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06. September 2007, 16:29 Uhr

Erdgas-Verschwendung

Profitdenken schlägt Umweltschutz

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Trotz Klimawandel, Kyoto-Protokoll und knappen Ressourcen: Die Öl-Industrie vergeudet jedes Jahr gigantische Mengen Erdgas. Für die Firmen ist es oft viel zu teuer, das Gas zum Verbraucher zu bringen. Erst mit steigendem Preisen wird sich das ändern.

Hamburg - Das Problem war bekannt, doch das Ausmaß erschreckte selbst Experten: Jedes Jahr werden bei der Ölförderung 150 bis 170 Milliarden Kubikmeter Erdgas abgefackelt oder einfach in die Atmosphäre abgelassen. Herausgefunden hat das die amerikanische Wetterbehörde NOAA mit Hilfe von Satellitenbildern. Die Erdgasmenge entspricht dem Jahresverbrauch von Deutschland und Italien zusammen. Marktwert der vergeudeten Energie: rund 40 Milliarden Dollar.

Warum nutzen die Unternehmen das Erdgas nicht besser? Wollen sie damit kein Geld verdienen? Ganz so einfach ist es nicht. Denn für die Firmen ist es oft viel zu teuer, das Gas zum Verbraucher zu transportieren.

Wenn ein Ölfeld angebohrt wird, fällt immer auch Erdgas an. Die meisten Ölfelder liegen jedoch fernab von jeder Infrastruktur - zum Beispiel in der arabischen Wüste oder in Sibirien. Wollte man das Gas zu den Kunden bringen, müsste man parallel zu den Ölleitungen auch Gaspipelines von mehreren tausend Kilometern Länge bauen. Noch schwieriger ist es auf hoher See: Von einer Ölplattform lässt sich Gas nur mit erheblichen Kosten abtransportieren.

Als die Firmen in die Ölförderung investiert haben, dachte noch niemand daran, auch das Gas zu verwerten. Erdgas war damals so billig, dass man es lieber verbrannte, als die nötigen Leitungen zu bauen. Ökologisch ein Desaster - wirtschaftlich dagegen sinnvoll.

Heute ärgern sich viele über diesen Fehler. "Die Technik ist völlig veraltet", sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Nur: Kurzfristig lässt sich das nicht ändern.

Abfackel-Statistik: Russland verbrennt nach Berechnungen der Forschern das meiste Erdgas

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Die Energiewirtschaft selbst geht davon aus, dass sich das Problem von alleine lösen wird: Denn in Zeiten steigender Gaspreise lohnen sich Investitionen langsam auch in entlegenen Regionen. "Je höher der Gaspreis, desto rentabler werden Projekte, an die man bisher noch nicht dachte", sagt Burkhard Grundmeier vom Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG).

Das sieht auch Kemfert vom DIW so. "Weltweit steigt die Gasnachfrage und damit der Preis. Schon bald wird sich der Bau von neuen Leitungen lohnen." Sie schätzt, dass dies bei einem Ölpreis von 80 bis 90 Dollar pro Fass der Fall sein wird. Derzeit kostet Rohöl zwischen 70 und 75 Dollar. Da der Gaspreis an den Ölpreis gekoppelt ist, wirkt sich eine Verteuerung beim Öl direkt auch auf Gas aus.

Gute Chancen sehen die Experten auch durch den Trend zum Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, LNG). Verflüssigtes Gas hat den Vorteil, dass man es unabhängig von Pipelines in Tankern transportieren kann. LNG-Schiffe könnten auch Bohrinseln im offenen Meer ansteuern - und das bei der Ölförderung anfallende Gas mitnehmen.

Derzeit ist LNG noch kaum verbreitet. Fachleute sehen für diese Energieform aber große Wachstumsmöglichkeiten. In Deutschland plant derzeit der E.on-Konzern ein Flüssiggas-Terminal in Wilhelmshaven. "LNG ist der Markt der Zukunft", sagt DIW-Expertin Kemfert. Auch Grundmeier vom WEG glaubt, dass dank LNG künftig weniger Gas abgefackelt wird.

In Europa sei die Gasverschwendung aber ohnehin kaum mehr ein Thema, sagt der Lobbyist. Gerade in der Nordsee gebe es ein dichtes Leitungsnetz, in das die Förderunternehmen ihr überschüssiges Gas jederzeit einspeisen könnten. "Wir fackeln kein Gas ab, wenn wir es verkaufen können." So ganz entspricht das allerdings nicht der Wahrheit: Oft genug wird Erdgas auch in Europa verschwendet, wie die Satellitenbilder der US-Wetterbehörde zeigen.

Dennoch: In der Pflicht sehen Experten vor allem Russland. Mit dem Umweltschutz, sagt Kemfert, müsse man dort aber gar nicht erst kommen. "Was zählt, ist der Gaspreis."

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