "exzellenten Aussichten" sowie die "starke Gewinnprognose" seines Unternehmens gelobt hatte, folgte im dritten Absatz das Eingeständnis, dass sein Lebenswerk zerstören würde: Wegen "gewisser Investitionen" müsse Enron eine Milliarde Dollar abschreiben. Das werde zu einem Quartalsverlust von 618 Millionen Dollar führen.

Seit dem Zusammensturz des einstmals siebtgrößten Unternehmens der USA vor einem Jahr versucht eine Armada von Anwälten, Untersuchungsausschüssen und Journalisten zu rekonstruieren, welche Machenschaften Enron, das "führende Unternehmen der Welt" (Eigenwerbung) zu Fall brachte, wie ein im Schlaglicht der Öffentlichkeit stehendes S&P-500-Unternehmen einer Mafia-Firma gleich geführt werden konnte - und warum diese Tatsache jahrelang niemandem auffiel.

Durchstechereien in allen Geschäftsbereichen

Inzwischen ist untersucht worden, welche krummen Geschäfte Enron machte. Zwar gibt es noch Tonnen von Dokumenten, die bisher nicht ausgewertet wurden. Die großen Vergehen scheinen jedoch klar. Hier eine Auswahl:

  • Das Versteckspiel mit den SPEs. Diese gelten gewissermaßen als Enrons specialité de la maison . Der Energiekonzern lagerte Vermögenswerte und Schulden in angeblich unhabhängige Firmen (so genannte Special Purpose Entities, kurz SPEs) aus und polierte so sein Ergebnis um geschätzte 1,4 Milliarden Dollar auf. Die von den SPEs erwirtschafteten Gewinne wurden dann aber wieder in Enrons Jahresabschluss dem Ergebnis zugeschlagen. Eigentümer der Nebenfirmen waren Enron-Manager, befreundete Banker und Geschäftspartner, denen ihr Engagement Traumrenditen garantierte. Die Dummen: Enrons Aktionäre.
  • Der hausgemachte Energiekrise. Als der frisch deregulierte kalifornische Energiemarkt vor etwa zwei Jahren wegen Kapazitätsproblemen am Rande des Zusammenbruchs stand, soll Enron seine Finger im Spiel gehabt haben. In den Jahren 1999 bis 2001 manipulierten Enron und andere Unternehmen der Branche den Ermittlungen zufolge die Energiepreise mit Scheingeschäften - und ließen sich später vom kalifornischen Staat zusätzlich bezahlen, um die von ihnen verursachte Notlage zu beheben.
  • Riesenumsätze durch Kreisgeschäfte. Um seinen Umsatz aufzublasen soll Enron mit anderen Firmen so genannte "Roundtrip Deals" abgeschlossen haben - dabei vereinbaren zwei Parteien wechselseitige Lieferungen von Gas oder Strom im gleichen Umfang. Die Umsätze soll sich Enron gutgeschrieben haben, obwohl nie etwas geliefert wurde. Mit einer ähnlichen Masche soll das Unternehmen auch als Umsätze getarnte Kredite von seinen Banken erhalten haben.
  • Subventionsbetrug. Auch staatliche Zuzahlungen soll sich das Houstoner Unternehmen erschlichen haben. Als Enron zum Beispiel nach dem Kauf eines Energieversorgers die üppigen Subventionen für seine kalifornischen Windfarmen zu verlieren drohte, gründete das Unternehmen Medienberichten zufolge einfach eine neue Partnerschaft, lagerte einige Betriebsbereiche aus - und schon floss die Staatsknete weiter.
  • Die Luft wird dünner

    Bisher wurden lediglich zwei Enron-Manager angeklagt: Ex-Finanzvorstand Andrew Fastow und sein Vertrauter Michael Kopper. Enrons Gründer Kenneth Lay und der ehemalige Vorstandschef und Präsident Jeff Skilling, der vielen als der Hauptschuldige gilt, sind nach wie vor auf freiem Fuß. Allerdings deutet alles darauf hin, dass demnächst weitere Topleute angeklagt werden: Fastow ist unter anderem wegen krimineller Verschwörung angeklagt - dazu braucht es bekanntlich immer mehrere.

    Zudem scheint es die Taktik der Staatsanwälte zu sein, zunächst die unteren Chargen in die Mangel zu nehmen. Kopper ist nicht wegen Bilanzbetrugs, sondern wegen Geldwäsche angeklagt worden - das ermöglichte es der Justiz, ähnlich wie bei Drogendelikten einen Großteil von Koppers mutmaßlich unrechtmäßig erworbenem Vermögens einzufrieren. Bei Kopper, dem 15 Jahre Gefängnis drohen, hat der enorme Druck bereits Wirkung gezeigt: Er wird als Kronzeuge gegen seinen ehemaligen Förderer Fastow auftreten.

    Rette sich, wer kann

    Auch der will nicht alleine hängen. Fastows Anwalt John Keeker bemerkte nach der Festnahme seines Mandanten sybillinisch: "Enrons Aufsichtsrat, der Vorstandschef und der Präsident haben seine Arbeit angeleitet und gelobt." Die Verteidigungsstrategie von Lay und Skilling erscheint zudem äußerst brüchig: Sie hätten, behaupten beide, von den Betrügereien ihrer Untergebenen nichts gewusst, schon gar nicht von den schmutzigen Details.

    Dummerweise tauchen jedoch seit Monaten immer wieder Dokumente auf, die das Gegenteil nahe legen. So soll Skilling etwa en detail mit Global Crossings Ex-CEO Gary Winnick darüber diskutiert haben, wie man mittels eines 900-Millionen-Dollar Breitbandgeschäfts Umsätze nach der "Roundtrip"-Methode generieren könne. Bereits als Klassiker gilt die gut dokumentierte Warnung der Enron-Buchhalterin Sherron Watkins an Lay. Früh prophezeite sie ihrem obersten Chef, sein Unternehmen werde "in einer Welle von Bilanzskandalen implodieren".

    Eigenwilliges Selbstverständnis

    Im Rahmen der Untersuchung kommen auch immer mehr interessante Details über die Unternehmenskultur von Enron zum Vorschein. Selbst in guten Zeiten galten die Houstoner als arrogant und selbstgefällig. Finanzmagier wie Fastow oder Skilling wurden wegen ihrer berechnenden, mitleidslosen Art gleichzeitig gehasst und bewundert. Dass die futuristisch anmutende Konzernzentrale intern "Todesstern" genannt wurde, offenbart viel über das Selbstverständnis der Enron-Manager. Sie sahen sich gerne als eine eiskalte, effiziente Elite, die von ihrem Headquarter aus eine Armada von Sturmtruppen, Top-BWL-Absolventen allesamt, befehligte. Sie verstanden sich als das mächtige Hightech-Imperium, das sich die Wall Street gefügig machte, Widerstand war zwecklos.

    Lesen Sie im zweiten Teil, warum Enron häufig nicht an "Star Wars"-Filme, sondern eher an "Dilbert"-Cartoons erinnerte

    Vieles legt jedoch nahe, dass es im "Todesstern" eher zuging wie in der Krieg-der-Sterne-Parodie "Space Balls". Häufig scheiterten die selbst ernannten Klonkrieger an Aufgaben, die man schon im betriebswirtschaftlichen Grundstudium lernt. So beschreibt etwa Robert Bryce in seiner Enron-Monografie "Pipe Dreams", wie das Unternehmen Ende der Neunziger jede Kontrolle über seine internen Kosten verlor, nachdem Skilling den als Pfennigfuchser verschrienen Richard Kinder als Präsident abgelöst hatte. Eine Kostprobe: Die Handelsabteilung gab einem Wirtschaftsprüfer zufolge alleine im Jahr 1997 zwei Millionen Dollar für frische Blumen aus - ohne dass dies einem der sonst auf totale Effizienz bedachten "financial wizards" auffiel.

    Imperialer Overstretch

    Der Chef der Breitbandsparte, Kenneth Rice, erinnert bei Bryce eher an eine Figur aus der Cartoonserie "Dilbert" denn an einen fähigen Manager. Rice habe lediglich an drei oder vier Tagen die Woche gearbeitet. Eine seiner vornehmsten Aufgaben sei es gewesen, sich während Meetings auf seinem Laptop Zeichentrickfilme anzugucken. Frühzeitige Warnungen, dass seine Abteilung wegen des Crashs der New Economy auf ein veritables Fiasko zusteuerte, ignorierte er hartnäckig. Auch Enrons "Kaiser" Ken Lay ließ sich offenbar nicht allzu häufig in Houston blicken - lieber war er in Washington, pflegte seinen imperialen Habitus und traf sich mit seinen politischen Kumpels, zuvorderst Präsident George W. Bush. Dem ist es heute hochnotpeinlich, dass er den Enron-Gründer einst schmeichelnd "Kenny Boy" nannte.

    Was Vetternwirtschaft und Exzesse angeht, erinnert Lay mitunter an andere Sonnenkönige wie den geschassten Tyco-CEO Dennis Kozlowski oder den Breitband-Cowboy Bernie Ebbers von WorldCom. Enrons Reiseanbieter gehörte "Pipe Dreams" zufolge zur Hälfte Lays Schwester. Als ein Wirtschaftsprüfer das monierte, soll Lay dafür gesorgt haben, dass der Mann umgehend gefeuert wurde. Und als seine erwachsene Tochter ihr Doppelbett mit nach Paris nehmen wollte, organisierte Daddy kurzerhand einen Firmenjet, um das logistische Problem zu lösen.

    Das Board der Wegschauer

    Nicht nur auf der Managementebene war bei Enron vieles außer Kontrolle. Auch die Aufsichtsgremien versagten auf ganzer Linie, wie mehrere Untersuchungen belegen. Das Board of Directors (ansatzweise vergleichbar mit einem deutschen Aufsichtsrat) ignorierte gleich einen ganzen Wald von Stoppschildern. Bereits am 7. Februar 1999 wurde etwa der Bilanzausschuss des Boards von Enrons Chef-Wirtschaftsprüfer David Duncan darüber informiert, dass die Rechnungslegung des Konzerns mit "hohen Risiken " verbunden sei.

    Mit seinen Bilanzierungsmethoden, erklärte der Andersen-Mann den Direktoren, überschreite Enron möglicherweise die Grenzen des ethisch Zulässigen und bewege sich am Rande dessen, was juristisch noch akzeptabel sei. Den Vorsitzenden des Ausschusses, Robert Jaedicke, focht das nicht an. An einem mangelnden Verständnis der Materie kann es nicht gelegen haben: Der Wirtschaftsexperte, früher Professor für Rechnungslegung an der Universität Stanford, saß dem Ausschuss bereits seit zehn Jahren vor.

    Keine juristische Handhabe

    Dennoch ignorierten er und alle anderen Direktoren die Warnung Duncans. Ebenso versäumten sie es, den Vorwürfen von Sherron Watkins nachzugehen. Zweimal hob das Board die für das Management geltenden ethischen Richtlinien auf, um es Finanzvorstand Fastow zu erlauben, nebenbei als Geschäftsführer von Enrons Partnerschaften zu arbeiten.

    Bis heute lehnen die Direktoren jede Verantwortung für Enrons Zusammenbruch ab. Das Schlimme daran: Sie werden mit dieser Haltung vermutlich durchkommen. Die meisten Rechtsexperten sind der Ansicht, dass man einzelnen Mitgliedern des Boards schon nachweisen müsste, dass sie vorsätzlich handelten und strafbare Handlungen aktiv unterstützen. Das dürfte äußerst schwierig werden, weswegen die US-Justiz es vermutlich gar nicht erst versuchen wird..

    Die Schläfer von der Fifth Street

    Ähnlich unterirdisch war auch die Leistung der US-Börsenaufsicht SEC. Der amerikanische Senat ist im Rahmen einer Untersuchung kürzlich zu dem Ergebnis gekommen, im Fall Enron hätten die Börsensheriffs von der Washingtoner Fifth Street "katastrophal und systembedingt" versagt. Seit 1997 hat die SEC keinen einzigen von Enrons Jahresabschlüssen einer eingehenden Prüfung mehr unterzogen, obwohl in Finanzkreisen bereits lange vor dem 16. Oktober 2001 bekannt war, dass die Houstoner ebenso komplexe wie undurchsichtige Termin- und Rohstoffgeschäfte tätigten.

    Kaum ein Fall dokumentiert das Totalversagen jedoch besser als Enrons Antrag bei der SEC, von der für Energieversorger geltenden gesetzlichen Bestimmungen gänzlich ausgenommen zu werden. Im April 2000 beantragte Enron den so genannten exemption status. Weil die SEC dem Antrag nicht widersprach, konnte einer der größten Energieversorger der USA jahrelang ohne Aufsicht arbeiten. Selbst in der Insolvenz kann Enron den exemption status noch nutzen, denn die SEC hat bis heute keinen Widerspruch eingelegt.

    Alles super

    An die Nase fassen müssen sich auch große Teile der Wirtschaftspresse. Wer im Archiv vor Mitte 2001 nach kritischen Geschichten zum Thema Enron sucht, der sucht vergeblich. Die wenigen negativen Stimmen kamen von einer Handvoll Fondsmanagern wie James Chanos von Kynikos Associates, der bereits im Mai 2001 anmerkte, Enron sei im Grunde nur "ein gigantischer Hedge Fonds ... und nicht mal ein besonders lukrativer". In den Kommentarspalten der "Business Week", des "Wall Street Journal" oder anderer Blätter muss man kritische Äußerungen aus dieser Zeit hingegen mit der Lupe suchen. Fortune wählte Enron gar sechsmal in Folge zum innovativsten Unternehmen der USA.

    Zumindest ist die Aufarbeitung des Falls dafür umso gründlicher. Nach dem Desaster überboten sich Kolumnisten aller Couleurs mit kritischen Kommentaren. Doch manch einer hätte besser weiter schweigen sollen. So griff etwa der Ökonom, Princeton-Professor und "New York Times"-Kolumnist Paul Krugman den amerikanischen Präsidenten George W. Bush wegen seiner Verbindungen zu Enron scharf an: "Die Sache stinkt zum Himmel." Peinlich nur für Krugman: Der Wirtschaftswissenschaftler saß eine Zeit lang selbst in einem Enron-Beratungsausschuss.