Erzieherinnen Ver.di droht mit Verschärfung der Kita-Streiks

Es ist erst der Beginn: Rund 11.000 Erzieherinnen haben sich in ganz Deutschland dem Kita-Streik angeschlossen und Hunderte von Kitas dichtgemacht. Damit wollen sie bessere Löhne und Arbeitsbedingungen erzwingen - und den Ausstand notfalls ausweiten.


Köln/Berlin - Hunderte geschlossene Kitas, Tausende Erzieherinnen im Ausstand - doch das ist noch lange nicht alles: Die Gewerkschaft Ver.di hat im Kampf um einen besseren Gesundheitsschutz und mehr Geld für Erzieher mit einer Verschärfung der Streiks in den Kindertagesstätten gedroht. "Wir sind steigerungsfähig", sagte Jürgen Reichert, für Soziales zuständiger Ver.di-Landessekretär in Nordrhein-Westfalen am Freitag dem WDR. Mit dem heutigen Tage sowie Montag und Dienstag fange man an, "und dann werden wir das noch weiter anziehen".

Seit Freitagmorgen haben sich rund 11.000 Erzieherinnen einem bundesweiten Kita-Streik angeschlossen. Betroffen waren Kindergärten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen, Bremen, Schleswig- Holstein, im Saarland und Baden-Württemberg. Zehntausende Eltern mussten für ihre Kinder eine andere Unterbringung organisieren oder sie selbst betreuen. Auch Ver.di-Chef Frank Bsirske drohte in Köln mit einem langen Arbeitskampf.

Bei einer Veranstaltung in der Domstadt mit mehr als 2000 Beschäftigen forderte Bsirske erneut einen Gesundheitstarifvertrag für die bundesweit 220.000 Erzieherinnen und Sozialarbeiter bei den Kommunen. Kitas in privater Trägerschaft sind von der Streikwelle nicht betroffen. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) verlangte eine bessere Bewertung des Erzieher-Berufs und äußerte Verständnis für deren Anliegen.

"Arbeitsbedingungen sind alles andere als unmenschlich"

Zusammen mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) will Ver.di den Gesundheitsschutz tarifvertraglich regeln und die Streiks dafür notfalls auch ausweiten. Im baden-württembergischen Ulm, wo fast keine städtische Einrichtung öffnen konnte, kritisierte Oberbürgermeister Ivo Gönner (SPD) den Erzieherstreik: "Die Arbeitsbedingungen der Erzieherinnen sind alles andere als unmenschlich", sagte Gönner. Angesichts des dramatischen Rückgangs der Steuereinnahmen könnten Städte und Gemeinden nicht noch mehr Geld für die Kinderbetreuung aufwenden.

Allein in Nordrhein-Westfalen blieben laut Ver.di in 26 Städten kommunale Kindergärten dicht, mehr als 4000 Erzieherinnen kamen nicht zur Arbeit. In Rheinland-Pfalz wollten sich 1000 Erzieherinnen am Streik beteiligen, in Mainz sollten alle Kitas dicht sein. In Bremen legten einige hundert Beschäftigte die Arbeit nieder. An 60 Kindergärten in Bremen und Bremerhaven war zu lesen: "Diese Einrichtung wird bestreikt." Auch in Hessen lief der Arbeitskampf laut Ver.di planmäßig an. Das Saarland beteiligte sich mit zehn Einrichtungen.

In Schleswig-Holstein lag der Schwerpunkt in Kiel, wo 25 der 36 städtischen Kitas geschlossen blieben. Dort zogen 250 Erzieherinnen mit Transparenten durch die Innenstadt. "Wir haben eine höhere Streikbeteiligung als wir ursprünglich gedacht haben", sagte Ver.di- Sprecherin Martina Sönnichsen in Berlin. Eltern hätten sich sehr gut auf die Streiks eingestellt und meist andere Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder organisiert.

Bsirske kritisierte die wachsende Belastung, zunehmende Gesundheitsprobleme und eine immer stärker verdichtete Arbeit im Kindergarten-Alltag. Nach Gewerkschaftsangaben können sich nur 26 Prozent der Erzieher und 58 Prozent der Sozialarbeiter vorstellen, bei den gegenwärtigen Arbeitsbedingungen das Rentenalter gesund zu erreichen.

Insgesamt besuchen dem Statistischen Bundesamt zufolge rund 2,25 Millionen Kinder Tageseinrichtungen. Bundesweit gibt es knapp 50.000 Kitas, davon 17.000 in kommunaler Trägerschaft.

sam/dpa/AP



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.