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WERTPAPIERE Entspannung für jedermann

Der Handel mit alten Anleihen und Aktien floriert. Doch das Geschäft mit den angeblich seltenen Stücken wird oft genug von Interessenten und Händlern manipuliert.
aus DER SPIEGEL 52/1979

An der Börse werden sie schon lange nicht mehr notiert, doch unter Kennern steigen sie ständig im Kurs: Händler und Auktionshäuser preisen das Sammeln alter Aktien als exklusives Hobby und gewinnträchtige Wertanlage.

Einige tausend Westdeutsche, schätzt Alfons W. Henseler, Prokurist der Deutschen Bank und Altaktien-Sammler, haben inzwischen ihre Liebe zu den Aktien-Antiquitäten entdeckt.

Die meisten von ihnen erstehen allerdings nur hin und wieder mal ein dekoratives Stück. Eine Aktie aus der Gründerzeit des eigenen Unternehmens zum Beispiel gilt vielen Managern als statusgemäßer Wandschmuck.

Mit echter Sammelwut kaufen rund 500 Deutsche die kapitalistischen Altpapiere. Die Kenner haben sich meistens auf bestimmte Länder oder Branchen spezialisiert.

Der Altaktien-Experte Ulrich Drumm, Manager bei der Frankfurter BHF-Bank, trug beispielsweise eine vollständige Sammlung russischer Eisenbahn-Anleihen zusammen. Die rund 1000 Stücke der längst in sozialistisches Eigentum übergegangenen Bahnlinien sind heute nach Experten-Schätzung mehrere hunderttausend Mark wert.

Hoch im Kurs stehen auch Schuldverschreibungen der US-Südstaaten ("Confederates"), mit denen die Abtrünnigen den Bürgerkrieg von 1861/65 finanzierten. Anerkannte Kapazität auf diesem Gebiet ist ein schwergewichtiger Colonel aus Florida namens Grover Criswell.

Manche Sammler haben berufsbedingte Vorlieben. Ein Frankfurter Arzt zum Beispiel sucht alle Papiere, die mit Medizin zu tun haben -- von der Knochenmühle bis zur Friedhofs-Aktie.

Viele Altaktien-Sammier horten die Papiere allerdings nicht aus Spaß an den historischen Papieren, sie spekulieren ganz unsentimental, daß eine Geldanlage in historischen Anteilspapieren mehr Rendite abwirft als viele börsengängige Papiere -- und das ohne lästige Coupon- oder Körperschaftsteuern. Insider wollen wissen, daß besonders die Briten die historischen Wertpapiere als Anlageform für unversteuertes Einkommen immer höher schätzen.

Unerfahrene Anfänger, die sich von einigen spektakulären Auktionsergebnissen zum Alt-Papier-Sammeln verlocken lassen, können sich allerdings leicht vertun.

Denn verglichen mit traditionellen Sammelobjekten wie Briefmarken oder Münzen, ist der Markt für historische Wertpapiere noch reichlich undurchsichtig. Zuverlässige Kataloge gibt es nur für wenige Spezialgebiete, und die haben die Pioniere der Altaktien-Sammler schon längst abgegrast.

Von manchen historischen Anteilscheinen ist nicht einmal die Auflagenhöhe bekannt; die Zahl der noch existierenden Exemplare ist nur selten zu ermitteln.

Teuer erstandenen Stücken droht daher plötzliche Abwertung, wenn aus dem Nachlaß irgendeines Altkapitalisten die vermeintliche Rarität gleich paketweise auf den Markt kommt. Auch vor Nachdrucken, die nur gewiefte Kenner als Fälschungen ausmachen konnen, sind Normal-Sammler keineswegs geschützt.

Westdeutsche Bankhäuser, die ihre Schalterhallen immer häufiger für Ausstellungen historischer Wertpapiere öffnen, hüten sich daher tunlichst, die alten Stücke als Geldanlage zu empfehlen.

Weniger zurückhaltend ist da die schnell wachsende Zahl der Händler, die sich des noch kaum erschlossenen Marktes angenommen haben. Voller Optimismus preisen sie ihre Ware als »wertbeständige Vermögensanlage«, zumindest aber als eine »ehrliche, rentable Entspannung für jedermann«.

Für steigende Preise sorgen die Händler selber in vorderster Linie. In ihre Katalogpreise sind nach den Berechnungen erfahrener Sammler Handelsspannen von mehreren 100 Prozent einkalkuliert.

Eine Anleihe der Stadt Kiew von 1914, Nennwert 100 Pfund, zum Beispiel bieten Sammler in der »Zeitung für Historische Wertpapiere« für 90 Mark an. Der Londoner Händler Stanley Gibbons, anerkannter Spezialist für Altaktien, verlangt für dasselbe Stück schon 150 Pfund. Und im Katalog eines neu am Markt aufgetauchten »London Scripophily Centre Ltd.« kostet das schmucklose Papier gar 220 Pfund.

An die hochgejubelten Preise glauben die Händler selbst am wenigsten. Als ein deutscher Sammler seinerseits das Kiew-Stück bei Stanley Gibbons losschlagen wollte, mochte der Händler die Rarität nicht einmal zu einem Viertel seines eigenen Katalogpreises ankaufen.

Clevere Händler kennen genügend Tricks, um das Preisniveau zu manipulieren. Manche kaufen große Posten günstig ein, bieten aber nur ein einzelnes Stück davon auf einer Auktion an. Der Wert wird hochgesteigert und dient dann als Rechtfertigung für einen hohen Katalogpreis, zu dem die Händler den Rest unter die Sammler bringen.

Mit Ausstellungen, Auktionen und in mancherlei Vermögensberatungs-Postillen lancierten Artikeln versuchen interessierte Händler, das Hobby populär zu machen. Denn das Spiel mit den alten Anteilscheinen kann nur aufgehen, wenn die Nachfrage nach alten Aktien noch kräftig steigt.

Bisher sind dabei noch mehr Laien als Profis am Werk. Ehegattinnen von Bank-Beamten betreiben den Verkauf alter Aktien als Nebenverdienst, Briefmarkenhändler möchten ihrem Geschäft damit ein größeres Format verleihen, auch pensionierte Lokomotivführer, ehemalige Werbegraphiker und umgesattelte Dressur-Reiterinnen findet man in der neuen Zunft.

Doch im nächsten Frühjahr soll der Handel mit den Zeugnissen frühkapitalistischen Unternehmertums von London aus aufgewertet werden. Die renommierten Auktionshäuser Sotheby und Christie"s wollen zum erstenmal eigene Versteigerungen antiker Papiere wagen.

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