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LOHNRUNDE Erst tanken

Arbeitgeber und IG Metall sind sich einig: 1986 wird ein friedliches Jahr. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Als im Frühsommer 1984 die IG Metall ihren härtesten Streik überstanden hatte, wollte Ernst Eisenmann von den Kollegen wissen, wie es weitergehen soll. Der Stuttgarter IG-Metall-Bezirksleiter besuchte zahlreiche schwäbische Betriebe, um den weiteren Weg zur 35-Stunden-Woche zu erkunden.

Wohin Eisenmann auch kam, überall dachten seine Gefolgsleute, die gerade die 38,5-Stunden-Woche erkämpft hatten, kaum an weitere Arbeitszeitverkürzungen. Ob bei Daimler-Benz oder SEL, bei Bosch oder bei den zahlreichen kleineren Zuliefer-Firmen der Autoindustrie: Die Metaller fanden, jetzt sei erst einmal mehr Geld an der Reihe. In der Kühlerfabrik Julius Behr brachte ein Gewerkschafter die Stimmung der Belegschaft auf den Punkt: »Bevor wir zur 35-Stunden-Woche durchstarten, müssen wir erst mal kräftig nachtanken.«

Eisenmann hat sich das gut gemerkt. Im vergangenen Jahr, als die Tarifexperten in der Frankfurter IG-Metall-Zentrale berieten, wie im Herbst 1986 die 35-Stunden-Woche durchzusetzen sei, warnte der Schwabe: Kräftige Lohnsteigerungen, wie sie die Basis bei der Tarifrunde in diesem Frühjahr verlange, und weitere Arbeitszeitverkürzungen im Herbst, das sei nicht zu schaffen.

Eisenmann setzte sich mit seinen Bedenken im Vorstand der IG Metall gegen die Strategen aus Frankfurt durch. Wenn im März die Verhandlungen mit den Arbeitgebern anlaufen, werden die Unterhändler in den 16 Tarifbezirken Lohnforderungen zwischen sechs und 7,5 Prozent stellen; die 35-Stunden-Woche muß warten.

Eisenmanns Sieg ist die Niederlage von Hans Janßen, der offiziell im IG-Metall-Vorstand für die Tarifpolitik verantwortlich ist. Janßen will so schnell wie möglich über weitere Arbeitszeitverkürzungen verhandeln. Es sollen keine Zweifel daran aufkommen, daß es der Gewerkschaft ernst ist mit der 35-Stunden-Woche. Nur so ließe sich die vorhandene Arbeit auf möglichst viele verteilen und damit die Arbeitslosigkeit wirksam bekämpfen. Das brächte dann endlich auch die Gewerkschaften aus der jahrelangen Defensive.

Verbündete fand Janßen vor allem im Norden der Bundesrepublik, wo die Arbeitslosenzahlen am höchsten sind. In den Küstenländern leben die Metaller in ständiger Angst um ihre Jobs. »Fast jeder dritte ist hier schon arbeitslos«, klagt Clemens Bollen von der IG Metall im ostfriesischen Papenburg: »Die Kollegen in Süddeutschland kloppen dagegen Überstunden noch und noch.«

Wie Bollen denken alle Mitglieder der Tarifkommission für das nordwestliche Niedersachsen. Einstimmig beschlossen sie am Dienstag vergangener Woche, die Arbeitszeitverkürzung müsse »höchste

Priorität« behalten und dürfe nicht »zugunsten anderer Überlegungen verschoben werden«.

In Janßens Frankfurter Tarifabteilung wurde der Appell aus Ostfriesland wohlgefällig registriert. Er deckt sich mit einer Analyse der IG-Metall-Zentrale, die kürzere Wochenarbeitszeiten und damit die Massenarbeitslosigkeit so schnell wie möglich wieder zu einer zentralen politischen Frage machen möchte.

Nur so, meinen die IG-Metall-Strategen in Frankfurt, konnten die Gewerkschaften Einfluß auf den Ausgang der Bundestagswahl im Januar 1987 nehmen. Mit einer Tarifrunde, bei der es nicht um gesellschaftspolitische Themen, sondern nur um die Verteilung von Lohnprozenten gehe, seien die Arbeitnehmer nicht so zu mobilisieren wie während der Auseinandersetzungen um die 35-Stunden-Woche vor zwei Jahren. Wenn nächstes Jahr Kohl erst wiedergewählt sei, meinen die Metaller wohl zu Recht, werde es noch schwieriger, weitere Arbeitszeitverkürzungen durchzusetzen.

Für Bezirksleiter Eisenmann in Stuttgart ist das alles graue Theorie. Der pragmatische Schwabe schaut auf seinen Kalender, und da passen langwierige Auseinandersetzungen um die 35-Stunden-Woche nicht hinein.

Nach der Lohnrunde im Frühjahr behindern die Pfingstferien in Baden-Württemberg Ende Mai eine Kampagne für die Arbeitszeitverkürzung. Acht Wochen später beginnen die Sommerferien im Schwabenland, danach müssen sich die Funktionare auf den Gcwerkschaftstag im Oktober vorbereiten.

Dort soll immerhin entschieden werden, ob der IG-Metall-Vorsitzende Hans Mayr weiter im Amt bleibt oder ob sich sein Stellvertreter Franz Steinkühler an die Spitze schiebt. Danach sind es nur noch gut sechs Wochen, bis auch die Metaller von friedlicher Weihnachtsstimmung erfaßt werden: zu wenig Zeit, so Eisenmann, um die Gewerkschaftsbasis in Bewegung zu setzen.

Den Regierenden in Bonn kommt es sehr gelegen, daß die Metall-Arbeitnehmer in Baden-Württemberg - die schlagkräftigste Truppe der Gewerkschaft - in diesem Jahr keine Zeit für einen neuen Streit um die Arbeitszeit finden. Gegen kräftige Lohnerhöhungen haben die Bonner nämlich diesmal wenig, gegen weitere Arbeitszeitverkürzungen aber eine Menge einzuwenden.

Um den Aufschwung unbeschadet ins Wahljahr 1987 hinüberzuretten, braucht die liberal-konservative Regierung konsumfreudige Verbraucher. Die wiederum können nur Geld ausgeben, wenn die Lohnerhöhung reichhaltig ausfällt.

Mit dem Dollarkurs sinken auch die Absatzchancen der deutschen Exporteure. Deshalb sollen nun die bundesdeutschen Verbraucher den Aufschwung absichern. Die Rechnung könnte aufgehen, wenn die Inflationsrate tatsächlich so niedrig bleibt, wie die Bundesregierung im vergangene Woche verabschiedeten Jahreswirtschaftsbericht annimmt und der private Konsum wirklich um rund fünf Prozent zunimmt.

Voraussetzung ist dafür allerdings, daß die Arbeitnehmer mehr Geld zum Ausgeben haben. Lohnerhöhungen von vier bis 4,5 Prozent wären gerade richtig, hat Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann am vorletzten Wochenende in einem unbedachten Moment bereits ausgeplaudert.

Die Vier vor dem Komma ist zwar der Kompromiß, den Arbeitgeber wie Gewerkschafter ansteuern; aber das sagen sie nicht so laut und voreilig wie der Wirtschaftsminister. Denn je früher der angepeilte Tarifabschluß bekannt wird, um so schwerer ist er später bei den Mitgliedern von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden durchzusetzen. Die Unterhändler der Tarifparteien setzen sich dann dem Verdacht aus, sie hätten nicht das Letzte herausgeholt, sondern sich an eine Lohnleitlinie der Bundesregierung gehalten.

Den großen Krach können sich die Gewerkschaften dieses Jahr ohnehin nicht leisten. Im Clinch mit der Regierung um den Streikparagraphen 116 geht ihnen allmählich die Luft aus. Überdies sind sie mit der drohenden Pleite ihres Wohnungsbaukonzerns Neue Heimat auf den guten Willen der Banken und des Bauministers angewiesen.

Unter so mißlichen Umständen hält IG-Metall-Finanzverwalter Norbert Fischer sein Geld lieber zusammen. Die Metall-Arbeitgeber hingegen gehen ganz locker in die Tarifrunde.

Die Bruttogewinne der Metallunternehmen sind im Jahr 1984 um zehn Prozent gestiegen, haben Experten der IG Metall ausgerechnet. Im vergangenen Jahr betrug das Plus danach sogar über 40 Prozent. Bilanzen, die normalerweise mit einem Goldrand verziert sind, seien diesmal »diamantenbestückt«, meint Bezirksleiter Eisenmann.

Der Gewerkschaftsführer verlangt deshalb 150 Mark mehr im Monat für jeden Metaller in Baden-Württemberg, mindestens aber sieben Prozent. Die Metall-Arbeitgeber schreckt das nicht. Öffentlich fiel ihre Kritik eher verhalten aus, intern halten sie Eisenmanns Forderung für maßvoll. Da könne man sich schnell einigen. Wenn am Ende im Schnitt für jeden ein Hunderter mehr herauskommt, sagt ein Arbeitgeber-Vertreter, »sind wir alle zufrieden«.

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