E.on-Aufsichtsratschef Kley »Gas erst bei den Privaten abschalten, dann bei der Industrie«
Karl-Ludwig Kley (Archivfoto)
Foto: Wolfgang Rattay / REUTERSDer Aufsichtsratsvorsitzende des Energieversorgers E.on, Karl-Ludwig Kley, fordert bei der Gasversorgung Vorfahrt für die Industrie. Die Politik solle »sehr ernsthaft darüber nachdenken, ob sie die Reihenfolge nicht umdreht und erst bei Privaten abschaltet und dann bei der Industrie«, sagte Kley in einem Interview mit dem manager magazin .
Als Begründung führte der 70-jährige Manager an, dass die gesamte Volkswirtschaft und damit auch die Einkommen der Menschen daran hingen, »dass die Industrie arbeitsfähig bleibt«.
Bisher sieht der Notfallplan Gas vor, dass im Falle eines Gasmangels – zum Beispiel durch das Ausbleiben von Lieferungen aus Russland – die Bundesnetzagentur nach und nach verschiedene Industriebetriebe von der Versorgung abklemmt. Erst danach wären Privathaushalte betroffen.
Auf die Frage, ob die Prioritätsumkehr zur Folge haben könne, dass Menschen im Winter frieren müssten, antwortete Kley: »Im schlimmsten Fall, ja.«
Der einflussreiche Aufsichtsrat führt auch das Kontrollgremium der Lufthansa an. Im Gespräch mit dem Wirtschaftsmagazin sprach er sich entschieden gegen Veränderungen des exportgetriebenen Geschäftsmodells Deutschlands aus. »Autarkie für Deutschland ist unrealistisch. Wir brauchen Handel mit China, und wir werden Handel mit China haben.«
Gleichzeitig warnte Kley vor überzogenen Erwartungen nach der Devise Wandel durch Handel. »Unsere Handelsaktivitäten sollten wir nicht moralisch aufladen.« Man solle nicht »so naiv sein zu glauben, dass andere Länder unsere Wertvorstellungen so einfach übernehmen«. Klar sei aber, dass deutsche Unternehmen auch im Ausland »unsere ethischen Wertvorstellungen« einhalten müssten.
Nord Stream 2: »Wir waren alle zu naiv«
Das Pipelineprojekt Nord Stream 2, an dem ursprünglich auch der Energieversorger E.on beteiligt war, sieht Kley inzwischen als Fehler an. »Wir alle waren zu naiv. Und es war ja auch bequem, naiv zu sein.« Es sei richtig, dass Nord Stream 2 nun nicht kommen werde. Man werde aber noch sehr lange Gas in Deutschland brauchen, trotz des Ausbaus regenerativer Energien.
Das Gespräch führte das Magazin lange vor der aktuellen Ankündigung aus Russland, Polen und Bulgarien von der Gasversorgung abzuklemmen. Inzwischen haben diese Meldungen die deutsche Regierung in Alarmstimmung versetzt . Es wird durchaus für möglich gehalten, dass der Kreml auch Deutschland bald den Hahn zudreht.
An Kleys Auffassung dürfte das allerdings nichts ändern. Bereits seit Wochen wird dieses Szenario durchgespielt, werden Reaktionen und Notfallpläne diskutiert. Die Frühwarnstufe im Notfallplan hatte Bundeswirtschaftsminister Habeck Ende März ausgerufen.