Enron-Prozess "Lügen über Lügen"

Der Prozess um den Bilanzskandal beim amerikanischen Bankrottkonzern Enron kommt in Gang. Die Jury ist ausgewählt, heute hielten die Ankläger und Verteidiger ihre Eingangsplädoyers – und schlugen einen ungewöhnlich scharfen Tonfall an.


Houston - Staatsanwalt John Hueston sagte, die beiden Angeklagten Kenneth Lay, 63, und Jeffrey Skilling, 52, hätten "Lügen über Lügen" über die Finanzlage des Ende 2001 bankrott gegangenen Energiehändlers verbreitet. Zu den von Enron angewendeten Tricks gehörten laut Hueston die geheime Verlagerung von Verlusten von einer Abteilung in die andere, die Manipulation der Profitzahlen, indem insgeheim die Reserven angezapft wurden, und der Abschluss fadenscheiniger Geschäfte, um verlustreiche Anlagen wie etwa Kraftwerke loszuwerden.

Angeklagter Skilling (links) mit Anwälten (Zeichnung aus dem Gerichtssaal): "Nie auch nur fünf Cent gestohlen"
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Angeklagter Skilling (links) mit Anwälten (Zeichnung aus dem Gerichtssaal): "Nie auch nur fünf Cent gestohlen"

Der Prozess hatte am Montag mit der Auswahl der zwölf Geschworenen begonnen. Das öffentliche Interesse an dem Verfahren ist groß - der Gerichtssaal in Houston war heute wieder voll besetzt. Gegen Lay liegen sieben, gegen Skilling 31 Anklagepunkte vor, darunter Betrug und Insiderhandel. Sie haben sich beide nicht schuldig erklärt und eine vehemente Verteidigung angekündigt.

Staatsanwalt Hueston verwies darauf, dass Lay und Skilling zu einem erheblichen Anteil in Form von Enron-Aktien bezahlt wurden. Ihr Wissen um den Zustand des Konzerns hätten sie geheim gehalten, um den Kurs hochzuhalten und sich mit dem Verkauf ihrer Aktien um Dutzende von Millionen Dollar zu bereichern. Wenn Top-Manager aber den Anlegern wichtige Fakten vorenthielten, dann "begehen sie ein Verbrechen", betonte er.

Verteidiger: Fastow war der Betrüger, seine Chefs wussten von nichts

Die Verteidigung will hingegen beweisen, dass die beiden Ex-Chefs von den Buchhaltungstricks und komplizierten finanziellen Transaktionen nichts gewusst hätten: Sie sollen demnach selber die Opfer eines von dem früheren Finanzvorstand Andrew Fastow eingefädelten Täuschungsmanövers gewesen sein.

Skillings Anwalt, Daniel Petrocelli, sagte in seinem Eingangsplädoyer, sein Mandant habe einen Konzern von Weltrang aufgebaut und nie Gesetzte gebrochen oder auch nur fünf US-Cent gestohlen. Skilling werde selbst in den Zeugenstand treten und seine Unschuld darlegen. "Er wird Ihnen in seinen eigenen Worten sagen, wie sehr er diese Firma geliebt hat", sagte Petrocelli. Auch Lay kündigte auf seiner Website an, dass er in den Zeugenstand treten wolle.

Die Staatsanwaltschaft will ihre Argumente in insgesamt neun Prozesswochen darlegen. Sie kann als Kronzeugen neben Fastow den früheren Chefbuchhalter Richard Causey aufbieten. Beide legten Geständnisse ab und sicherten sich auf diese Weise relativ milde Haftstrafen. Richter Sim Lake will das Verfahren nach Möglichkeit innerhalb von vier Monaten zum Abschluss bringen. Die Entscheidung liegt dann bei Geschworenen.

100 Jahre Haft?

Dem langjährigen Konzernchef Lay, einem vormaligen Vertrauter und Förderer von Präsident George W. Bush, droht eine theoretische Haftstrafe von 175 Jahren. Skilling, der das Unternehmen als CEO kurzzeitig lenkte, könnte sogar zu einer noch längeren Haft verurteilt werden.

Enron war einst die größte Energiehandelsfirma der Welt mit mehr als 20.000 Angestellten. Investoren verloren durch den Bankrott Milliardenbeträge, tausende Angestellte sämtliche Pensionsansprüche. Der Name Enron wurde in den USA zum Synonym für Wirtschaftsbetrug.

Es folgten andere Bilanzskandale etwa bei WorldCom und Tyco, deren ehemalige Chefs bereits zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden sind. Außer Fastow und Causey haben sich 14 weitere ehemalige Enron-Manager schuldig bekannt und sind teilweise schon zu Haft- und Geldstrafen verurteilt worden.



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