Enron-Pleite Telefonterror aus Houston

Im Fall Enron tauchen derzeit täglich neue Bush-Beamte auf, die vor oder während des Enron-Debakels von hochrangigen Managern des Energieunternehmens kontaktiert wurden. Enron versuchte offensichtlich, durch massive Lobbyarbeit in Washington Einfluss auf seine Kreditgeber auszuüben.


Enron-Zentrale in Houston: Massives Telefonlobbying im Herbst 2001
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Enron-Zentrale in Houston: Massives Telefonlobbying im Herbst 2001

Washington - Im Herbst 2001, als die Aussichten des siebtgrößten US-Konzerns immer düsterer wurden, riefen die Enron-Manager in Washington offensichtlich jeden an, den sie kannten. Das Ziel: Die über lange Zeit und mit Millionenaufwand aufgebauten politischen Kontakte sollten jetzt helfen, den vom Bankrott bedrohten Konzern zu retten.

Enrons Präsident Greg Whalley rief nach Angaben des US-Finanzministeriums im späten Oktober 2001 sechs bis acht Mal bei Finanzstaatssekretär Peter Fisher an. Zu diesem Zeitpunkt verschlechterte sich Enrons finanzielle Lage täglich. Mehrere Großbanken zögerten bereits, Enron weitere dringend benötigte Kredite einzuräumen. Der Enron-Präsident habe Fisher gebeten, bei den Banken ein gutes Wort für sein Unternehmen einzulegen, sagte eine Sprecherin des Ministeriums. Staatssekretär Fisher habe Whalleys Bitte jedoch nicht entsprochen und keinen von Enrons Kreditgebern kontaktiert.

Vergangene Woche hatte das Weiße Haus bereits bestätigt, dass Enron-Manager im Herbst 2001 bei US-Finanzminister Paul O'Neill und Handelsminister Donald Evans vorgesprochen hätten um diese von der Notwendigkeit einer staatlich unterstützten Rettungsaktion für das angeschlagene Energieunternehmen zu überzeugen. Nach Angaben von Ari Fleischer, dem Pressesprecher des Weißen Hauses, hatten Enron-Vertreter den Ministern bedeutet, ein Bankrott des Unternehmens könne negative Auswirkungen auf die gesamte US-Wirtschaft haben. Das Finanzministerium sei jedoch zu dem Schluss gekommen, dass durch Enrons Pleite keine gesamtwirtschaftlichen Verwerfungen zu befüchten gewesen seien.

Eine Enron-Sprecherin sagte, die Anrufe bei Fisher hätten "nur der Information" des Staatssekretärs gedient. Es sei ihr nicht bekannt, so die Sprecherin, dass Whalley den Regierungsbeamten um Hilfe gebeten habe.

Anruf eines alten Bekannten

Fisher wurde nach Angaben des Finanzministeriums auch von Robert Rubin angerufen, der unter dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton Finanzminister war und heute Vorstandsmitglied bei der Großbank Citigroup ist. Der "New York Times" zufolge hat das Finanzinstitut Enron mindestens 750 Millionen Dollar geliehen.

Rubin habe Fisher am 8. November 2001 angerufen. An diesem Tag hatte Enron bekannt gegeben, die Unternehmensgewinne der vergangenen vier Jahre seien nicht korrekt bilanziert worden und müssten um mehr als eine halbe Milliarde Dollar nach unten korrigiert werden. Nach Darstellung des US-Finanzministeriums habe Rubin den Staatssekretär gebeten, auf die großen Ratingagenturen wie Standard & Poor's oder Moody's einzuwirken. Hintergrund ist, dass die Ratingfirmen zu diesem Zeitpunkt bereits darüber nachdachten, Enrons Kreditwürdigkeit herabzustufen. Fisher, so das Finanzministerium, habe Rubin jedoch erläutert, ein Anruf bei Moody's oder anderen Agenturen sei keine gute Idee. Rubin habe das eingesehen.

Houstons langer Arm

Inzwischen tauchen in den Medien vermehrt Beispiele auf für den weit reichenden Einfluss Enrons auf die US-Energiepolitik im allgemeinen und die Bush-Administration im speziellen. Enron-Chef Kenneth Lay, ein guter Bekannter von US-Präsident George W. Bush und großzügiger Parteispender, besuchte Anfang 2001 den Vorsitzenden der Federal Energy Regulatory Commission, Curtis Hebert. Der "New York Times" berichtete Hebert, dass Lay angeboten habe, ihn weiter zu unterstützen, wenn er seine Position zur Deregulierung des US-Energiemarktes ändere. Hebert sagte, er habe Lays Angebot ausgeschlagen. Im August 2001 war Hebert ohne Angabe von Gründen mehr als zwei Jahre vor Ablauf seiner Amtszeit von seinem Posten zurückgetreten. Kenneth Lay bestreite Heberts Version, so die Zeitung. Nach Lays Darstellung sei es Hebert gewesen, der Enron um Unterstützung gebeten habe.

Insider-Geschäfte gigantischen Ausmaßes?

Enrons Topmanager haben in den Monaten vor dem Kollaps Aktienpakete für mehr als eine Milliarde Dollar verkauft. Das berichtet die "New York Times" in ihrer Sonntagsausgabe. Sie bezieht sich auf die Klageschrift einer New Yorker Bank, die Gewerkschaftsgelder in Enron investiert hatte. Die Bank wirft den Managern vor, Insiderwissen über die prekäre Finanzlage des einstigen Börsenlieblings ausgenutzt zu haben. Die Manager bestreiten das.

Kenneth Lay machte durch den Verkauf von Enron-Aktien zwischen Anfang 1999 und Mitte 2001 insgesamt 101,3 Millionen Dollar, berichtet die Zeitung unter Berufung auf bei der US-Börsenaufsicht hinterlegte Verkaufsmeldungen. Damals seien die Aktien zwischen 31 und 86 Dollar wert gewesen.

Auch Jeff Skilling, der im August 2001 überraschend vom Posten des Enron-CEOs zurückgetreten war, hat nach seinem Abgang Kasse gemacht. Seit Dezember 2000 habe Skilling pro Woche etwa 10.000 Enron-Aktien abgestoßen berichtet die "New York Times". Insgesamt habe Skilling 1,1 Millionen Papiere im Gesamtwert von 66,9 Millionen Dollar veräußert, so die Zeitung

Nachdem Enron im Herbst 2001 seine Gewinne der vergangenen vier Jahre um mehr als eine halbe Milliarde Dollar nach unten korrigiert hatte, fiel der Aktienkurs. Vergangene Woche wurde Enron bei 66 Cents gehandelt. Viele der 20.000 Enron-Angestellten hatten ihre Lebensersparnisse im Pensionsfonds des Unternehmens und damit überwiegend in Enron-Papieren angelegt. Das Unternehmen erlaubte ihnen im Herbst, als sich das Debakel abzeichnete und der Aktienkurs im freien Fall war, keine Verkäufe. Tausende haben ihre Ersparnisse dadurch verloren.

"Das ist der massivste Fall von Insiderhandel, den wir je gesehen haben", zitiert die "Times" den Rechtsanwalt der klagenden Amalgamated Bank, William Lerach. "Die Umfang dieses Falles ist beispiellos."

Von Thomas Hillenbrand



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