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Metallindustrie Erst mal geschluckt

Die IG Metall fordert Lohnerhöhungen von sechs Prozent. Viele Mitglieder wollen mehr.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Für die Themen der neuen Tarifrunde habe er eigentlich keinen Nerv, sagt der Betriebsrat Rolf Dietmaier: »Wir haben im Moment andere Sorgen.«

Bedrückt schildert der Metaller die Lage seiner Firma. Der süddeutsche Pressenhersteller Müller-Weingarten hat nicht genug Aufträge. Fast jeder dritte Arbeitnehmer ist im vergangenen Jahr entlassen worden, doch noch immer sei die Belegschaft mit 1900 Leuten um 20 Prozent zu groß. Um weitere Entlassungen zu vermeiden, arbeiten die Beschäftigten bis zum nächsten Jahr nur 28,8 Stunden pro Woche - ohne Lohnausgleich.

Der finanzielle Aderlaß mache vielen ganz schön zu schaffen, sagt Dietmaier. Ein Ausgleich der Preissteigerungsrate müsse deshalb diesmal drin sein.

Verhalten ist die Stimmung, mit der viele Metaller in die neue Tarifrunde gehen. In der vergangenen Woche ging der Kampf um Löhne, Arbeitszeiten und Beschäftigung wieder los - keine acht Monate nach dem letzten Abschluß.

Unter dem Motto »Eine Runde für den Arbeitsplatz« präsentierte Hans-Joachim Gottschol, Präsident der Metallarbeitgeber, die Wünsche seiner Klientel: Die für nächstes Jahr vereinbarte 35-Stunden-Woche wollen die Arbeitgeber verschieben.

Die in der letzten Runde geschlossenen Vereinbarungen zur Beschäftigungssicherung - die Unternehmen dürfen ohne Lohnausgleich die Arbeitszeiten senken, wenn sie dafür Entlassungsstopp garantieren - sollen über 1995 hinaus verlängert werden. Niedrigere Einstiegstarife für Arbeitslose fordern die Arbeitgeber und die Möglichkeit für ihre Mittelständler, die Tariflöhne gegen eine Beschäftigungsgarantie zu senken.

IG-Metall-Chef Klaus Zwickel faßt sich kürzer: Bis zu sechs Prozent mehr Lohn wollen die Metaller haben. Eine bescheidene Zahl für die streitbare Gewerkschaft, die vor wenigen Jahren noch zweistellige Aufschläge forderte.

»Es wird eine schwierige Runde«, meint Zwickel. Einerseits geht es der Branche besser, Aufträge, Produktion und Umsätze steigen (siehe Grafik). Die schlimmsten Entlassungswellen haben die Firmen hinter sich, manche stellen, zumindest befristet, wieder Leute ein.

Andererseits gilt die frohe Botschaft nur für einen Teil der Unternehmen, die unter dem Druck der Krise gewaltig abgespeckt und ihre Produktion modernisiert haben. Bei besonders Erfolgreichen, dem süddeutschen Autozulieferer Kolbenschmidt etwa, steigt die Produktivität mit zweistelligen Raten.

»Andere sind aber noch nicht soweit«, sagt der Neckarsulmer IG-Metall-Chef Frank Stroh. Bei etlichen Maschinen- und Werkzeugbauern, vor allem kleineren, stehen immer noch Zehntausende von Arbeitsplätzen auf der Kippe.

Der Aufschwung ist gespalten. Während die Metaller beim Pressenhersteller Müller-Weingarten darben, reiben sich bei der Zahnradfabrik Friedrichshafen die Betriebsräte die Hände. Der Hersteller von Getrieben kommt mit der Arbeit nicht mehr nach. Das Unternehmen stellte 200 Leute neu ein, aber es reicht immer noch nicht, die Kapazitäten sind erschöpft.

»Die Kollegen wollen in diesem Jahr eine deutliche Lohnerhöhung sehen«, sagt Betriebsrat Hans Kirchgässner. Vielen sind die von der IG-Metall-Zentrale empfohlenen sechs Prozent nicht genug.

Bei Danfoss in Flensburg brummen die Maschinen wieder fleißig, über 100 Arbeiter wurden neu und befristet eingestellt, um die Aufträge zu bewältigen. Doch gute Gewinne macht das Unternehmen noch nicht. Um die Erwartungen der Beschäftigten zu bremsen, hat die Geschäftsleitung den Betriebsräten die Zahlen vorgelegt. »Da haben wir erst mal geschluckt«, sagt Arbeitnehmervertreter Bernd Ulrich.

Die Menschen in den Unternehmen murren. Der Arbeitsdruck ist in den dezimierten Belegschaften gestiegen. Bei Danfoss sitzen viele Angestellte bis zu zehn Stunden am Tag im Büro, um die Arbeit zu schaffen - und wieder ist nichts zu verteilen?

In den vergangenen zwei Jahren haben die Beschäftigten Einbußen beim Einkommen hinnehmen müssen. Rund drei Prozent Kaufkraft hat ein Arbeitnehmer allein 1994 eingebüßt.

Die letzten beiden Lohnerhöhungen wurden den Metallern durch die Kürzung von betrieblichen Sozialleistungen wieder weggenommen. Kaum eine Firma, die nicht Kantinengeld, Weihnachtsgeld und andere übertarifliche Einkommen zusammenstrich.

Der Abschluß von zwei Prozent 1994 glich nicht einmal die Preissteigerungsrate aus. Im kommenden Jahr werden die Budgets der Arbeiter und Angestellten weiter belastet: Der Solidaritätszuschlag und die Pflegeversicherung fressen noch einmal gut 100 Mark monatlich vom verfügbaren Einkommen weg.

Einer Umfrage der Flensburger IG Metall zufolge ist jedes zweite Mitglied in der Nordregion verschuldet. Bei 3300 Mark brutto, die ein Montagearbeiter bei Danfoss in Flensburg oder bei Müller-Weingarten im Schwäbischen im Monat verdient, bleibt für große Ausgaben nicht viel übrig.

Den Funktionären und Betriebsräten fällt es deshalb nicht leicht, auch diesmal für Bescheidenheit zu werben. »Mit jeder Ankündigung des Aufschwungs«, befürchtet der Neckarsulmer IG-Metall-Chef Stroh, »wachsen die Erwartungen der Mitglieder.« Y

[Grafiktext]

_138a Konjunkturdaten d. westdt. Metallindustrie (1993 - Juni 1994)

[GrafiktextEnde]

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