Enron-Ermittlungen Steuermilliarden für fragwürdige Geschäfte

Die Untersuchungen der Enron-Pleite fördern immer mehr hässliche Details zu Tage. Der bankrotte Energieriese soll rund sieben Milliarden Dollar an Steuergeldern verschleudert und ausländische Politiker bestochen haben. Auch deutsche Institutionen waren offenbar in das schmutzige Spiel verwickelt.


Ikone der Gier: Enron-Zentrale in Houston
DPA

Ikone der Gier: Enron-Zentrale in Houston

New York - Eine der größten Geldquellen des einstigen Energierisen seien die Steuerzahler der USA gewesen, so das Ergebnis einer Studie des Institute for Policy Studies (IPS). Rund vier Milliarden Dollar sollen öffentliche Institutionen der USA in die Auslandsgeschäfte von Enron gepumpt haben, vornehmlich für die Privatisierung der Energiewirtschaft in Entwicklungsländern. Für Projekte wie den Bau einer Pipeline in Bolivien oder die Modernisierung der Wasserversorgung in Ghana habe Enron auch Geld von internationalen und ausländischen Organisationen bekommen - noch mal 3,2 Milliarden Dollar.

Unter den Förderern von Enron befand sich laut IPS auch die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Den Angaben zufolge profitierte der Energieriese von deutschen Kreditzusagen über rund eine halbe Milliarde Dollar.

Wie das "Wall Street Journal" am Montag berichtet, ermitteln nun US-Bundesbeamte, ob es bei den internationalen Enron-Geschäften zur Bestechung ausländischer Regierungsbeamte gekommen ist.

In einigen Ländern seien Aufträge ohne vorherige Ausschreibungen an das texanische Unternehmen gegangen, schreibt die Zeitung. Teils hätten Vermögenswerte auch unter Marktwert den Besitzer gewechselt. Immer wieder seien Vorwürfe von Vetternwirtschaft laut geworden, unter anderem von Seiten der Weltbank. Die internationale Finanzorganisation hat deshalb die Unterstützung mehrerer Enron-Projekte abgebrochen. Im Laufe der Zeit habe es Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit Projekten unter anderem in Ghana, Kolumbien, Nigeria und der Dominikanischen Republik gegeben.

Die Bestechungsvorwürfe könnten dem "Wall Street Journal" zufolge die internationalen Geschäfte des Energiehändlers tiefer in den Enron-Skandal hineinziehen. Diese Sparten liefen unter dem gemeinsamen Namen Enron Global Services und beinhalteten einige der noch verbliebenen Vermögenswerte. Die Auslandsgesellschaften wurden vor dem Konkurs von Enron aus dem Unternehmen herausgelöst und fallen deshalb nicht unter Gläubigerschutz.

Nach Ansicht der IPS-Experten kommt die strafrechtliche Verfolgung der Enron-Machenschaften reichlich spät: "Solange Enron nur im Ausland Schaden anrichtete, bewerteten das die staatlichen Stellen als gut für die USA", sagt Daphne Wysham, Co-Autorin der IPS-Studie. "Erst als sich die Gier der Enron-Manager auch hier zu Lande auswirkte, wurde daraus ein Skandal."

Die Studie kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass sich die staatlich geförderten Entwicklungsprojekte zumeist negativ für die jeweilige Bevölkerung des Landes ausgewirkt haben. Als Beispiel wird Panama angeführt. Ein Jahr nachdem Enron die staatlichen Elektrizitätswerke übernommen hatte, seien dort die Strompreise so stark gestiegen, dass die Menschen in Panama City deshalb auf den Straßen protestiert hätten.

Der einst weltgrößte Energiehändler Enron war im Dezember in der bis dahin größten Firmenpleite der USA zusammengebrochen. Der Konzern hatte über Jahre hinweg Verbindlichkeiten in einem Gewirr von Partnerfirmen versteckt und die Umsätze durch Bilanzmanipulationen künstlich in die Höhe getrieben.

Carsten Matthäus



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