Enron-Pleite Kennys neue Kleider

Die ehemalige Enron-Managerin Sherron Watkins hat vor dem US-Kongress ausgesagt und die ehemaligen Vorstände Jeffrey Skilling und Andrew Fastow schwer belastet. Beide seien detailliert über Enrons dubiose Finanztransaktionen informiert gewesen.


Sherron Watkins bei der Anhörung: "Arrogante und bedrohliche Unternehmenskultur"
DPA

Sherron Watkins bei der Anhörung: "Arrogante und bedrohliche Unternehmenskultur"

Washington - Sherron Watkins, eine hochrangige frühere Managerin des bankrotten Energiekonzerns Enron, hat den Ex-Vorstandschef (CEO) Jeffrey Skilling und den ehemaligen Finanzchef (CFO) Andrew Fastow bei einer Anhörung des US-Kongresses für den Niedergang des einstmals siebtgrößten Unternehmens der USA verantwortlich gemacht.

Watkins war durch einen Brandbrief an den Enron-Präsidenten Kenneth Lay bekannt geworden. Die ehemalige Enron-Finanzexpertin hatte Lay am 15. August 2001 vor finanziellen Risiken gewarnt, die in Enrons Büchern schlummerten. In ihrem Brief schrieb Watkins damals, sie befürchte, Enron werde "in einer Welle von Buchhaltungsskandalen implodieren".

Des Kaisers neue Kleider

Bei einer Anhörung vor dem amerikanischen Kongress, der das Enron-Debakel untersucht, zeichnete Watkins ein äußerst negatives Bild von Skilling und Fastow. Sie verglich das Duo mit den Schwindlern in der Geschichte "Des Kaisers neue Kleider", die den Monarchen davon überzeugten, sie spännen ein besonders feines Gewebe.

Die Rolle des Kaiser hatte nach Watkins Darstellung Ken Lay inne - Enrons Gründer, langjähriger CEO, Bush-Intimus und bis vor kurzem Präsident des Energieunternehmens. Die Managerin beschrieb Lay in der Anhörung als ebenso gutwilligen wie gutgläubigen Menschen, der nicht über das volle Ausmaß der Probleme seiner Firma informiert gewesen sei. Der Enron-Präsident habe ihre Warnungen ernst genommen. Allerdings glaube sie nicht, dass er das Ausmaß und die Risiken von Fastows finanziellen Transaktionen tatsächlich verstanden habe.

Damit stellt Watkins ihren ehemaligen Chef deutlich positiver dar als die Ermittler des Kongresses und die Medien. Lay hatte bei seinem Auftritt vor dem Kongress am Mittwoch von seinem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch gemacht. Spätestens, seit er - live vom Fernsehen übertragen - über eine Stunde lang die Anschuldigungen der Ermittler über sich entgehen lassen musste, ist Lay für die amerikanische Öffentlichkeit eine persona non grata.

Jeff Skilling ist nach Aussagen von Watkins der "bad guy" der Enron-Saga. "Ich glaube dass Herr Skilling und Herr Fastow äußerst Furcht einflößende, sehr intelligente Leute sind. Meiner Ansicht nach haben die beiden eine Reihe von Leuten durch Drohungen dazu gebracht, Strukturen zu akzeptieren, die nicht akzeptabel waren", so Watkins. Fastow habe versucht, sie zu feuern, nachdem er von ihrem Schreiben an Lay erfahren habe.

Nur Hörensagen, keine Fakten

Kenneth Lay im Zeugenstand: Osama Bin Laden der Börse
AP

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Skillings Anwalt, Bruce Hiler, hält Watkins Ausführungen nicht für stichhaltig. "Alles, was Frau Watkins vorträgt, basiert auf Hörensagen, Gerüchten und Meinungen. Es gibt keine Fakten." Skillings Rechtsbeistand behauptet, sein Mandant solle als Sündenbock für das Enron-Desaster herhalten. Nach Ansicht Hilers suchten Lay und Watkins im Herbst 2001 nach einem hochrangigen Manager, dem man die Schuld in die Schuhe schieben könnte. Skilling, der nach nur sechs Monaten als CEO im August 2001 von seinem Posten zurückgetreten war, sei da gerade recht gekommen.

Anders als Fastow und Lay hatte sich Skilling vergangene Woche zu den gegen ihn gerichteten Vorwürfen geäußert. Unter anderem hatte der Ex-CEO ausgesagt, er könne sich nicht erinnern, je an der Genehmigungsprozedur für Enrons Partnerschaften beteiligt gewesen zu sein. Watkins bezichtigte Skilling indirekt der Falschaussage. Es sei ihrer Ansicht nach kaum vorstellbar, dass Skilling von nichts gewusst habe. Es habe für Transaktionen der Partnerschaften ein genau festgelegtes "in Stein gemeißeltes" Procedere gegeben. Skilling habe jeden einzelnen Bericht abzeichnen müssen.

Auch den früheren Finanzvorstand Enrons griff Watkins an. Andrew Fastow, der sich durch die Enron-Partnerschaften ein Zusatzeinkommen in Millionenhöhe verschafft hat, war bei der Belegschaft des texanischen Unternehmens scheinbar nicht sehr beliebt. "Es gab bei Enron ein Sprichwort", so Watkins: "Kopf, Herr Fastow gewinnt, Zahl, Enron verliert."



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