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»Erster Schritt zum ewigen Leben«

Werden die Forscher der Raëlianer-Sekte schon bald einen Menschen klonen?
aus DER SPIEGEL 32/2001

Der Spuk begann mit einem Außerirdischen. Im Jahre 1973 landete der Fremdling mit seiner fliegenden Untertasse auf einem erloschenen Vulkan und überbrachte dem Franzosen Claude Vorilhon eine erstaunliche Botschaft: Die Menschen seien in einem Genlabor von hochintelligenten außerirdischen Lebewesen geschaffen worden.

Dieses abstruse Science-Fiction-Märchen wurde zum Gründungsmythos einer Sekte, der weltweit angeblich schon 55 000 Menschen angehören und die nun ihren extraterrestrischen Vorbildern nacheifern wollen. Das Klonen von Menschen, verkündet Vorilhon, der sich heute Raël nennt, sei »ein erster Schritt in Richtung zum ewigen Leben, das wissenschaftlich gesehen für alle Menschen möglich ist«.

Dass in den USA, wo die Sektenfirma »Clonaid« ihren Sitz hat, das genetische Kopieren von Menschen schon bald als schweres Verbrechen geahndet werden könnte, schreckt den spirituellen Führer nicht - längst lasse er sein Menschenzuchtprojekt von zwei weiteren Forschern in einem Land vorantreiben, in dem keine Strafen drohen.

Zu den vielen Jüngern, die sich für klonenswert halten, gehört auch Reiner Krämer. Der 36 Jahre alte Informatiker aus dem pfälzischen Haßloch will sich nach seinem Tod aus einer Körperzelle genetisch duplizieren lassen: »Das Bewusstsein«, träumt er, »wird dabei von A nach B verpflanzt, und dann geht es weiter.«

Die Pilgerstätte der Raëlianer heißt »Ufoland« und liegt, eine Autostunde vom kanadischen Montreal entfernt, am Ende einer staubigen Piste. Der Sektenführer residiert hier inmitten von Spielzeug-Raumschiffen und eines gigantischen Modells der Erbsubstanz DNS. An seinem Hals baumelt ein Medaillon aus zwei ineinander verschlungenen Dreiecken: Symbol für die Unendlichkeit.

»Genau die werden wir mit dem Klonen erreichen«, prophezeit Brigitte Boisselier, 45. Die französische Chemikerin ist wissenschaftliche Leiterin von Clonaid. »Schon bald werden wir deshalb das erste gesunde Klon-Baby produzieren.« Daran arbeiteten derzeit fünf Forscher in zwei Laboren, deren Ort sie nicht preisgeben will.

Ohnehin lässt sich Madame Boisselier, die ihre stets wechselnden Aufenthaltsorte geheim hält, gern bitten. Wer sie treffen will, der muss eine Telefonnummer in Las Vegas wählen und wird dann nach Montreal bestellt. Dort taucht die Frau urplötzlich mit einem schwarzen Geländewagen aus dem fließenden Verkehr auf - im Schlepptau ihre 22 Jahre alte Tochter Marina, die den ersten Menschenklon als Leihmutter austragen will.

Das Baby soll aus einer Körperzelle eines amerikanischen Jungen entstehen, der angeblich im Alter von zehn Monaten durch einen medizinischen Kunstfehler ums Leben kam. Die verzweifelten Eltern, so Boisselier, hätten Clonaid für die gute Tat eine halbe Million Dollar gegeben. Doch allen Fragen nach Details weicht sie lächelnd aus: »Mehr kann ich leider nicht sagen.«

Der Verdacht liegt nahe, dass die Wissenschaftlerin der Klon-Sekte nur blufft. Allerdings kann Boisselier durchaus Science und Fiction auseinander halten. »Nicht alle Raëlianer glauben daran, dass auf jedem Berggipfel ein Ufo steht«, gesteht sie augenzwinkernd. Und natürlich könne ein geklontes Kind nicht das verstorbene ersetzen, »selbst wenn es dieselben Gene besitzt«. In naher Zukunft möchte Boisselier mit der Klon-Technik vor allem Paaren, die von Natur aus keine Kinder kriegen können, zu Nachwuchs verhelfen. »Tausende klonwillige Paare haben sich schon bei mir gemeldet«, behauptet sie. Auch an Geld, die teure Forschung voranzutreiben, mangele es nicht. Eine Vielzahl privater Investoren hielten an die »hundert Millionen Dollar« bereit.

Auch vor Missbildungen beim riskanten Klonen hat die Clonaid-Chefwissenschaftlerin keine Angst. Ihre Forscher würden nur besonders gesunde und damit überlebensfähige Klon-Embryonen verpflanzen. Zudem würden geklonte Keime, mit denen etwas nicht stimmt, auf Grund der natürlichen Selektion im Mutterleib ohnehin kaum anwachsen oder rasch absterben: »Ich werde beweisen, dass das Klonen sicher ist.«

US-Behörden nehmen ihre großmäuligen Ankündigungen offenbar durchaus ernst. So warnte die Arzneimittelbehörde FDA die klonfreudige Französin bereits im März schriftlich vor illegalen Experimenten und ließ einen Monat später ein geheimes Biolabor der Sekte im US-Bundesstaat New York durchsuchen.

Und der vergangene Woche im amerikanischen Repräsentantenhaus beschlossene Gesetzentwurf gegen jegliches Klonen von Menschen war auch eine Reaktion auf die Klon-Pläne der Ufo-Sekte. Pete Sheffield, Mitarbeiter des US-Kongresses, warnt: »Egal wie bizarr uns die Raëlianer erscheinen, wegen ihrer Finanzkraft und erschreckenden Entschlossenheit dürfen wir sie auf keinen Fall ignorieren.«

Was von Brigitte Boisseliers Ankündigungen tatsächlich zu halten ist, könnte sich diese Woche in Washington zeigen. Zu ihrer Anhörung über das Klonen von Menschen hat die »Nationale Akademie der Wissenschaften« auch die Sektenforscherin eingeladen. Boisselier, die ihre mannigfaltigen Behauptungen noch nie wissenschaftlich unter Beweis gestellt hat, wird dann erstmals vor die führenden Klon-Forscher der Welt treten.

Mit von der Partie sind zwei weitere glühende Befürworter des Menschenklonens: der italienische Fortpflanzungsmediziner Severino Antinori und sein Kollege Panos Zavos aus Lexington in Kentucky.

Zavos stellte vergangene Woche bereits klar, dass er sich das Klonen von keinem Parlament der Welt verbieten lassen will. »Wir könnten in der Innenstadt von Beirut einen Embryo klonen, ihn in Sydney in eine Gebärmutter setzen und in einem katholischen Krankenhaus in Boston auf die Welt kommen lassen«, tönte der Wissenschaftler. »Ich glaube kaum, dass irgendjemand das Baby dann verhaften wird.« JÖRG BLECH

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