Ernteausfall in Deutschland "Das ist Mexico, das ist Südsibirien"

Bauernpräsident Gerd Sonnleitner befürchtet angesichts der anhaltenden Hitzewelle in Deutschland Milliardenschäden für die Landwirtschaft. Er rechnet damit, dass die Preise für Obst und Gemüse steigen werden und fordert Hilfen aus dem EU-Katastrophenfonds.


Importe sollen Preisanstieg verhindern: Getreide-Ernte
DDP

Importe sollen Preisanstieg verhindern: Getreide-Ernte

Berlin - "Es wird zu (Preis-) Erhöhungen kommen", sagte Sonnleitner in einem Fernsehinterview am Dienstag. Betroffen seien insbesondere Produkte wie Obst, Gemüse oder Kartoffeln, die Ernteausfälle verzeichneten. Grundsätzlich könnten jedoch Ernteausfälle vielfach durch Importe aus EU-Nachbarstaaten oder Drittländern ausgeglichen werden, was einen starken Anstieg der Preise verhindere.

Extrem von der Trockenheit betroffen sind Sonnleitner zufolge weiter der Osten und Südosten Deutschlands. "Das Klima, das in Brandburg herrscht, dass ist Mexico, das ist Südsibirien, da würde fast Wüste entstehen, wenn das Wetter so bleibt", sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes. 3,5 Millionen Hektar Getreide seien bundesweit geschädigt, die Ausfälle bezifferten sich auf eine Milliarde Euro. "Der Schaden ist jetzt bereits um ein vielfaches höher als letztes Jahr die Hochwasserkatastrophe."

Sonnleitner fordert Vorziehen der Ausgleichzahlungen: Mähdrescher in Mecklenburg-Vorpommern
DPA

Sonnleitner fordert Vorziehen der Ausgleichzahlungen: Mähdrescher in Mecklenburg-Vorpommern

Sonnleitner forderte Verbraucherministerin Renate Künast auf, sich beim laufenden EU-Agrarrat in Brüssel dafür einzusetzen, dass die EU ihre jährlichen Ausgleichszahlungen an die Bauern vorziehe. Auch der EU-Katastrophenfonds solle Gelder für die deutschen Bauern beisteuern. Die "Sonderopfer", die Finanzminister Hans Eichel (SPD) etwa mit der höheren Besteuerung von Agrardiesel von den Landwirten fordere, müssen seiner Meinung nach zurückgenommen werden.

In Brüssel sieht man dagegen nur geringen finanziellen Spielraum, die Dürre-Verluste für Europas Bauern auszugleichen. EU-Agrarkommissar Franz Fischler sagte am Dienstag, der Etat sei weit gehend ausgeschöpft. "Es kann nur darum gehen, Mittel, die den Landwirten zustehen, früher locker zu machen". Allerdings sei die Kommission bereit, nationale Beihilfen zu prüfen und Futtermittel aus EU-Beständen freizugeben.

Neben Deutschland haben auch Österreich, Frankreich und Italien Ernte-Schäden angesichts der anhaltenden Trockenheit in weiten Teilen Europas auf die Tagesordnung des Rates gebracht. Außerdem meldeten die Slowakei, Ungarn, Lettland und Polen Ansprüche an. Fischler sagte, die Schäden seien bei weitem größer als die bei der Flutkatastrophe im vergangenen Jahr in Mittel- und Osteuropa. "Es stehen wenig freie Mittel zur Verfügung", sagte Fischler.

Bundeslandwirtschaftsministerin Künast warnte unterdessen vor überzogenen und voreiligen Schätzungen der Verluste. Die vom Deutschen Bauernverband ins Spiel gebrachte eine Milliarde Euro an Ernte-Schäden nannte sie sehr hochgegriffen. "Ich möchte nicht über Zahlen spekulieren. Ich brauche die konkreten Zahlen", sagte sie. Die seien erst im August zu erwarten. Mehr als ein Programm zur Existenzsicherung werde aber voraussichtlich nicht möglich sein. "Wir werden nicht alles ersetzen können", sagte die Ministerin.



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