Enron-Schlussverkauf Linda Lays Trödelladen

Es klingt wie ein Enron-Witz, doch es ist wahr: Linda Lay, Gattin des ehemaligen Enron-Chefs Kenneth Lay, macht einen Trödelladen auf. Das geächtete Millionärspaar verscheuert unter anderem seine Gartenmöbel und einen Billardtisch.

Von , New York


"Jemand anders kann den Kram vielleicht gebrauchen": Linda Lays neuer Shop in Houston
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"Jemand anders kann den Kram vielleicht gebrauchen": Linda Lays neuer Shop in Houston

New York - Die Wirklichkeit ist oft besser als jede Fiktion. Das Ehepaar Lay liefert gerade mal wieder den Beweis dafür. Im Januar schluchzte Linda Lay vor einem Millionenpublikum auf NBC: "Wir müssen alles verkaufen." Niemand ahnte damals, wie ernst die texanische Blondine das meinte.

Wörtlich offenbar, wie das Magazin "The New Yorker" vergangene Woche enthüllte: Noch diesen Monat will die ehemalige First Lady von Enron einen Second-Hand-Shop im Houstoner Yuppie-Viertel Montrose eröffnen. Der Laden mit dem Namen "Jus' Stuff" (übersetzt: einfach nur Kram) soll zum Umschlagplatz für den Hausrat aus den verschiedenen Zweitvillen der Lays werden.

Während die im Dezember Pleite gegangene Energiefirma Enron zerteilt wird, versuchen die Enron-Manager ihre Vermögenswerte zu liquidieren, bevor sie möglicherweise auch persönlich zu Schadenersatzzahlungen verurteilt werden.

Geben sich immer noch spendabel: Die Lays bei einer Ehrung für Bob Dole, für die sie selbst gespendet haben (März 2002)
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Geben sich immer noch spendabel: Die Lays bei einer Ehrung für Bob Dole, für die sie selbst gespendet haben (März 2002)

Zwei Anwesen, eins in Aspen/Colorado und eins in Galveston/Texas, hat das Ehepaar Lay bereits verkauft. Auch mehrere gewerbliche Immobilien haben sie abgestoßen. Es waren große Häuser, voller Möbel, und irgendwo muss der Kram schließlich hin. Da fiel ihnen der kleine Laden in einem ihrer verbliebenen Besitztümer in Montrose ein. Und weil die Lays mit ihrem Dilemma in der Enron-Stadt nicht allein sind, dürfen auch alte Familienfreunde, die nun auf kleinerem Fuß leben müssen, ihren Überschuss hier anbieten.

Für Linda Lay war es dem Vernehmen nach nur eine Frage gesunden Geschäftssinns: "Sie hat sich gedacht, dass jemand anders den Kram vielleicht gebrauchen kann", ließ sie durch eine Sprecherin verbreiten.

Dieses Motiv stellt die Lay in die ur-amerikanische Tradition der "Yard Sales": Jedes Wochenende stehen Tausende von Rentnern in ihren Vorgärten oder Garagen und spielen Flohmarkt. Viele haben längst ein Hobby draus gemacht. In Städten, wo es an Vorgärten mangelt, wie in New York, werden die Schätze auf den Eingangsstufen dargeboten - daher der Name "Stoop Sale".

So tief gesunken sind die Lays offenbar noch nicht, dass sie ihren Hausrat vor ihrer 7,1-Millionen-Dollar-Hochhauswohnung in Houston verkaufen müssten. Stattdessen haben sie den Laden in Montrose renovieren lassen: Die Fassade strahlt laut "New Yorker" in einem "geschmackvollen Beige und Weiß", über dem Eingang hängt eine neue schwarze Markise. Ob die Lays dem Vormieter, der Tierhandlung "Kennel Town", wegen Eigenbedarf gekündigt haben, wird nicht berichtet.

Tränen für ihren "Kenny Boy": Linda (r.) bei einem NBC-Interview mit Lisa Myers
REUTERS

Tränen für ihren "Kenny Boy": Linda (r.) bei einem NBC-Interview mit Lisa Myers

Was verkauft man als Millionär? Gebrauchte Rembrandts? Nein, ganz so edel geht es in Houston nicht zu. Zwar soll "Jus' Stuff" ein elegantes Antiquitätengeschäft sein, doch der texanische Touch ist unübersehbar: Neben einem Mahagoni-Bett mit Baldachin bemerkte die Reporterin des "New Yorker" zum Beispiel mehrere Gartenstühle aus Plastik.

Auch einen Billardtisch mit silbernen Troddeln kann man kaufen, oder ein Paar gelb bemalter Kampfhähne aus Blech. "Der Stil", notiert das Magazin, "ist volkstümlich - traditionell." Die Preise sind noch nicht bekannt, sie sollen aber "von 5 bis 5000 Dollar" reichen. Ebenfalls im Laden helfen wird Lay-Tochter Robin.

Nach dem tränenreichen Auftritt auf NBC scheint dies der zweite Schritt der PR-Kampagne zur Wiederherstellung des Familiennamens zu sein. Doch schon damals reagierten die Amerikaner allergisch auf die Mitleidstour der Millionäre: Statt Solidarität ernteten die Lays nur Häme.

Auch "Jus' Stuff" scheint wie gemacht für ein PR-Debakel. Die Lokalzeitung "Houston Chronicle" spekuliert bereits, ob Kunden ein Echtheitszertifikat für die Möbel erhalten. Man stelle sich vor: Ein Billardtisch "Pre-Owned by Kenneth Lay".



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