Entlassungswelle Star-Analyst verlässt Merrill Lynch

Mit ihren Abfindungsangeboten hat die Investment-Bank Merrill Lynch nicht viele Mitarbeiter zum Ausscheiden bewegen können. Einer der wenigen, die freiwillig gehen, ist der Star-Analyst Henry Blodget.


Frankfurt am Main - Gestern gab der Star-Analyst bekannt, dass er das Angebot zur Aufhebung seines Arbeitsvertrages angenommen habe. "Es ist an der Zeit, etwas Neues anzufangen", sagte der Blodget gegenüber der "New York Times".

Blodget gilt als einer der Aktien-Experten, die den Boom der Werte für Internet-Unternehmen vorangetrieben haben. Einige Investoren haben viel damit verdient, andere aber haben auch sehr viel Geld verloren.

Seinen Ruf begründete der 35-jährige mit der Voraussage, dass der Kurs des Internet-Buchhändlers Amazon.com auf 400 Dollar steigen werde. Doch weder Amazon noch andere von Blodget in Talkshows und Fernsehinterviews gepriesene Werte konnten die hoch gesteckten Erwartungen erfüllen. Unternehmen wie Pets.com oder eToys.com gingen pleite, bevor sie die Gewinnschwelle überschritten hatten.

Zuletzt fanden seine Analysen immer weniger Resonanz im Markt, im Ranking der Top Analysten,

das von der Fachzeitschrift "Institutional Investor" aufgestellt wird, fiel Blodget von Platz eins auf Platz drei zurück.

Blodget ist allerdings nur einer unter vielen, die Merrill Lynch verlassen. Nach einem Gewinneinbruch von 52 Prozent im dritten Quartal muss Präsident Stanley O'Neal verstärkt Kosten einsparen. "Während des gesamten Jahres haben wir angesichts sinkender Einnahmen unsere Geschäftsaktivitäten einer kritischen Prüfung unterzogen, ob sie noch den Marktbedingungen entsprechen", erklärte Merrill-Lynch-Sprecherin Selena Morris.

Seit Jahresbeginn verloren bereits 6100 Mitarbeiter bei Merrill Lynch ihren Job. Insgesamt müssen voraussichtlich 10.000 Banker gehen.

Zukunft steht in Frage: Niederlassung von Merrill Lynch in Tokio
AP

Zukunft steht in Frage: Niederlassung von Merrill Lynch in Tokio

Besonders drastisch wirkt sich der Schrumpfungsprozess im Research-Bereich Technologie und Telekom aus. Hier sollen rund 40 Prozent der Beschäftigten die Kündigung erhalten. Zur Diskussion steht offenbar auch der Verkauf oder die Schließung der Brokerbereiche in Kanada und Japan.

Die entlassenen Mitarbeiter werden mit dem gleichen Betrag abgefunden wie ihre Kollegen, die freiwillig gegangen sind. Merrill Lynch hatte, je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit, bis zu 54 Wochengehälter und 40 Prozent vom Bonus des Jahres 2000 geboten.



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