Erneuerbare Energien Was Deutschland von Jühnde lernen kann

Der Ölstreit zwischen Russland und Weißrussland hat gezeigt, wie verletzlich die deutsche Energieversorgung ist. Reflexartig rufen Politiker nun nach der Atomenergie. Dabei gibt es andere Möglichkeiten, um die Importabhängigkeit Deutschlands zu verringern.

Hamburg – Wenn Eckhard Fangmeier die Nachrichten über Weißrussland hört, kann er sich entspannt zurücklehnen. Versorgungsengpässe beim Öl lassen den gelernten Physiker kalt, denn sein Dorf hat sich von Energieimporten unabhängig gemacht. Jühnde in Niedersachsen ist das erste Bioenergiedorf Deutschlands. Vor etwas mehr als einem Jahr haben die Bewohner ihre Strom- und Wärmeversorgung mit einer Biogasanlage selbst übernommen.

"Zu 90 bis 95 Prozent sind wir autark", erklärt Fangmeier, der Vorstand der Betreibergenossenschaft. Allein im vergangenen Jahr produzierte Jühnde vier Millionen Kilowattstunden Strom – mit Getreide und Mist aus der Umgebung. Mit Nahwärme sparten die Dörfler außerdem 300.000 Liter Heizöl ein.

"Weißrussland ist die beste Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind", sagt Fangmeier. Bürgermeister aus der ganzen Welt hätten sich schon bei ihm gemeldet, um Informationen über das Bioenergiedorf einzuholen, in Baden-Württemberg gebe es bereits eine Nachahmer-Gemeinde.

Ob Jühnde allerdings als Modell für ganz Deutschland taugt, ist fraglich. Denn wenn alle Deutschen auf Biogas umstiegen, wäre dafür eine Anbaufläche von 260.000 Quadratkilometern nötig - das entspricht drei Vierteln der Gesamtfläche Deutschlands.

Das Umweltministerium geht deshalb noch andere Wege, um die Abhängigkeit von Ölimporten zu verringern. Im Fokus stehen dabei die erneuerbaren Energien: Sie sind umweltfreundlich, unendlich verfügbar, und vor allem stammen sie aus heimischer Produktion. Erst gestern gab das Ministerium die neuen Fördersätze für die alternative Wärmeerzeugung bekannt: Insgesamt 213 Millionen Euro an Zuschüssen gibt der Staat in diesem Jahr für Solarkollektoren, Biomassekessel und Erdwärme-Anlagen aus. Bei Privatleuten und Unternehmen sollen damit Investitionen von zwei Milliarden Euro ausgelöst werden.

"Das macht mehr Sinn als die ewige Atomdebatte", heißt es im Umweltministerium. Ohnehin könne man mit Kernkraft nur Strom erzeugen. Für Öl hingegen, das im Verkehr und zur Wärmeerzeugung verwendet wird, seien Atomkraftwerke kein Ersatz.

Dass die staatliche Förderung Wirkung zeigt, belegt die Entwicklung der vergangenen Jahre. Am gesamten deutschen Wärmeverbrauch machen die erneuerbaren Energien mittlerweile 6,2 Prozent aus, vor einem Jahr waren es noch 5,9 Prozent. Ähnlich ist es bei alternativen Kraftstoffen: Ihr Anteil am Gesamtmarkt von Benzin und Diesel stieg von 3,6 auf 5,4 Prozent. Insgesamt konnten dadurch nach Angaben des Bundesverbands erneuerbarer Energien (BEE) Energieimporte im Wert von 4,2 Milliarden Euro eingespart werden.

Durch Ereignisse wie in Weißrussland könnte sich die Entwicklung sogar noch beschleunigen. "Eine bessere Werbung gibt es für uns nicht", sagt Peter Schrum, der Präsident des Biokraftstoff-Verbands BBK. In 30 Jahren, schätzt er, könnte der deutsche Kraftstoffverbrauch zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien gedeckt werden.

Allerdings dürften künftig auch Biokraftstoffe zu einem Importprodukt werden. Denn um die wachsende Nachfrage zu befriedigen, sind die Hersteller stets auf der Suche nach geeigneten Anbauflächen für Raps und andere Energiepflanzen. "In Westeuropa reichen die vorhandenen Flächen aber nur für 40 Prozent des langfristigen Bedarfs", erklärt Schrum. Deshalb orientierten sich die Unternehmen immer häufiger nach Osteuropa und sogar nach Afrika.

Holzpellets sind deutlich teurer geworden

Ähnliche Schwierigkeiten könnten auf Verbraucher zukommen, die ihre Wohnung mit Holzpellets beheizen. Weil Holz in Deutschland immer knapper wird, ist der Preis für die kleinen Energiepakete im vergangenen Jahr deutlich gestiegen: von 187 auf 256 Euro je Tonne. Auch hier versuchen die Hersteller mittlerweile, ihr Holz im Ausland einzukaufen.

Das Potenzial der Sonnenenergie erscheint dagegen grenzenlos. Allein im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 100.000 Solarwärmeanlagen neu installiert – 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Insgesamt gibt es auf Deutschlands Dächern nun knapp eine Million Solarkollektoren zur Wärmeerzeugung – und jeder von ihnen spart Heizöl oder Erdgas ein. Entsprechend steigt die Nachfrage nach Solaranlagen vor allem in Zeiten hoher Ölpreise (siehe Grafik).

"Langfristig kann die Solarenergie ein Drittel des hiesigen Wärmebedarfs decken", sagt Carsten Körnig, der Geschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW). Der russisch-weißrussische Ölstreit könnte der Branche sogar noch einen zusätzlichen Schub geben. Denn nun, sagt Körnig, gehe es um eine "Aufgabe der nationalen Daseinsvorsorge".

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