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22. Oktober 2002, 13:43 Uhr

Erste Ballmer-Biografie

Der Irre von Microsoft

Von , New York

Seit knapp zwei Jahren ist Steve Ballmer der Chef von Microsoft. Jetzt ist die erste Biografie über ihn erschienen - gegen seinen Willen und trotz Sabotage durch die Microsoft-PR-Abteilung.

Gates ist übertrieben, Ballmer ist ein Irrer: Ballmer im Gespräch mit Gartner-Analysten
AFP

Gates ist übertrieben, Ballmer ist ein Irrer: Ballmer im Gespräch mit Gartner-Analysten

New York - Begonnen hatte alles mit einer unschuldigen Idee. Wäre es nicht interessant, fragte sich der Journalist Fredric Alan Maxwell, auch mal was über die Nummer Zwei bei Microsoft zu lesen? Den unermüdlichen Steve Ballmer, der im Januar 2001 seinen besten Freund Bill Gates als CEO beerbte?

Wie naiv. Maxwell sollte bald herausfinden, dass man nicht einfach so eine Biografie über den amtierenden Microsoft-Chef schreiben kann. "In meinen fünfzehn Berufsjahren habe ich noch nie PR-Leute getroffen, die weniger hilfreich waren als die Propagandisten von Microsoft", klagt Maxwell in seinem letztendlich doch erschienenen Buch "Bad Boy Ballmer" (Verlag HarperCollins, 2002).

Die Sabotage des Projekts begann mit einer deutlichen Absage. "Steve Ballmer will nicht, dass dieses Buch geschrieben wird", stellte seine Assistentin in einer E-Mail an Maxwell klar. "Er will keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen". Deshalb werde er auch kein Interview geben.

Irgendwie hat Maxwell es trotzdem geschafft, 262 Seiten zu füllen. Leider erschließt er darin kaum Neuland, und mitunter verliert er sich in unerklärlichen Ausflügen in die Geschichte. Warum, fragt man sich als Leser, erwähnt er jetzt schon wieder Hitler?

Musterschüler in Schuluniform

Aber in Gesprächen mit ehemaligen Klassenkameraden, Lehrern und Kollegen hat Maxwell doch einige saftige Details über den zehntreichsten Mann der Welt zusammengetragen - besonders über sein Leben vor Microsoft.

Als Kind war Ballmer ein Musterschüler, der keine Ruhe gab, bis er alles verstanden hatte. Er saß in der ersten Reihe und hatte immer seine Hand oben. Und er trug jeden Tag seine Schuluniform, obwohl sie nur einmal in der Woche vorgeschrieben war. "Er war Hardcore", erinnert sich ein Klassenkamerad.

Steve hatte eine Schwester, Shelley, aber er stand in der Familie immer im Mittelpunkt. Seine Mutter, zu der er ein besonders enges Verhältnis hatte, fuhr ihn zu Mathe-Wettbewerben durch ganz Michigan. Sein Vater sagte ihm, als er acht war, dass als Uni für ihn nur Harvard in Frage käme.

Diese elterliche Anspruchshaltung war in dem Detroiter Nobel-Vorort Birmingham damals sehr verbreitet, erinnert sich Michael Kinsley, heute einer der bekanntesten amerikanischen Journalisten, der auch dort aufwuchs. Weitere bekannte Söhne aus der Nachbarschaft sind der Filmschauspieler Robin Williams und Scott McNealy, Chef von Sun Microsystems.

Ballmer war der picklige 250-Pfund-Außenseiter

Vater Ballmer, ein gebürtiger Schweizer mit dem Vornamen Fritz Hans, arbeitete im unteren Management bei Ford - wie viele Väter der Gegend. Die Ballmers wohnten nicht direkt in Birmingham, dafür hatten sie nicht genug Geld. Aber dank eines Stipendiums konnte der hochbegabte Steve die exklusive High-School dort besuchen.

Erste Ballmer-Biografie: Frederic Alan Maxwells "Bad Boy Ballmer"

Erste Ballmer-Biografie: Frederic Alan Maxwells "Bad Boy Ballmer"

Ballmer galt als "Nerd", er hatte Pickel und wog 250 Pfund. Aber alle äußerlichen Mängel machte er durch Energie und Ehrgeiz wett. Er spielte Football und Basketball, war Präsident des Politik- und Computer-Clubs.

Er beendete die High-School als Jahrgangsbester und wurde am Harvard College gleich ins zweite Jahr aufgenommen. Alle glaubten, der Überflieger werde später mal Astrophysiker oder Mathematiker. Doch in Harvard lernte er den Mann kennen, der wenige Jahre später sein Leben vollends bestimmen sollte: Bill Gates.

Maxwell erzählt die Geschichte durchaus unterhaltsam, aber mit dem Auftritt von Gates häufen sich die ausgeluschten Anekdoten und Klischees. Ballmer und Gates wohnten im gleichen Wohnheim, dem einzigen, in dem dreimal so viele Frauen wie Männer schliefen. Gates hatte kaum Freunde, die anderen fanden ihn eklig und seltsam. Nur Ballmer, ebenfalls ein "Nerd" und erfolglos bei den Frauen, konnte mit ihm kommunizieren. Im Unterschied zu Gates war Ballmer aber ein Sozialtier und sehr populär. Er nahm seinen Freak-Freund Bill manchmal mit zu Partys.

Am Anfang galt es, dröge Backmischungen zu verkaufen

Wie bekannt, verließ Gates die Uni nach zwei Jahren ("Ich habe alles gelernt, was ich hier lernen kann") und gründete mit Paul Allen zusammen Microsoft in New Mexico. Ballmer, der Musterknabe, blieb. Er wurde Anzeigenmanager von zwei Uni-Zeitungen und entdeckte, dass ihm Marketing lag. Nach dem Abschluss begann Ballmer als Marken-Manager bei Procter and Gamble. Seinen wenige Quadratmeter großen "Cubicle" teilte er sich dort mit Jeffrey Immelt, der inzwischen Chef von General Electric ist.

Nach zwei Jahren wurde Ballmer es langweilig, dröge Backmischungen zu verkaufen. Er begann mit dem MBA-Studium in Stanford. Im Sommer nach seinem ersten Studienjahr suchte Ballmer nach einem Ferienjob. Gates überzeugte seinen Freund, das Studium auf Eis zu legen. Ballmer wurde zum Assistenten des Präsidenten Gates ernannt. Sein erster Arbeitsplatz war die Couch in Gates Büro.

Lesen Sie im zweiten Teil mehr über Ballmers manische Loyalität zu Microsoft

Führte Gates auf Partys ein: Ballmer als Kommunikator, Gates als Zuhörer
REUTERS

Führte Gates auf Partys ein: Ballmer als Kommunikator, Gates als Zuhörer

Ab hier beginnt die Erfolgsgeschichte des ungleichen Duos, die in unzähligen Büchern bereits aus der Gates-Perspektive beschrieben wurde. Leider begnügt sich Maxwell zu oft damit, den Inhalt der verschiedenen Microsoft-Standardwerke zu referieren. Über große Strecken liest sich das Buch daher weniger wie die erste Ballmer-Biographie, sondern wie das zwanzigste Microsoft-Buch.

Einmal mehr hört der Leser von Altair, Basic und IBM, einmal mehr quält er sich durch den langwierigen Kartell-Prozess gegen Microsoft. Zwar bemüht sich Maxwell, die Person Ballmer in der Saga zu verorten, aber er bleibt an der Oberfläche.

"Ballmer ist ein Irrer"

Trotz Ballmers Weigerung zu kooperieren, hat Maxwell große Sympathien und Respekt für den Selfmade-Milliardär. Er beschreibt ihn als leidenschaftlichen Manager, dessen Loyalität zu Microsoft keine Grenzen kennt. "Gates ist übertrieben, aber Ballmer ist ein Irrer", kommentiert Bill Joy, der "Chief Scientist" von Sun Microsystems.

Das Symbol für Ballmers fast schon krankhafte Loyalität ist eine Episode aus dem Jahr 1991: Bei einer Verkaufsveranstaltung in Tokio rissen ihm beim "Windows"-Brüllen die Stimmbänder. Er musste operiert werden. Auch bei der Partnerwahl blieb Ballmer im Micro-Kosmos: 1990 heiratete er die Microsoft-PR-Mitarbeiterin Connie Snyder -Trauzeuge war natürlich Gates.

Aber Ballmers Affäre mit Microsoft war von Anfang an alles andere als reibungslos. Der Mitarbeiter Nummer 28 war der erste Business-Manager inmitten eines Haufens von "Code-Affen", wie Maxwell die Programmierer nennt. Der Neue machte sich gleich unbeliebt: Er strich den Überstundenlohn.

Nach wenigen Wochen gerieten auch Gates und Ballmer aneinander - der erste von unzähligen lautstarken Streits der beiden Besserwisser. Voller Paranoia soll Gates Ballmer angebrüllt haben: "Du versuchst, mich in den Bankrott zu treiben. Du versuchst, mich in den Bankrott zu treiben". Aus Protest verließ Ballmer kurzzeitig die Firma. Danach war er etabliert als einer der wenigen, die Gates Paroli bieten konnten.

"Wie viele Tankstellen gibt es in den USA?"

In den ersten Jahren war Ballmer unter anderem für Personalentscheidungen zuständig. In Bewerbungsgesprächen stellte er Fragen wie "Wie viele Tankstellen gibt es in den USA?", nur um die Geistesgegenwart des Bewerbers zu testen. Er hatte einen Riecher für gute Leute, und wenn ihn jemand überzeugte, stellte er ihn ein - egal ob das in den Personalplan passte oder nicht. "Es gibt Leute, die trifft man im Leben nur einmal", soll er gesagt haben.

Nachdem Mitgründer Paul Allen 1983 das Unternehmen verließ, war Ballmer die unbestrittene Nummer Zwei - auch wenn er formal den Präsidententitel erst fünfzehn Jahre später erhalten sollte. Als Chef der Betriebssystem-Abteilung war Ballmer lange Zeit der Einpeitscher, der die Microsofties zu den berüchtigten "Todesmärschen" antrieb, damit die neueste Windows-Version rechtzeitig fertig wurde - was dennoch nie klappte. Gleichzeitig war er in Gesprächen mit Wettbewerbern der Chef-Unterhändler, dem kein Trick zu dreckig war, um Microsofts Marktposition zu verbessern.

Der Börsengang am 13. März 1986 machte Ballmer zum 47-fachen Millionär - dreizehn Tage vor seinem 30. Geburtstag. Eine Million davon schenkte er seinem Vater, weit mehr als der in seinen 20 Jahren bei Ford verdient hatte. Inzwischen beläuft sich Ballmers Vermögen laut "Forbes" auf 11,9 Milliarden Dollar.

Trotz seines sagenhaften Reichtums war Ballmer immer bescheiden, manche sagen, geizig. Als Auto kommt für ihn nur Ford in Frage, der Familienehre wegen. Sein Haus in der Nähe der Firma kostet bloß eine halbe Million Dollar. Er ist auch kein großzügiger Spender wie Gates.

Ballmers Weltanschauung bleibt im Dunkeln

Als Anekdotensammlung "Best of Ballmer" macht die Lektüre Spass, aber im Großen und Ganzen hält das Buch nicht, was der Pressetext verspricht: Den "tiefen Einblick in den Mann, der die weltgrößte Softwarefirma wie sein eigenes Footballteam führt" sucht man vergeblich.

Maxwell schafft es zwar, Ballmer als charismatischen Boss zu porträtieren, der im Auto die Musik voll aufdreht und auf der Bühne vor der versammelten Mitarbeiterschaft tanzt und sich in Extase brüllt. Das berühmte "Monkeyboy"-Video (www.globnix.org/ballmer/dancemonkeyboy) ist um die Welt gegangen. Es endet mit Ballmers Schrei: "I love this company".

Aber darüberhinaus bleibt Ballmers Weltanschauung im Dunkeln. Auch wenn es um seine Management-Verdienste geht, kommt Maxwell über grobe Microsoft-Klischees nicht hinaus. Mit Ballmer und seinen Truppen zu verhandeln sei wie "Geschlechtsverkehr mit einer schwarzen Spinne", schreibt er an einer Stelle. Das schockt keinen mehr.

Vor allem wird nicht klar, was der Führungswechsel von Gates zu Ballmer in dem Unternehmen geändert hat. Die Interview-Verweigerung Ballmers entpuppt sich als schweres Problem. Am Ende kann Maxwell die alles entscheidende Frage nicht beantworten: Was denkt dieser Steve Ballmer?

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