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14. Januar 2002, 17:34 Uhr

Enron-Skandal

Der Club der Aktionäre

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Als Enron in den Rankings amerikanischer Wirtschaftsmagazine noch Spitzenplätze belegte, war die Aktie mit dem Börsenkürzel "ENE" ein allseits beliebtes Investment. Das galt auch für die Mitglieder der US-Administration: Mindestens 14 hochrangige Bush-Beamte und Minister besaßen bei ihrem Amtsantritt Aktien des inzwischen Pleite gegangenen Energiehändlers.

1600 Pennsylvania Avenue: In der Energiebranche investiert
Foto: GMS

1600 Pennsylvania Avenue: In der Energiebranche investiert

Washington - Nach einer Untersuchung des Washingtoner Center for Public Integrity (CPI) besaß eine Reihe von Top-Beamten der Bush-Regierung bei ihrem Amtsantritt Enron-Aktien. Das CPI hat die finanziellen Pflichtveröffentlichungen der 100 wichtigsten Mitglieder der US-Administration für eine Studie durchleuchtet. Danach hielten insgesamt 14 Bush-Beamte Anteile des Pleite gegangenen Energiehändlers. Der Gesamtwert ihrer Papiere lag zwischen 284.016 und 886.000 Dollar.

Das ehemals siebtgrößte US-Unternehmen hatte im vergangenen Dezember Bankrott anmelden müssen, nachdem Nachrichten über dubiose Bilanzpraktiken und Privatgeschäfte des Managements den Aktienkurs in den Pennybereich hatten sinken lassen. Die Bush-Regierung steht derzeit wegen ihrer Nähe zu Enron in der Kritik. Bush hatte von Enron und dessen Chef Kenneth Lay Spendengelder erhalten. Enrons Manager hatten die Bush-Regierung im Herbst 2001 kontaktiert und um Unterstützung für das angeschlagene Unternehmen gebeten.

Zu den Enron-Aktionären in Bush Team gehören unter anderem Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der US-Handelsbeauftragte Robert Zoellick und Peter Fisher, Unterstaatssekretär im Finanzministerium. Fisher war von Enrons Präsident Greg Whalley im Herbst 2001 mehrfach telefonisch kontaktiert worden. Whalley ersuchte den Unterstaatssekretär damals, bei Enrons Banken ein gutes Wort für das in Not geratene Unternehmen einzulegen.

Veröffentlichung der Vermögenslage ist Pflicht

Laut Gesetz müssen prospektive Mitglieder der US-Administration innerhalb von 90 Tagen nach der Nominierung ihre Vermögensverhältnisse offen legen. Die vom CPI recherchierten Vermögenspositionen beziehen sich somit größtenteils auf den Anfang von Bushs Regierungszeit. Statt des genauen Werts der Vermögensanlagen wird in den Pflichtveröffentlichungen lediglich eine Spanne angegeben, innerhalb derer sich der Wert der Anlage bewegt. Ein Sprecher des CPI sagte SPIEGEL ONLINE, durch die Angabe einer Spanne sollten zum einen Schwankungen erfasst werden. Zum anderen werde dadurch die Privatsphäre der Beamten geschützt.

Die größten Aktienpakete besitzen dem CPI zufolge der Präsidentenberater Karl Rove und Charlotte Beers, Unterstaatssekretärin im Außenministerium. Beide hielten Enron-Aktien im Wert zwischen 100.001 und 250.000 Dollar.

Beamte lieben Energieaktien

Der Energiesektor ist bei den Mitgliedern der Bush-Administration offensichtlich das bevorzugte Investment. Laut CPI haben die untersuchten Beamten in keinem Wirtschaftszweig so viele Dollars angelegt wie im Energiebereich. Insgesamt zählte das CPI in diesem Sektor 221 Vermögenspositionen im Wert von bis zu 144,6 Millionen Dollar.

Verwunderlich ist das nicht, denn die Bush-Administration ist "vollgepackt mit Insidern aus der Industrie", wie das CPI auf seiner Website bemerkt. Präsident George W. Bush und sein Vize Dick Cheney haben ebenfalls gute Verbindungen in den Energiesektor. Bush war beispielsweise mit Enrons CEO Kenneth Lay gut befreundet und nannte ihn privat "Kenny Boy"; Cheney war mehrere Jahre Vorstandschef von Halliburton, einer texanischen Firma aus dem Erdölsektor.

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