Enron-Skandal Andersen fällt auseinander

Die Milliardenpleite von Enron hat auch die Wirtschaftsprüfer von Arthur Andersen in Existenznot gebracht. Jetzt hat deren Chef Joseph Berardino aufgegeben.


Rücktritt: Andersen-Chef Joseph Berardino
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Rücktritt: Andersen-Chef Joseph Berardino

New York - Berardino sagte am Dienstag im US-Fernsehsender CNN: "Ich fühlte, dass ich heute diesen Schritt machen musste, um ein Ausrufezeichen hinter die Aussagen unserer Leute zu setzen." Der Andersen-Chef, der seit 1972 für das Unternehmen arbeitet und seit Januar 2001 an dessen Spitze ist, will bis zur Bestellung eines Nachfolgers im Amt bleiben. Andersen sei eine "seriöse Firma, die es verdient, in den USA weiterzuarbeiten". Der Markt sendet derzeit andere Signale. Vier Monate nach dem Pleite-Skandal um den Energiehandelsriesen Enron kämpft Arthur Andersen, bis dahin eine der fünf ersten Adressen unter den Buchprüfern, ums Überleben. Das weltweite Andersen-Netzwerk mit 85.000 Mitarbeitern fällt bereits auseinander, das Ausschlachten der 89 Jahre alten Firma hat begonnen. Andersen-Partner in Hongkong, China und Russland haben sich bereits der Konkurrenz angeschlossen, Ähnliches droht in Europa. Andersen hat Partner in 83 Ländern.

Immer neue Rückschläge: Andersen-Zentrale in Chicago
AFP

Immer neue Rückschläge: Andersen-Zentrale in Chicago

Im Zentrum des Debakels steht Andersens Stempel unter der Enron-Buchprüfung. Der Wirtschaftsprüfer steht am Pranger, weil er die dubiose Enron-Buchführung, die jetzt ans Licht kommt, abgesegnet hat. Der Keulenschlag kam aber aus dem Justizministerium - eine Anklage wegen Justizbehinderung, weil im Andersen-Büro in Houston in Texas im Herbst kistenweise Enron-Dokumente vernichtet wurden.

Andersen hatte zuvor in ganzseitigen Zeitungsanzeige die Anklage wegen Justizbehinderung als "tragischen Fehler" bezeichnet. "Die Anklage ist eine politische Breitseite und bezieht sich nicht auf Fakten", hieß es darin. "Wir freuen uns auf den Gerichtstermin." Mehr als 60 Großkunden in den USA haben Andersen in den vergangenen Wochen gekündigt.

Auch die US-Regierung hat die Ministerien angewiesen, auf Andersens Dienste zu verzichten. "Die Klage hat das Schicksal von Andersen besiegelt", sagt Arthur Bowman, der den Branchendienst Bowman's Accounting Report herausgibt.

Neben der Klage des Justizministeriums haben zahlreiche Enron-Aktionäre Millionenklagen gegen Andersen angestrengt, mit dem Vorwurf, das Unternehmen hätte die dubiose Buchführung bei Enron nicht absegnen dürfen. Andersen bot zunächst pauschal 750 Millionen Dollar, mit denen alle Aktionärsklagen abgegolten werden sollten. Nachdem die Zahl der zahlungskräftigen Kunden dramatisch sank, kürzte das Unternehmen dieses Angebot inzwischen auf 350 Millionen Dollar.

Fusionsgespräche mit den vier größten Konkurrenten scheiterten bislang, weil niemand die Millionenklagen übernehmen will. Beobachter halten einen geordneten Bankrott für den einzigen Ausweg: Dann könnten Konkurrenten die Andersen-Partner ohne die Zahlungsverpflichtungen aus den Klagen aufkaufen.



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