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FISCHEREI Erst noch lernen

EWG-Mitglieder und Beitrittskandidaten haben sich bisher auf keine gemeinsame Fischereipolitik einigen können. Durch den Streit ist Norwegens EWG-Beitritt sogar gefährdet.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Gegen diese Invasion«, prophezeite Ernie Hamley, Sekretär des britischen Fischereiverbandes, »würde die Spanische Armada wie ein Schwarm von Moorhühnern erscheinen.«

Mit dem Verbandsfunktionär fürchten britische, irische, norwegische und dänische Fischer, die Fanggründe vor ihrer Küste würden nach einem EWG-Beitritt ihrer Länder von deutschen, holländischen und französischen Fischereiflotten »ausgeraubt« (James Prior, britischer Landwirtschafts- und (Fischereiminister).

Denn die Regierungen der vier EWG-Beitrittskandidaten schützen Ihre Küstenfischer durch eine Hoheitszone von zwölf Seemeilen gegen jede ausländische Konkurrenz. Die EWG-Bestimmungen hingegen sehen für alle EWG-Fischdampfer freies Fischen in allen Gewässern der Partnerländer vor.

Um ihren Fischern die nationalen Schellfisch-, Schollen- und Krabbenreservate zu erhalten, lehnten die Außen- und Europaminister Norwegens, Dänemarks, Großbritanniens und Irlands während der Brüsseler Beitrittsverhandlungen am vergangenen Dienstag selbst eine langfristige Übergangsregelung für ihre Küstengewässer ab.

Die Außenminister der EWG-Gründerstaaten hatten ihren Kollegen aus den beitrittswilligen Ländern vorgeschlagen, die Fischerei-Bannmeilen ab 1973 von zwölf auf sechs herabzusetzen und erst nach einer zehnjährigen Schonfrist endgültig abzuschaffen. Für einige nördliche Regionen, in denen die Bevölkerung fast ausschließlich vom Fischfang lebt -- wie Nordnorwegen, die dänischen Territorien Grönland und Färöer-Inseln sowie die britischen Shetland- und Orkney-Inseln -, gestanden die EWG-Unterhändler das vorläufige Fortbestehen der Zwölfmeilenzone und spätere Sondervereinbarungen zu.

Der irische Außenminister Patrick Hillery monierte jedoch sogleich, daß seinem Land als einzigem der vier Kandidaten kein Küstenstreifen mit Zwölfmeilen-Schutz angeboten worden sei. Sodann verlangte er die Beibehaltung der Zwölfmeilengrenze für die gesamte Küste Irlands bis Anfang 1983.

Britanniens Unterhändler Geoffrey Rippon forderte, das Zwölfmeilen-Privileg nicht nur auf die Orkneys und Shetlands zu beschränken, sondern auch auf andere britische Fanggründe wie Ostschottland und Cornwall auszudehnen. Zudem betonte er, daß diese Gebiete auch nach dem Ende der Übergangsperiode geschützt werden müßten.

Denn britische Küstenfischer fürchten, daß andernfalls die kontinentale Konkurrenz mit ihren engmaschigeren Schleppnetzen die sorgsam kontrollierten Fischbestände vor Großbritanniens Küsten rasch dezimieren würde. »Das ist kein Fischen, das ist Plündern«, erregte sich Kutterführer Vic Davis aus Whitstable über die Fangmethoden der Festlandfischer.

Da Europaminister Rippon in Brüssel allerdings auch die Interessen der britischen Hochseefischer zu vertreten hatte, die gern in ausländischen Revieren -- vor allem den norwegischen -- fangen würden, stimmte er im übrigen dem EWG--Prinzip des freien Fischens zu.

Ähnlich gespalten sind auch die dänischen Fischerei-Interessen. Die Regierung in Kopenhagen würde die Fischereipolitik der EWG akzeptieren, wenn sie nicht die besonderen Probleme Grönlands und der Faröer zu berücksichtigen hätte.

Diese dänischen Fischer-Territorien schickten sogar eigene Unterhändler nach Brüssel. Dort erklärte Atli Dam, der Vertreter der Färöer-Inseln, die Zwölfmeilengrenze genüge für seine Inseln nicht, wenn Island und Kanada -- wie bereits angekündigt -- ihre Hoheitszonen auf fünfzig Seemeilen erweitern würden.

In diesem Falle müßten sich auch Grönland und die Faröer durch Ausdehnung ihrer Schutzzonen neue Fanggebiete sichern. Wie Dänemarks Außenwirtschaftsminister Ivar Norgaard andeutete, könnten sich die semi-autonomen Territorien selbst dann gegen eine EWG-Mitgliedschaft entscheiden, wenn das Mutterland dem Gemeinsamen Markt beitreten würde.

Am schärfsten aber kritisierte Norwegens Außenminister Andreas Cappelen die EWG-Kompromißvorschläge. Er forderte den Brüsseler Ministerrat auf, ein auch weiterhin zeitlich unbegrenztes Zwölfmeilen-Monopol an Norwegens gesamter Küste zu gewähren. Innerhalb der Zwölfmeilengrenze sollen ausländische EWG-Fischer nur fangen dürfen, wenn sie sich in Norwegen niederlassen. Denn von einer allgemeinen Freigabe der EWG-Küstengewässer wäre Norwegen als größter Fischexporteur Europas besonders hart betroffen. Zwar leistet die norwegische Fischereiwirtschaft nur einen Beitrag von zwei Prozent zum Bruttosozialprodukt des Landes, trägt aber mit 15 Prozent zu den norwegischen Exporten bei.

Mit einem Fang-Ergebnis von über zwei Millionen Tonnen Fisch pro Jahr übertrifft Norwegens Fischereiflotte das gesamte EWG-Fangresultat, so daß sich die EWG nach einem norwegischen Beitritt von einem Fischimporteur zum Exporteur wandeln würde.

In Norwegens dünnbesiedelten nördlichen Provinzen lebt ein Fünftel bis ein Drittel der Bevölkerung vom Fischfang. 93 Prozent der Fische werden in den ]Fischgründen vor der Küste gefangen, die im Gegensatz zu den leergefischten EWG-Gewässern sehr ergiebig sind.

Nach einer Beseitigung der Zwölfmeilengrenze aber würden die meisten der 37000 norwegischen Fischer ihre bisherige Existenzgrundlage verlieren. Denn im völlig freien Wettbewerb mit den schwimmenden Fischfabriken aus deutschen, dänischen und britischen Häfen würde die norwegische Küstenflotte, die sich aus über 30 000 kleinen Booten zusammensetzt, sehr rasch unterliegen.

Seine Landsleute würden daher »niemals eine Vereinbarung hinnehmen, die den Fischdampfern der Gemeinschaft Zugang zu ihren Fischgründen gewähren würde«, versicherte Oslos Cappelen in Brüssel -- und setzte mit dieser unnachgiebigen Haltung Norwegens geplanten EWG-Beitritt aufs Spiel.

Denn da die EWG-Minister keinen Präzedenzfall für eine dauerhafte Sonderregelung schaffen wollen, befürchten Konferenzteilnehmer, daß die EWG-Mitgliedschaft Oslos am Fischerei-Grenzstreit scheitern könnte.

»Die müssen erst noch lernen«, kritisierte ein EWG-Beamter den Widerstand der norwegischen Delegation, »in gemeinschaftlichem Geiste zu denken.«

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