Erste Ballmer-Biografie Der Irre von Microsoft

Von , New York

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil mehr über Ballmers manische Loyalität zu Microsoft


Führte Gates auf Partys ein: Ballmer als Kommunikator, Gates als Zuhörer
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Führte Gates auf Partys ein: Ballmer als Kommunikator, Gates als Zuhörer

Ab hier beginnt die Erfolgsgeschichte des ungleichen Duos, die in unzähligen Büchern bereits aus der Gates-Perspektive beschrieben wurde. Leider begnügt sich Maxwell zu oft damit, den Inhalt der verschiedenen Microsoft-Standardwerke zu referieren. Über große Strecken liest sich das Buch daher weniger wie die erste Ballmer-Biographie, sondern wie das zwanzigste Microsoft-Buch.

Einmal mehr hört der Leser von Altair, Basic und IBM, einmal mehr quält er sich durch den langwierigen Kartell-Prozess gegen Microsoft. Zwar bemüht sich Maxwell, die Person Ballmer in der Saga zu verorten, aber er bleibt an der Oberfläche.

"Ballmer ist ein Irrer"

Trotz Ballmers Weigerung zu kooperieren, hat Maxwell große Sympathien und Respekt für den Selfmade-Milliardär. Er beschreibt ihn als leidenschaftlichen Manager, dessen Loyalität zu Microsoft keine Grenzen kennt. "Gates ist übertrieben, aber Ballmer ist ein Irrer", kommentiert Bill Joy, der "Chief Scientist" von Sun Microsystems.

Das Symbol für Ballmers fast schon krankhafte Loyalität ist eine Episode aus dem Jahr 1991: Bei einer Verkaufsveranstaltung in Tokio rissen ihm beim "Windows"-Brüllen die Stimmbänder. Er musste operiert werden. Auch bei der Partnerwahl blieb Ballmer im Micro-Kosmos: 1990 heiratete er die Microsoft-PR-Mitarbeiterin Connie Snyder -Trauzeuge war natürlich Gates.

Aber Ballmers Affäre mit Microsoft war von Anfang an alles andere als reibungslos. Der Mitarbeiter Nummer 28 war der erste Business-Manager inmitten eines Haufens von "Code-Affen", wie Maxwell die Programmierer nennt. Der Neue machte sich gleich unbeliebt: Er strich den Überstundenlohn.

Nach wenigen Wochen gerieten auch Gates und Ballmer aneinander - der erste von unzähligen lautstarken Streits der beiden Besserwisser. Voller Paranoia soll Gates Ballmer angebrüllt haben: "Du versuchst, mich in den Bankrott zu treiben. Du versuchst, mich in den Bankrott zu treiben". Aus Protest verließ Ballmer kurzzeitig die Firma. Danach war er etabliert als einer der wenigen, die Gates Paroli bieten konnten.

"Wie viele Tankstellen gibt es in den USA?"

In den ersten Jahren war Ballmer unter anderem für Personalentscheidungen zuständig. In Bewerbungsgesprächen stellte er Fragen wie "Wie viele Tankstellen gibt es in den USA?", nur um die Geistesgegenwart des Bewerbers zu testen. Er hatte einen Riecher für gute Leute, und wenn ihn jemand überzeugte, stellte er ihn ein - egal ob das in den Personalplan passte oder nicht. "Es gibt Leute, die trifft man im Leben nur einmal", soll er gesagt haben.

Nachdem Mitgründer Paul Allen 1983 das Unternehmen verließ, war Ballmer die unbestrittene Nummer Zwei - auch wenn er formal den Präsidententitel erst fünfzehn Jahre später erhalten sollte. Als Chef der Betriebssystem-Abteilung war Ballmer lange Zeit der Einpeitscher, der die Microsofties zu den berüchtigten "Todesmärschen" antrieb, damit die neueste Windows-Version rechtzeitig fertig wurde - was dennoch nie klappte. Gleichzeitig war er in Gesprächen mit Wettbewerbern der Chef-Unterhändler, dem kein Trick zu dreckig war, um Microsofts Marktposition zu verbessern.

Der Börsengang am 13. März 1986 machte Ballmer zum 47-fachen Millionär - dreizehn Tage vor seinem 30. Geburtstag. Eine Million davon schenkte er seinem Vater, weit mehr als der in seinen 20 Jahren bei Ford verdient hatte. Inzwischen beläuft sich Ballmers Vermögen laut "Forbes" auf 11,9 Milliarden Dollar.

Trotz seines sagenhaften Reichtums war Ballmer immer bescheiden, manche sagen, geizig. Als Auto kommt für ihn nur Ford in Frage, der Familienehre wegen. Sein Haus in der Nähe der Firma kostet bloß eine halbe Million Dollar. Er ist auch kein großzügiger Spender wie Gates.

Ballmers Weltanschauung bleibt im Dunkeln

Als Anekdotensammlung "Best of Ballmer" macht die Lektüre Spass, aber im Großen und Ganzen hält das Buch nicht, was der Pressetext verspricht: Den "tiefen Einblick in den Mann, der die weltgrößte Softwarefirma wie sein eigenes Footballteam führt" sucht man vergeblich.

Maxwell schafft es zwar, Ballmer als charismatischen Boss zu porträtieren, der im Auto die Musik voll aufdreht und auf der Bühne vor der versammelten Mitarbeiterschaft tanzt und sich in Extase brüllt. Das berühmte "Monkeyboy"-Video (www.globnix.org/ballmer/dancemonkeyboy) ist um die Welt gegangen. Es endet mit Ballmers Schrei: "I love this company".

Aber darüberhinaus bleibt Ballmers Weltanschauung im Dunkeln. Auch wenn es um seine Management-Verdienste geht, kommt Maxwell über grobe Microsoft-Klischees nicht hinaus. Mit Ballmer und seinen Truppen zu verhandeln sei wie "Geschlechtsverkehr mit einer schwarzen Spinne", schreibt er an einer Stelle. Das schockt keinen mehr.

Vor allem wird nicht klar, was der Führungswechsel von Gates zu Ballmer in dem Unternehmen geändert hat. Die Interview-Verweigerung Ballmers entpuppt sich als schweres Problem. Am Ende kann Maxwell die alles entscheidende Frage nicht beantworten: Was denkt dieser Steve Ballmer?



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